So wie der Wiener Kabarettist und Musiker Georg Kreisler in seinem satirischen Walzerlied den Tauben zu Leibe rückt – «Geh mer Tauben vergiften im Park» – so geht die Stadt Thun gegen die Strassentauben nicht vor. Aber seit einem Monat erlaubt das städtische Gewerbeinspektorat den Abschuss kranker Tauben. Fünf Tauben hat der beauftragte freiwillige Naturschutzaufseher Rudolf Schmid seither mit seinem Kleinkalibergewehr getötet. «Wenn ich wollte, dann könnte ich täglich 50 Tauben abschiessen. Aber ich will keinen Menschenauflauf», so Schmid. Er schiesse auch nur, wenn keine Kinder in der Nähe seien.

Unterschiedliche Reaktionen

Die Lizenz zum Taubentöten erhielt Schmid vom Kanton. «Und wir haben das Abschiessen vorher mit dem Tierschutz Region Thun und Pro Natura abgesprochen», sagt Gewerbeinspektor Reto Keller auf Anfrage. Beim Gewerbeinspektorat seien seither vier kritische Bemerkungen eingegangen. Zwei davon aus Thun und zwei weitere von Auswärtigen. So habe eine Bielerin die Abschusserlaubnis als unnötige Killerei kritisiert.

«Es gab aber auch viele positive Reaktionen», so Keller. Es sei gut, dass die Stadt etwas gegen die viel zu vielen Tauben in Thun unternehme. Die bescheidene Abschusszahl entspreche seinen Erwartungen. «Der Naturschutzaufseher ballert nicht einfach drauflos. Er erschiesst gezielt nur kranke Tauben.»

Die Taubenplage sei in Thun ein Dauerproblem. Bewohner und Geschäftsleute beschwerten sich regelmässig über verkotete Fassaden. Auch viele Kunden reagierten verärgert auf den Taubendreck. Laut Keller fangen die beiden Thuner «Taubenväter» in verschiedenen Schlägen auch regelmässig Tauben ein. «Jährlich können so etwa 130 Tauben eingeschläfert werden.» Dass in Thun trotzdem etwa 600 statt der «akzeptablen» 200 Tauben lebten, führt Keller auf die «verrückte Fütterei» zurück. Regelmässige Aufrufe, Tauben und Wasservögel nicht zu füttern, seien bisher ohne Erfolg geblieben. «Entsprechende Plakate werden regelmässig rasch heruntergerissen».

Die Thuner Tierschützerin Marianne Staub, die ehemalige FDP-Grossrätin ist Ehrenpräsidentin des Dachverbandes Berner Tierschutzorganisationen, unterstützt Keller: «Wer Tauben füttert, begeht eine Tierquälerei.» Wegen des Überangebots von Nahrung produzierten die Tauben immer wieder Junge. In überfüllten Taubenschlägen sehe es jedoch katastrophal aus. «Die Tauben hacken aufeinander ein und töten sich gegenseitig.»

Füttern rigoros verbieten

Das Abschiessen bringe kaum Erfolg, glaubt Staub. «Im Prinzip müsste die Stadt das Füttern von Tauben, Schwänen und Enten rigoros verbieten.» Auf das unkontrollierte Füttern angesprochen, reagierten die meisten Leute nämlich mit der Aussage, sie seien wegen der Wasservögel da und nicht wegen der Tauben. Staub räumt ein, dass das Füttern von Tieren für einige Leute zum Lebensinhalt geworden sei. «Ihnen muss man eine Alternative anbieten und sie in die Pflege der Tiere einbinden», sagt Staub und verweist auf das in den späten 1980er-Jahren entwickelte «Basler Modell». Bei diesem stünden die kontrollierten Taubenschläge im Mittelpunkt. Dieses Modell hätten auch die Städte Winterthur, Lugano und Bern übernommen.

Keine akuten Schwierigkeiten scheinen Langenthal und Burgdorf mit ihren Tauben zu haben. «Soweit mir bekannt ist, haben wir damit keine besonderen Probleme», sagt jedenfalls der Leiter der Burgdorfer Baudirektion, Peter Hänsenberger.