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Zuschauer haben wenig Einfluss auf das Spiel: 11 Erkenntnisse zu den Geisterspielen in der Bundesliga

Mainz-Torhüter Florian Müller hält vor leeren Rängen einen Penalty von Nationalspieler Steven Zuber.

Mainz-Torhüter Florian Müller hält vor leeren Rängen einen Penalty von Nationalspieler Steven Zuber.

Die Statistiken der Bundesliga zeigen, wie sich Spiele ohne Fans verändern. Überraschend: die Unterschiede sind gering.

Der zwölfte Mann bringt wenig. So hart es klingt, aber Fans haben kaum Einfluss auf das Spiel ihrer Mannschaft. Dies zeigt die Statistik nach vier Runden Geisterspiele in der deutschen Bundesliga. Dennoch weisen die Partien ohne Zuschauer Unterschiede zu gewöhnlichen Bundesligapartien auf. Wir zeigen elf Erkenntnisse aus den ersten vier Geisterspielrunden.

1. Der Heimvorteil ist weg

Zuschauer sind tatsächlich entscheidend für den Heimvorteil. Die Vorteile bezüglich Stadionkenntnis, Rasen oder Platzgrösse spielen dagegen offenbar keine Rolle. In der Vor-Corona-Saison siegte in den neun Partien pro Runde im Schnitt 3,76 Mal das Heimteam, nach Corona ist dieser Wert weniger als halb so hoch (1,75). Über den Fakt der fehlenden Heimfans klagen dementsprechend einige Vereine. Insbesondere Freiburg und Union Berlin profitieren sonst von den Fans – und kommen ohne sie nicht auf Touren. Dagegen entwickelt sich Werder Bremen positiv, das in dieser Saison am Druck des eigenen Publikums fast zerbrach.

Ob sich die Statistik des wegfallenden Heimvorteils in der Schweiz ebenfalls bestätigt, ist fraglich. Denn in den Schweizer Stadien kommt ein weiterer Aspekt hinzu: die Kunstrasenplätze in Bern, Neuenburg und Thun.

2. Spielen statt Kämpfen

Trainer Urs Fischer (Mitte) und seine Unioner leiden ohne Publikum.

Trainer Urs Fischer (Mitte) und seine Unioner leiden ohne Publikum.

Teams, die als spielstark gelten, haben ohne Publikum offenbar grössere Vorteile als solche, die vor allem das Kämpferische als grosse Stärke bezeichnen. Dies zeigen die Partien der ersten vier Runden in der Bundesliga. Zweikampfstarke Teams wie Freiburg, Mainz und Union Berlin konnten bisher weniger brillieren als zuvor. Selbst Leipzig, für sein Umschaltspiel gefürchtet, hat noch nicht auf der ganzen Linie überzeugt. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Pressing-Anweisungen auf dem Platz ohne Publikum für den Gegner besser zu hören sind. Gleichzeitig fällt das Raunen von den Rängen in einer kritischen Situation weg. Dadurch agieren die Spieler mutiger und ruhiger im Spielaufbau. Spielstarke Teams wie Leverkusen oder auch die beiden Spitzenteams Dortmund und Bayern München überzeugen dafür.

3. Weniger Tore

Jubel bei Nationalspieler Kevin Mbabu (Mitte) zusammen mit Daniel Ginczek (links) und Jérôme Roussillon.

Jubel bei Nationalspieler Kevin Mbabu (Mitte) zusammen mit Daniel Ginczek (links) und Jérôme Roussillon.

An Jubelszenen in Zeiten von Social Distancing hat man sich längst gewöhnt. Und nach Corona gibt es ähnlich viel zu jubeln wie zuvor. Pro Team und Spiel fallen 1,57 Tore, davor waren es 1,62. Auffällig ist, dass der annäherend gleich hohe Wert insbesondere teils deutlichen Siegen von Topteams zu verdanken ist. Die Abstiegskandidaten erzielten, mit der Ausnahme von Eintracht Frankfurt, alle weniger Tore als vor der Zwangspause.

4. Schüsse nehmen ab

Jadon Sancho schiesst im Spiel gegen Paderborn.

Jadon Sancho schiesst im Spiel gegen Paderborn.

Die Chancenverwertung ist vor und nach Corona ähnlich. Wie die Tore haben dementsprechend auch die Anzahl der Torschüsse abgenommen. Dies lässt darauf schliessen, dass mehr Teams abwartend agieren. Doch auch hierbei ist der Unterschied gering, 12.6 Schüsse pro Team und Spiel stehen 13,4 Schüssen gegenüber.

5. Ein Zweikampf weniger

Umkämpftes Duell: Augsburg's Florian Niederlechner (vorne) gegen Herthas Dedryck Boyata.

