Verwaltungsregion Bern
Eine Pionierin, die irgendwie gar keine sein will

Marthe Gosteli erlebte und prägte fast ein Jahrhundert Schweizer Geschichte mit.

Fabienne Wüthrich
Drucken
Teilen
Eine Pionierin, die irgendwie gar keine sein will

Eine Pionierin, die irgendwie gar keine sein will

Solothurner Zeitung

Hoch oben auf dem ehemaligen Altikofengut in Worblaufen begrüsst eine adrette, ältere Frau die ankommenden Gäste. Die kurzen Haare haben einen schönen Grauton, eine farbige Brille sitzt auf der Nase, der zart rosé Pullover und die roten Schuhe passen farblich dazu. Marthe Gosteli stellt sich vor und sagt, im Dezember werde sie 93 Jahre alt. Das ist ihr jedoch nicht anzusehen.

Gosteli hat nicht nur fast ein Jahrhundert Schweizer Geschichte miterlebt, in manchen Bereichen prägte sie diese auch massgeblich mit. So ist sie beispielsweise die Pionierin der hiesigen Frauenbewegung. Nicht ohne Stolz erzählt Gosteli, dass die Schweizer Frauenbewegung von der Berner Historikerin Beatrix Mesmer als eine der am besten organisierten Frauenbewegungen Europas bezeichnet werde. Dafür gründete Marthe Gosteli mit 65 Jahren denn auch eine Stiftung und richtete in ihrem Haus vor den Toren der Stadt Bern das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung ein. Drinnen ist das gut sichtbar: In einem hellen Raum stehen zahlreiche Bücher, gesammelt von der Worblauferin, auch viele Zeitungsartikel habe es, sagt sie.

Marthe Gosteli nur mit der Frauenbewegung zu verknüpfen, wäre jedoch falsch. Beim Therapeutischen Reiten wirkte sie ebenfalls federführend mit. Sie hatte in Diessbach bei Büren an der Aare einen Stall und bot dort das Reiten für behinderte Menschen als eine der Ersten in der Schweiz an. Die Jahre haben sie geprägt; das sagt sie selber. Sie sei weder studierte Historikerin noch dafür ausgebildet, habe sich alles mit «‹learning by doing› angeeignet. Dennoch: «Für die Aufarbeitung der Geschichte ist nicht nur die Wissenschaft wichtig, sondern ebenfalls die Zeitzeugen», sagt sie. Gosteli ist eine davon. 22 Jahre alt war sie, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. «Mein Leben wurde unheimlich von den Kriegsjahren geprägt.» Sie habe die Unsicherheit, die Anpassung, die Angst, aber auch den Widerstand der Schweiz miterlebt. Die Politik interessierte sie immer. «Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo viel politisiert wurde.» Sie selber sei «eine klar bürgerliche Frau», habe ihre politische Überzeugung. Dennoch: Es spiele für sie keine Rolle, aus welchem politischen Umfeld ein Mensch komme. Wie heute in der Politik miteinander umgesprungen werde, verstehe sie nicht. «Dem politischen Gegner sollte man immer Fairness entgegenbringen», sagt sie.

Eine Ausbildung wurde überflüssig

Interessiert Gosteli ein Thema, spricht sie lange darüber. Immer wieder macht sie Pausen, damit die Gedanken richtig geordnet werden. Die bald 93-Jährige ist äusserst kritisch, sagt, in der Schweiz herrsche ein Bildungsnotstand – politisch und auch in der Schule. Der Geschichtsunterricht lasse zu wünschen übrig, sei «in unserer Demokratie ungenügend». Das alles hänge mit der Erziehung zusammen. Diese sei teilweise mangelhaft. Schweift Marthe Gosteli ab, kommt sie irgendwann wieder auf das eigentliche Thema zurück. Und da ist sie beim Zweiten Weltkrieg stehen geblieben. Sie habe keine Lehre gemacht und trotzdem eine gute allgemeine Ausbildung. Nach der Sekundarschule ging Gosteli in ein Pensionat, danach zwei Jahre in eine Mittelschule. Dann folgte England, genauer London. Dort eignete sich Gosteli die englische Sprache an. 1939 musste sie aber wegen des Krieges zurückkommen. Eine Berufsausbildung wurde überflüssig. «Ich musste überall einspringen. Es wurden zahlreiche Aufgaben an mich herangetragen.»

