KulturLegi
Langenthal als Schlüsselgemeinde für die KulturLegi

Ob Tanzkurse, Fussreflexzonen-Massagen oder Theatervorstellungen – Langenthaler mit wenig Geld können alle diese Angebote bald verbilligt nutzen, denn: Die Stadt führt 2012 die KulturLegi der Caritas Bern ein.

Fabienne Wüthrich
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Personen mit einer KulturLegi können in der Ludothek Langenthal bald günstiger Spiele ausleihen. keystone

Personen mit einer KulturLegi können in der Ludothek Langenthal bald günstiger Spiele ausleihen. keystone

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Damit erhalten Menschen, die am oder unter dem Existenzminimum leben, die Chance, sich am soziokulturellen Leben zu beteiligen. Für Gonca Kuleli Koru, Leiterin KulturLegi Kanton Bern, ist es ein äusserst sinnvolles Angebot: «Die KulturLegi hat sich zum Ziel gesetzt, der Vereinsamung entgegen zu wirken, berufliche Chancen der Betroffenen zu verbessern, die Kinder zu stärken und die Solidarität zu fördern. Denn Armut grenzt aus.»

Kehrtwende

In Langenthals Politik selber war die KulturLegi nicht unbestritten: Vor eineinhalb Jahren stellte sich der Gemeinderat dagegen, dass die Einführung der KulturLegi in der Stadt überhaupt geprüft wird. Sponsoren, so die Idee des Gemeinderates, sollten für die Legi eingespannt werden. Das Postulat der ehemaligen Langenthaler Stadträtin Nadine Masshardt (SP) wurde aber trotz Bedenken überwiesen.

Weshalb die Kehrtwende? Nachgefragt beim zuständigen Gemeinderat Reto Müller (SP), sagt er: «Nach eingehender Diskussion ist der Gemeinderat zu folgendem Schluss gekommen: Es ist wichtig, Kindern, Jugendlichen sowie Familien, welche wirtschaftlich unterstützt werden oder die nachweislich am Existenzminimum leben, dank des Angebots der KulturLegi den Zugang zu Sport, Bildung und Kultur ab 2012 zu erleichtern.» Die Entscheidung sei aufgrund des erstellten Prüfberichts des Sozialamtes gefallen.

Stadt leistet Lancierungskosten

Die Verantwortlichen der KulturLegi zeigen sich glücklich über den Entscheid der Stadt, das Angebot einzuführen. «Für den Aufbau der KulturLegi im Verwaltungskreis Oberaargau war es sehr wichtig, Langenthal für das Projekt zu gewinnen», sagt Kuleli Koru. Langenthal sei die Schlüsselgemeinde für die Region.

Wollte der Gemeinderat noch vor eineinhalb Jahren nicht zwingend für die Kosten der KulturLegi aufkommen, steht das heute nicht mehr zur Diskussion: «Die Kosten werden geteilt», so Müller. Die Angebotspartner offerierten ihre Ermässigungen auf eigene Kosten. «Im Gegenzug erhalten sie mehr Publikum und beteiligen sich als Sozialpartner präventiv an der Gesunderhaltung und Bildung einer Bevölkerungsschicht, deren Zugang zu solchen Angeboten ansonsten erschwert wäre», sagt er. Die organisatorischen Kosten werden von der Stadt mitfinanziert; sie werden gemeinsam von den beteiligten Gemeinden und der Caritas Bern als Organisatorin der KulturLegi getragen.

Nicht ein Genuss für alle

Für die Akquisition der Angebotspartner im Raum Oberaargau ist die KulturLegi Kanton Bern verantwortlich. Die Stadt leistet jedoch Lancierungskosten; inklusive des ersten Beitragsjahres kostet Langenthal das Angebot 13000 Franken. Ab 2013 fallen jedoch die Lancierungskosten weg, und die Stadt muss gegen 11000 Franken berappen. «Der Betrag wird in den Folgejahren in etwa konstant bleiben», sagt er.

Nicht alle Langenthalerinnen und Langenthaler kommen in den Genuss der KulturLegi. Laut Müller profitieren nur Menschen, die nachweislich am oder unter dem Existenzminimum der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe leben oder bereits Leistungen beziehen – wie etwa Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen oder mindestens die zweithöchste Krankenkassen-Prämienverbilligung erhalten (120 Franken). Wie viele Menschen der gut 1000 unterstützten Personen (inklusive Kinder) in Langenthal allenfalls die KulturLegi beziehen werden, sei aber nicht fassbar: «Eine konkrete Zahl abzuschätzen, fällt schwer.» Mit einem Berechtigungsnachweis können die entsprechenden Personen die KulturLegi beantragen. Diese ist für die Bezüger im ersten Jahr kostenlos, danach werden 20 Franken zur Erneuerung für Einzelpersonen und 30 Franken für Familien und Paare fällig.

Zwölf Langenthaler Institutionen bieten ihr Angebot günstiger an und gewähren ab dem 1. Januar 2012 zwischen 30 und 50 Prozent Ermässigung – darunter etwa das az Langenthaler Tagblatt, das Kunsthaus, das Museum sowie die Jazz-Tage. Innert wenigen Tagen hätten sich die zwölf Institutionen für eine Partnerschaft entschieden, sagt Kuleli Koru erfreut. Sie sei überzeugt, dass sich die KulturLegi in der Stadt gut etablieren und weitere Partner beim Projekt einsteigen werden. Die meisten Personen, welche eine KulturLegi erhalten, würden nicht zur heutigen Kundschaft der Partner zählen, da sie sich Freizeitveranstaltungen, Sport und Weiterbildung nicht leisten könnten.

KulturLegi-Nutzer seien also in der Regel Neukunden. «Unsere Angebotspartner verlieren nichts. Im Gegenteil: Sie gewinnen neue Kundinnen und Kunden und können somit mit mehr Einnahmen rechnen», sagt sie. «Ausserdem nimmt die Solidarität einen grossen Teil ein und motiviert viele Partner zum Mitmachen.»

Angebote vor Ort sind wichtig

Seit Januar dieses Jahres sei die KulturLegi schweizweit bei über 900 Angebotspartnern gültig, sagt Kuleli Koru. Die KulturLegi Kanton Bern berechtige beispielsweise zum vergünstigten Eintritt in den Zürcher Zoo oder zum Besuch der Meisterschaftsspiele der Young Boys im Stade de Suisse für ein reduziertes Eintrittsgeld. Müller sagt aber überzeugt: «Trotz schweizweiter Gültigkeit ist es extrem wertvoll, Angebote vor Ort zu erschliessen, da etwaige Reisekosten zu den Angeboten nicht ermässigt werden.»

Wie wertvoll das Angebot für die Langenthaler ist, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Für die Stadt ist bereits klar, dass das Projekt keine Evaluation benötigt: «Aufgrund der breiten Akzeptanz und Vernetzung des Projekts KulturLegi auch in Städten wie Biel und Bern ist das nicht vorgesehen», sagt Müller. «Sollten wir aber feststellen, dass die KulturLegi in Langenthal nicht genutzt wird, wird der Gemeinderat das Angebot wieder einstellen.» Seitens der KulturLegi Kanton Bern wird ständig die Nutzungsquote eruiert, sagt Kuleli Koru. Deshalb werden laufend Fragebogen von Legi-Nutzern ausgewertet und Umfragen bei den Angebotspartnern durchgeführt.