Wangen
Clownin Gardi Hutter erheitert mit dem Tod

Gardi Hutter machte im Rahmen des Festivals «nomen est omen» am Wochenende Halt im Oberaargau und erheiterte das Publikum im fast aus- verkauften Wangener Salzhaus mit dem Tod.

Franziska Leuenberger
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Der Handarbeiterin passierte so manches Missgeschick. Manuela Jäggi-Wyss

Der Handarbeiterin passierte so manches Missgeschick. Manuela Jäggi-Wyss

Solothurner Zeitung

Der Tod ist eine ernste Sache. Ausser wenn ihn Gardi Hutter auf der Bühne darstellt. So das Fazit der rund anderthalbstündigen Vorstellung «Die Schneiderin», welche Gardi Hutter im Rahmen des Festivals «nomen est omen» in Wangen an der Aare am Freitagabend einem begeisterten Publikum präsentierte. In zwei Vorstellungen mimte die Clownin der Nation am Wochenende in ihrer Schneiderwerkstatt mit Kleiderkarussell und überdimensional grosser Nähkiste die purzelige, aber liebenswerte Handarbeiterin, der im Verlaufe des Abends so manches Missgeschick passiert: Sie verbrennt sich mit der Schere, verschluckt eine Nadel, bringt ihren Arbeitsplan durcheinander.

Als sie schliesslich – zur Freude der Zuschauer – kopfvoran in den Waschzuber fällt, sind die Verletzungen allerdings so schwer, dass sie die Fäden des Schicksals nicht mehr fest in ihren dussligen Händen halten kann. Fortan muss sie gegen ihr zweites Ich kämpfen, das ihr als Videoinstallation den Tod ziemlich schmackhaft macht: Ob Grimassen schneiden oder kreuz und quer durch den Himmel sausen, der Spiegel lockt mit der Unendlichkeit. Doch sie ist so lange «aus dem Schneider», bis ihr geliebter Vogel dahinscheidet. Erst dann ist sie bereit, dem Drängen ihres Spiegelbilds nachzugeben und ihre vorerst «letzte Reise» anzutreten.

Bunt gestrickter Erzählsstoff

Gardi Hutter erheitert mit dem Tod. Denn das Leben in dem eigentlich makaberen Stück ist so omnipräsent, der Erzählstoff so bunt gestrickt, dass die Clownin mit der zotteligen Frisur nicht einmal Worte braucht – ausser, sie versucht ihr Ende hinauszuzögern. Zuerst muss eine Mahlzeit her, die wegen ihrer ungeniessbaren Zutaten zum «Slow food» wird: Bei der Schneiderin gibt es nämlich Knöpfli, und zwar nicht diejenigen aus Ei und Mehl. Dann bettelt sie in der vordersten Sitzreihe um die letzte Zigarette. «Willst du mich umbringen?», ruft sie aber entsetzt, als sie auf der Packung liest: «Rauchen ist tödlich». Schliesslich leidet das Publikum mit ihr, als der auf die Bühne geholte Traummann das Weite sucht, während sie sich in einem – na ja, nach Gardi-Hutter-Art – erotischen Striptease bis auf das Unterkleid auszieht.

Keine Frage: Das Leben windet ihr am Schluss zu viele Knoten, um dem bedauernswert erklingenden Beerdigungsständchen entrinnen zu können. Als alle Stricke reissen, verabschiedet sie sich jedoch mit einem Lächeln. Was vom Stück «Die Schneiderin» bleibt, ist ein fahler Nachgeschmack nach dem ach so lustigen Henkersmahl. Denn obwohl es gar nichts zu lachen gibt, macht sich Hutter auch in ihrem vierten Soloprogramm so brillant lächerlich, dass die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Tod beim Zuschauer frühestens auf dem Heimweg beginnt.

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