Zuerst arbeitete Gosteli in der Armee beim Presse- und Funkspruch. Da die Mutter krank wurde, engagierte sie sich schliesslich stark zu Hause. Sie übernahm Verwaltungsaufgaben, wenn der Vater nicht daheim war. Sie war ebenfalls in der Ortswehrsanität tätig. Hinzu kamen Aufgaben in der Bibliothek des Inselspitals. Nicht nur beim Krieg erlebte sie zahlreiche Neuerungen mit: Die Entwicklung der Medien, konkreter des Fernsehens und des Radios, gehörten dazu. Sie erinnert sich: Rund um das Altikofengut, auf dem sie noch heute lebt, habe es damals viel freies Land gegeben. Inzwischen sei alles überbaut.

Doch dazu wird Gosteli später noch mehr erzählen. Trotz oder gerade wegen des Krieges habe sie in viele Gebiete reinblicken können. «Hätte ich einen Beruf erlernt, hätte ich diese Gebiete nicht kennen gelernt», sagt sie. Nach dem Krieg arbeitet Gosteli im Bereich Public Relations bei der US-
Botschaft. «Dort habe ich wahnsinnig viel gelernt und knüpfte zahlreiche Kontakte.»

Zwölf Jahre blieb Gosteli bei der Botschaft und engagierte sich immer stärker in der Frauenbewegung. 1957 starb der Vater: «Wir waren drei Frauen: die Mutter, meine Schwester und ich.» Sie hätten viel gekämpft, vorab ums Altikofengut. Es wurde nicht gern gesehen, dass drei Frauen ein solches Gut verwalteten, sagt sie. Leicht sei es nicht gewesen. Damals gab es sogar die Tendenz, das Gut abzureissen und eine Überbauung hinzustellen. Die drei Gosteli-Frauen schafften schliesslich den Erhalt. «Durch das haben wir uns den Respekt der Männer erkämpft.»

«Habe ich alles richtig gemacht?»

Schaue sie sich heute in Worblaufen und der Gegend um, sei «die Entwicklung phänomenal». Früher hätte es lediglich die Einwohnergemeinde Bolligen gegeben. Dazu gehörten Ittigen und Ostermundigen: «Heute sind die Gemeinden autonom», sagt sie. Worblaufen sei damals ein «Wurmfortsatz von Ittigen» gewesen. «Es war fast nichts da, ausser die Strasse von Bern nach Zürich – und ein paar Häuser. Rundum war kaum etwas.» Nun sehe Worblaufen ganz anders aus. So kamen der Sportplatz, der Bahnhof, zahlreiche Überbauungen. Und: Plötzlich kamen damit die Verkehrsprobleme. Es wurde angefangen, die Autobahn zu bauen. Eigentlich sollte sie bei der damaligen Firma Gurit Worbla durch und übers Ittigenfeld. Das Unternehmen hatte aber gedroht: Wird die Autobahn in der geplanten Form gebaut, würde es wegziehen. Deshalb mache die Autobahn heute einen Bogen, weil die Gemeinde auf die damaligen Forderungen einging. Zu dieser Zeit fehlte laut Gosteli in der Schweiz eine Ortsplanung: «Deshalb gibt es heute so viel Zersiedelung.» Schliesslich nahm die Bevölkerung zu, die Landpreise stiegen, und viele Bauern mussten zwangsläufig aufgeben. Es folgte ein unterirdischer RBS-Bahnhof, je eine Bahnlinie nach Worb und Zollikofen. Viele Familien zogen von der Stadt auf das Land, die ersten Überbauungen kamen und damit die Wohnblöcke.

Trotz der rasanten Entwicklung: Marthe Gosteli könnte sich nicht vorstellen, in der Stadt zu wohnen. Ausser ein paar Monaten in Diessbach und England kehrte sie dem Altikofengut nie den Rücken. Den Grund dafür nennt die noch 92-Jährige selber: «Das hier ist ein wunderschöner Ort. Jeden Morgen, bei klarem Wetter, habe ich die gesamte Alpenkette vor mir.» Nun sei sie die Letzte der Familie, sagt Gosteli nicht ohne Wehmut: «Gott sei Dank bin ich mit einer guten Gesundheit gesegnet.» Seit sie älter wird, denke sie öfter nach: «Habe ich alles richtig gemacht – oder nicht?» Vermutlich hat Gosteli mehr richtig gemacht, als sie selber denkt: ob in der Frauenbewegung oder bei dem Therapeutischen Reiten. Ihre Gemeinde setzte der Pionierin unlängst ein Denkmal und benannte eine Treppe, die zu Marthe Gosteli führt, nach ihr. Ihre Errungenschaften werden wohlwollend erwähnt.

Aktuelle Nachrichten