Huttwil
Fabrikmauern, hinter denen Maschinennadeln stricken

Die Maschinenstrickerei hat in Huttwil eine lange Tradition: Vor gut hundert Jahren gründeten die Unternehmer Daniel Scheidegger-Grädel und Jakob Leuenberger die beiden ersten und grössten Betriebe.

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Luzernstrasse

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Solothurner Zeitung

Die Maschinenstrickerei hat in Huttwil eine lange Tradition: Vor gut hundert Jahren gründeten die Unternehmer Daniel Scheidegger-Grädel und Jakob Leuenberger die beiden ersten und grössten Betriebe.

Die zwei Fabrikliegenschaften, von denen die Strickereien Pascal Bornet und Frilo nur noch einen kleinen Teil der Räume beanspruchen, zeugen heute noch von dieser Blütezeit, in der auch viele Arbeitsplätze von dieser Branche abhingen.

Die Fabrik an der Luzernstrasse, in der heute Pascal Bornet strickt, wurde 1886 von Daniel Scheidegger-Grädel gebaut. Er wurde 1854 als Sohn eines Landwirts und Leinwandfabrikanten in Schwarzenbach bei Huttwil geboren und arbeitete nach einer kaufmännischen Lehre in Italien, Strengelbach und Zofingen. 1886 kehrte er in seinen Heimatort zurück und gründet eine mechanische Strickerei, um Arbeitsplätze für die arme Bevölkerung zu schaffen. Die Region Huttwil war zu dieser Zeit noch weitgehend von der Landwirtschaft und der seit einem Jahrhundert serbelnden Leinwandherstellung geprägt.

Scheidegger war damit in der Schweiz ein Pionier, hatten doch erst zwölf Jahre zuvor Jakob und Pauline Zimmerli in Aarburg die erste Strickmaschine aus England eingeführt und in einer Konkurs gegangenen Rotfärberei mit der industriellen Herstellung von Socken und Strümpfen begonnen.

Drei Jahre später nahmen sie eine neue, selbst entwickelte Strickmaschine in Betrieb, mit der auch gerippte Stoffe und Unterwäsche hergestellt werden konnten. Damit war die Grundlage für das heutige Unternehmen Zimmerli, aber auch die schweizerische Strickerei-Industrie gelegt.

Noch ohne Eisenbahn

In den ersten Jahren der Maschinenstrickerei von Daniel Scheidegger-Grädel mussten die produzierten Textilien mit Pferdegespannen nach Langenthal gebracht werden, erhielt doch Huttwil erst 1889 Anschluss ans Eisenbahnnetz. Da er hauptsächlich für den Export nach England und Amerika produzierte, musste Scheidegger auch die englische Sprache lernen. Da es dafür in der Region Huttwil keine Lehrkräfte gab, musste er sich diese im Selbststudium und auf Reisen aneignen.

Daniel Scheidegger war nicht nur Unternehmer, sondern auch für das Gemeinwesen engagiert. Er war 1892 an der Gründung der Wasserversorgung beteiligt, ein Jahrzehnt später dann am Bau des ersten Spitals und 1915 am Bau des Sekundarschulhauses.

Vier Jahre nach Scheidegger gründete Jakob Leuenberger-Ryser, Sohn eines Landwirts und Worbmachers, nach Wanderjahren in Italien und im Appenzellerland auf der Hub – am heutigen Friloweg – eine weitere Maschinenstrickerei. Diese wuchs um 1900 rasch zu einem kleinen Industriequartier samt eigenem Wasserkraftwerk in der Lochmühle.

Wie Scheidegger war auch Leuenberger in der Öffentlichkeit aktiv: Er war Gemeindepräsident, Grossrat und als Krönung von 1922 bis 1931 mit Unterbrüchen Nationalrat – als einer von zwei Bundesparlamentariern, die Huttwil bis heute stellte. Dem Spital schenkte er 1929 das Land für einen Neubau, während er das alte Spital erwarb und dem Verein für das Alter des Amtes Trachselwald für die Einrichtung des Altersheims Sonnegg schenkte.

Handstrickerinnen in Eriswil

Auf Handstricken in Heimarbeit setzte dagegen das 1855 auf Initiative der Pfarrfrau Maria Gerster-Wiegsam in Eriswil initiierte Unternehmen des von Basel zugezogenen Ehepaares Wirz-Kiefer. Zeitweise standen 700 bis 800 Heimarbeiterinnen in ihren Diensten.

In der Zeit des Zweiten Weltkrieges geriet die Firma Wirz in die Kritik des Journalisten Peter Surava und des Fotografen Paul Senn, die ihre tiefen Löhne in der Zeitung «Die Nation» anprangerten (Schlagzeile: «Kein Lohn – ein Hohn»).

Der derart in den Fokus der nationalen Öffentlichkeit gerückte Protest der Heimarbeiterinnen hatte allerdings nicht die gewünschte Wirkung: Zwar erhöhte die Firma Wirz vorerst ihre Löhne. Dadurch waren ihre Strickwaren nicht mehr konkurrenzfähig. Auch sie stellten in der Folge auf Maschinen um, mit denen sie sich bis 1989 behaupten konnte.

Im Schatten dieser Unternehmen entstanden in Huttwil, Eriswil und Wyssachen viele weitere Klein- und Mittelbetriebe. Maschinenstricken war nun vornehmlich Männersache. Die Dorfchronik von Eriswil nennt für diese Gemeinde die Namen von 16 Heimstrickern, die im Verlagssystem für Ferggereien und Agenturen arbeiteten.

Ein Eriswiler Stricker-Ehepaar übernahm 1947 auch das Unternehmen von Jakob Leuenberger-Ryser: Fritz und Frieda Loosli, deren Lokalitäten im Eriswiler Eigen zu klein geworden waren. Die Strickewarenfabrik Frilo wird seit 1977 in zweiter Generation von Kurt Loosli geführt. Er hat sich auf Baby-Artikel spezialisiert.

Bornet sorgt nach mehreren Besitzerwechseln (Eugen Krauss, Adolf und Paul Seiler, Paul Krähenbühl) in den vorangegangenen Jahrzehnten nun seit 2003 dafür, dass die Maschinennadeln an der Luzernstrasse nicht verstummen. (jr)