Oberaargau
Kostet Managed Care den Oberaargau 1,4 Millionen?

Der Hausarzt Kurt Krieger widerspricht dem Bundesrat Alain Berset - Die betreffende Betriebsgesellschaft schweigt. Im Abstimmungskampf vor dem 17. Juni jonglieren jedoch nicht nur Bundesrat Berset und Hausarzt Krieger mit Zahlen.

Samuel Thomi
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Kurt Krieger in seiner Gruppenpraxis in Arwangen mit den «geheimen» Vertragskopien.

Kurt Krieger in seiner Gruppenpraxis in Arwangen mit den «geheimen» Vertragskopien.

SAT

Wer hat Recht? Gesundheitsminister Alain Berset verspricht, mit einem Ja zur Managed-Care-Vorlage am 17. Juni «rund 1 Milliarde Franken» einzusparen und so die Krankenkassenprämien zu senken. Die engere Zusammenarbeit und Koordination respektive die daraus resultierende Vermeidung von Mehrfachbehandlungen verbessere nicht nur die Qualität des Gesundheitswesens, sondern werde auch unnötige Kosten verhindern, begründete der SP-Bundesrat kürzlich im Interview mit dem «Sonntag».
«Alle Verträge sind geheim»
«Kann nicht sein», widerspricht Kurt Krieger, Allgemeinpraktiker in der Gruppenpraxis Krieger & Stäger in Aarwangen. «Als Erstes werden mit ‹Managed Care› die Kosten für die Bürokratie massiv steigen», warnt der 52-Jährige. Denn neu hat nicht nur der Patient mit dem Arzt einen Behandlungsvertrag. Künftig sollen die Kassen mit den Betriebsgesellschaften Zusammenarbeitsverträge eingehen und diese wiederum schliessen mit Ärztenetzwerken Verträge ab (vgl. Kasten rechts). - «Doch alle diese Verträge sind geheim», kritisiert Kurt Krieger. Er gehört zwar keiner Partei an, ist aber im Verein für freie Arztwahl engagiert, welcher unter anderem die Managed-Care-Vorlage bekämpft.
Der Oberaargauer Hausarzt weiss, wovon er spricht. Gehört Kurt Krieger doch wie rund 60 Ärzte in der Region bereits einem Netzwerk an, dem Ärztenetzwerk Oberaargau für Managed Care (NOAH) des Ärztlichen Bezirksvereins Oberaargau. Eingeschrieben verlangte er Einsicht in die «geheimen» Verträge zwischen NOAH und Krankenkassen. Um die Kopien zu erhalten, musste er zusichern, die Details daraus nicht weiter zu geben.
Darum zeigt Krieger beim Gespräch in seiner Praxis zwar den Ordner, nennt aber nur Durchschnittswerte. Und macht eine Überschlagsrechnung. Ausgehend vom bundesrätlichen Ziel, dass bis 2015 60 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer in einem Managed-Care-Modell versichert sind, rechnet er vor: «Bei 48 000 Versicherten ergäbe dies, bei den aktuellen Kopfprämien, allein für den Oberaargau neue Kosten von zirka 1,4 Millionen Franken pro Jahr.» Davon gingen als grösste Posten 417 000 Franken an die Betriebsgesellschaft für das Management des Netzwerks und 670 000 Franken an das Ärztenetzwerk für das Management der Patienten. Dazu kämen die Kosten für Prämienverbilligungen und tiefere Selbstbehalte für Managed Care-Versicherte, so Krieger. «Diesen
Mehraufwand kann man mit Managed-Care-Einsparungen, also Rationierungen, niemals hereinholen. Folglich kommt es zu Prämien- oder Steuererhöhungen.»
«Alles falsch»
Von diesem Kostenschub profitieren würde laut Kurt Krieger vor allem «die neue Kaste der Betriebsgesellschaften und die Manager der Krankenkassen». Fest stehen für den in Huttwil aufgewachsenen Arzt auch die Verlierer: «Die Ärzte, weil sie wegen der neuen Budgetmitverantwortung die Rationierung umsetzen müssen, und die Patienten, weil sie die freie Arztwahl verlieren und die neuen Kosten berappen müssen.»
Fred Zwygart ist Leiter von PonteNet. Die in Schönbühl beheimatete Betriebsgesellschaft bewirbt sich im Internet als «Das Managed Care Kompetenzzentrum». Nebst dem Oberaargauer NOAH arbeitet Ponte-Net mit sieben weiteren Ärztenetzwerken im Bernbiet zusammen. Mit Kurt Kriegers Aufwandrechnung konfrontiert reagiert Zwygart zurückhaltend. «Alles falsch», sagt er erst. Doch wolle er sich mit dem Vorstand besprechen. Tage später der Rückzieher: Die Aussagen werden nicht kommentiert, so die Sekretärin kurz und knapp.
Auch Krankenkasse am Pranger
Ob die Zahlen stimmen oder nicht, kann also nicht überprüft werden. Kurt Krieger bleibt auf Nachfrage dabei. Im Abstimmungskampf vor dem 17. Juni jonglieren jedoch nicht nur Bundesrat Berset und Hausarzt Krieger mit Zahlen. Sondern auch weitere Befürworter und Gegner. Eben wurde zum Beispiel beim Bundesamt für Gesundheit eine Aufsichtsbeschwerde erhoben, weil Krankenkassen Ärztenetzwerke verpflichten, Prämiengelder für politische Informationskampagnen auszugeben (vgl. Kasten links).