Fokus Gesundheit
Langeweile ist ein Gefühl, das viele Kinder nicht mehr ertragen

Neu gibt es am Kantonsspital Baden (KSB) eine kinderneurologische Sprechstunde. Der Kinderarzt und Neuropädiater David-Alexander Wille spricht im Interview über die Vorteile eines solchen regionalen Angebotes, Kopfschmerzen bei Kindern und gibt Tipps für Last-minute-Weihnachtsgeschenke.

Vivien Wassermann, Baden
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Gesundheit Aargau

Herr Wille, in Ihrer Sprechstunde sehen Sie häufig Kinder mit Kopfschmerzen. Wann sollten Eltern diese unbedingt abklären lassen?
Das ist eine Frage, die nicht in ein oder zwei Sätzen beantwortet werden kann. Abklärungsbedürftig sind Kopfschmerzen, die häufig auftreten, zunehmen, bei denen Zusatzsymptome auftreten oder auch wenn Kinder aufgrund der Kopfschmerzen nachts erwachen. Es gibt aber noch weitere Warnzeichen, bei denen man hellhörig werden sollte. In der neuropädiatrischen Sprechstunde kann ich eine ausführliche Abklärung und Beratung anbieten.

Wie kann man Kopfschmerzen vorbeugen, die beispielsweise vor allem in der Schule auftreten?
Bei den sogenannten Spannungskopfschmerzen ist oft eine Umstellung im Alltag sinnvoll: mehr körperliche Aktivität, einen regelmässigen Schlaf- Wach-Rhythmus oder zum Beispiel eine Erhöhung der Trinkmenge. Auch eine ergonomische Anpassung des Arbeitsplatzes kann oft eine Verbesserung bringen.

Mit welchen weiteren Krankheitsbildern kommen Ihre kleinen Patienten zu Ihnen?
In der neuropädiatrischen Sprechstunde bieten wir zum Beispiel Abklärungen für Kinder mit Epilepsien, Hirnfehlbildungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Entwicklungsverzögerungen und anderweitigen neurologischen Krankheitsbildern an. Besonders spezialisiert habe ich mich im Bereich der kindlichen Kopfschmerzen, des kindlichen Schwindels, der Cerebralparese, der neuromuskulären Erkrankungen und des sogenannten «offenen Rückens».

Stichwort Entwicklungsverzögerungen. Was tun, wenn das Kind noch nicht krabbelt oder die Zahlenmenge nicht erkennt, während Gleichaltrige dies schon können?
In allen Bereichen der kindlichen Entwicklung gibt es ein sehr breites Spektrum. Es müssen schon mehrere Aspekte zusammenkommen, damit möglicherweise ein Krankheitswert dahintersteckt. Und den Eltern sollte bewusst sein: Auch der Durchschnitt ist normal! Kinder müssen nicht immer und überall Höchstleistungen bringen – ein Kind hat z.B. Talent im Motorischen, ein anderes im sprachlichen Bereich. Natürlich gibt es auch Grenzen: Wenn ein Kind mit 20 Monaten noch nicht läuft, muss man genauer hinsehen. Man sollte stets das Kind im Gesamten beurteilen.

Das kinderneurologische Angebot ist im Ostaargau bisher nicht stark vertreten. Wo sehen Sie mit der neuropädiatrischen Kindersprechstunde am KSB die Vorteile für die kleinen Patienten und ihre Eltern?
Vorteilhaft für die Familien der Region ist sicherlich, dass die Wege zu einem Neuropädiater nun kürzer sind. Ich kann in der neuropädiatrischen Sprechstunde ein breites Spektrum an neurologischen Krankheiten abdecken und biete den Patienten und deren Familien, wenn gewünscht und sinnvoll, eine langfristige Betreuung an. Auch die Transition, sprich der Wechsel von der Kinder- zur Erwachsenenmedizin, kann nun unter einem Dach in Zusammenarbeit mit der Erwachsenen-
Neurologie erfolgen.

Welche Spiele können Sie aus kinderneurologischer Sicht für die Kleinen empfehlen?
Für jüngere Kinder ist Memory sicherlich gut. Auch «Das Verrückte Labyrinth » und «Kuhhandel» spiele ich gern mit meinen Kindern. Oder «Dobble», wo es eine Mischung aus Reaktion und Kombinationstalent
braucht.

Viele, auch kleinere Kinder, werden wahrscheinlich digitale Geräte unterm Weihnachtsbaum finden ...
Meine Empfehlung ist, gemeinsam mit dem Kind einen Kompromiss für die Nutzung der digitalen Medien zu finden. Kinder brauchen Ruhezeiten. Auch aus einer Langeweile heraus kann viel Konstruktives geschehen. Ein Gefühl, das viele Kinder so gar nicht mehr kennen oder ertragen.

Neu: Kinderneurologie am Kantonsspital Baden
In der neuropädiatrischen Sprechstunde werden auf ärztliche Zuweisung Säuglinge, Kinder und Jugendliche untersucht, die Auffälligkeiten des Nervensystems (Gehirn, Rückenmark, peripheres Nervensystem) aufweisen. Die Sprechstunde deckt das gesamte Spektrum der ambulanten Neuropädiatrie ab. Bei chronischen neurologischen Erkrankungen kann eine Langzeitbetreuung für die betroffenen Kinder und deren Familien angeboten werden. www.ksb.ch