Nostalgie
Der Langenthaler Orient-Express rollt bald wieder durchs Land

Die Dampflokfreunde Langenthal sind ein kleiner, aber feiner Verein. Sie betreiben einen original Speisewagen der Compagnie Internationale des Wagons Lits, zu der auch der legendäre Orient Express gehörte. Diese wird derzeit technisch überholt.

Andreas Toggweiler
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Langenthaler Orient-Express wird technisch überholt
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 Das berühmte Emblem der Bahngesellschaft.
 In der Küche wird wie anno dazumal mit Kohle geheizt.

Langenthaler Orient-Express wird technisch überholt

Solothurner Zeitung

«Es wird Zeit, dass der Wagen wieder auf die Schienen kommt», freut sich Fritz Spichiger, Präsident der Dampflokfreunde Langenthal. Denn schon gut zwei Jahre steht das 54 Tonnen schwere Teil nun im Lokdepot in Burgdorf aufgebockt.

Fachwissen droht vergessen zu werden

«Historische Fahrzeuge müssen alle zwölf Jahre kontrolliert und überholt werden», erklärt Spichiger. Ebenso habe man im Betrieb gewisse Anzeichen gespürt, dass eine Drehgestellrevision angezeigt ist.

Diese dauerte allerdings länger als vorgesehen, da die Werkstätte der BLS in Bönigen wegen Kapazitätsengpässen mit der Zertifizierung der Achsen und Federn nicht so recht vorangekommen sei, schildert Spichiger. Beim Dauerumbau von Bahngesellschaften geht zudem heute auch viel Fachwissen über historische Fahrzeuge verloren.

Erste Probefahrt im Oktober?

Die eigentliche Generalüberholung der beiden «Pennsylvania»-Drehgestelle wurde bei der Firma CT-X Mobil Service im Attisholz gemacht. Sie hat sich auf dem Gelände der ehemaligen Zellulosefabrik eingemietet und macht hauptsächlich Revisionen von Güterwagen.

Dampflokfreunde Langenthal

Der CIWL-Speisewagen der Dampflokfreunde Langenthal wurde 1924 in Italien gebaut und entstammt gemäss Nachforschungen aus der ersten Serie von 25 Speisewagen, welche für das Unternehmen in Ganzmetallbauweise erstellt wurden. Der Wagen ist 23,45 Meter lang, bietet Platz für 56 Personen und war für eine Höchsgeschwindigkeit von bis 140/km/h zugelassen. Der Verein Dampflokfreunde Langenthal verfügt ferner über einen antiken Gepäckwagen (1897) der Thunersee-Bahn. Als Dampfross wird eine Ed 3/4 (Jahrgang 1907) betrieben. Diese Lok stand bis 1931 im Dienste der Solothurn-Münster-Bahn und war danach Werkslok der Emser Werke. Sie ist heute in Huttwil stationiert. (at.)

Im Juni wurden die beiden überholten Drehgestelle per Lastwagentransport in das Depot Burgdorf zurückgebracht. Demnächst wird der doppelt gefederte Wagenkasten wieder darauf montiert. «Die Niveauregulierung wird genau nach den Original-Vorgaben der Compagnie Internationale des Wagons Lits gemacht», betont Spichiger.

Da die Dampflok-Freunde in der Freizeit arbeiten, wird dies noch eine Weile dauern. «Wir hoffen, dass wir im Oktober die erste Probefahrt machen können.» Der kommerzielle Betrieb dürfte allerdings erst im nächsten Frühjahr wieder möglich sein.

Wagen gehört Industriellem

Wie sind die Dampflok-Freunde überhaupt zu diesem geschichtsträchtigen Wagen gekommen? – «Das ist eine lange Geschichte», sagt Spichiger. «Zuerst einmal: Der Wagen gehört nicht uns.» Besitzer ist der Langenthaler Textilindustrielle Urs Baumann. Der ehemalige Lantal-Chef suchte ein originelles Lokal für seine Gäste. Und weil sein Unternehmen auch Stoffe für die Innenausstattung von Schienenfahrzeugen liefert, war da ein Speisewagen genau das Richtige.

Spichiger, der sich schon seit den frühen 70er-Jahren zusammen mit Fritz Lanz und Ernst Häusermann um die Restauration einer Dampflok kümmerte, vermittelte Baumann den Wagen 1982 von einem Zürcher Geschäftsmann und Bahnfan, der das Fahrzeug seinerseits 1969 erworben hatte und nach 1976 in Zürich restaurierte und eine Zulassung für den Verkehr auf dem Schweizer Netz erwirkte. Der Speisewagen 2. Klasse war bis 1968 42 Jahre lang auf dem italienischen Netz für die CIWL verkehrt.

Viele Sonderfahrten

Logisch, dass Urs Baumann den Wagen mit Lantal-Stoffen frisch ausstatten liess. Laufend wurden Auffrischungen und Modernisierungen vorgenommen, beispielsweise für die Erhöhung der Höchstgeschwindigkeit auf 120 km/h oder durch den Einbau einer Elektroheizung. Die mit Kohle beheizte Küche würde aber bewusst im Originalzustand belassen. «Sogar die originalen Kupfertöpfe gehören dazu», ergänzt Antje Spichiger. Fritz Spichigers Ehefrau hilft selber aktiv mit im Verein Langenthaler Dampflokfreunde.

Urs Baumann hat den Speisewagen nämlich 2006 dem Verein zur Benutzung und Vermarktung überlassen. Sie haben seither mit Sonderfahrten über 11000 Kilometer mit ihm zurückgelegt. Er kann über eine spezialisierte Eventfirma gebucht werden, die auch gleich Lok und Trasse organisiert. Wenn die Dampflokfreunde selber unterwegs sind, fahren sie meistens ins Emmental, wo die stillgelegte Strecke Huttwil–Sumiswald von verschiedenen Dampfbahnvereinen genutzt wird.

Um die Revisionsarbeiten zu finanzieren, werden noch weitere Sponsoren gesucht.