Umkämpftes Duell: Augsburg's Florian Niederlechner (vorne) gegen Herthas Dedryck Boyata.

Die Zuschauer sorgen offenbar für genau einen Zweikampf mehr pro Spiel. 209 stehen 210 Zweikämpfen pro Partie gegenüber. Negativ-Beispiele sind im Vergleich zur ganzen Saison betrachtet die Aufsteiger Union Berlin und der SC Paderborn, die deutlich weniger Zweikämpfe gewonnen haben als vor der Pause. Steigern konnte sich Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt.

6. Weniger Karten

Sieht von Schiedsrichter Felix Brych die Rote Karte: Kölns Dominick Drexler.

Sieht von Schiedsrichter Felix Brych die Rote Karte: Kölns Dominick Drexler.

Vielleicht weil es leicht weniger Zweikämpfe gibt, sind die Spiele fairer – zumindest in der Kartenstatistik. Derzeit gibt es 32 Gelbe Karten pro Spieltag und 1,5 Rote Karten. Dem gegenüber stehen 32,5 Gelbe und 1,64 Rote Karten in den Partien vor der Coronakrise. Dagegen gibt es mehr Fouls als vor der Krise: Im Schnitt foulen die Teams 12,2 Mal im Spiel, zuvor waren es 11,3 Fouls pro Partie.

7. Weniger Kilometer

Rannte gegen Dortmund 13,7 Kilometer.

Rannte gegen Dortmund 13,7 Kilometer.

Die Spieler haben ähnlich viele Kilometer zurückgelegt, wie vor der Krise. Vor der Pause wurden insgesamt 115,45 Kilometer pro Team zurückgelegt, davor waren es 116.23 Kilometer. Die besten Spielerwerte wurden in Geisterspielen aufgestellt. Bayerns Joshua Kimmich stellte im Spiel gegen Dortmund mit 13,7 zurückgelegten Kilometern einen neuen Saison-Rekord auf, nur um wenige Tage später von Herthas Vladimir Darida übertrumpft zu werden. Der tschechische Mittelfeldspieler legte als erster Spieler der Saison über 14 Kilometer in einer Partie zurück: Er lief 14,34 Kilometer.

8. Mehr Sprints

Freiburgs Lucas Höler (links) gegen Leverkusens Sven Bender.

Freiburgs Lucas Höler (links) gegen Leverkusens Sven Bender.

Diese Statistik ist nicht nur unter dem Gesichtspunkt der ausbleibenden Zuschauer, sondern auch im Wissen um die vergleichsweise äusserst kurze Vorbereitungszeit der Bundesliga-Teams erstaunlich. Insgesamt wird mehr gesprintet, auch intensive Läufe gibt es mehr. Als intensive Läufe gelten Antritte zwischen 17 und 24 Kilometern in der Stunde, alles darüber wird als Sprint gewertet. Bei den Intensiv-Läufen stehen 708 nach Corona 691 vor der Pause gegenüber. In den Geisterspielen sprintete jedes Team im Schnitt 225 Mal, zuvor waren es noch 220 Sprints gewesen. Es scheint wahrscheinlich, dass diese Statistik weniger mit den ausbleibenden Zuschauern zu tun hat, sondern mehr mit der Wichtigkeit der Partien in der Schlussphase der Meisterschaft.

9. Höhere Passquote

Herthas Marko Grujic (links) gegen den Schweizer Nationalcaptain vom FC Augsburg Stephan Lichtsteiner.

Herthas Marko Grujic (links) gegen den Schweizer Nationalcaptain vom FC Augsburg Stephan Lichtsteiner.

Auffällig ist, dass viele Mannschaften geordneter aufbauen, als dies mit Zuschauern der Fall ist. Da wären wir wieder beim Aspekt des grösseren Mutes ohne Zuschauer. Wenn gefährlich von hinten aufgebaut wird, geht ein Raunen durch das Stadion. Ohne Publikum fällt dies weg, die Nervosität beim Spieler nimmt ab. Statistisch belegen lässt sich diese subjektive Wahrnehmung mit der Passquote der Teams. Tatsächlich ist diese leicht erhöht. Derzeit kommen 82,2 Prozent aller Pässe an, vor der Meisterschaftspause waren es 81,7 Prozent. Mit der Ausnahme von Hertha Berlin, die sich nach einem Trainerwechsel steigerte, sind die Teams meist in ähnlichen Gefilden unterwegs wie zuvor.

10. Spannende Einblicke

Die ganze Sportwelt hört zu: Wolfsburg-Spieler Admir Mehmedi (links) und Daniel Ginczek kritisieren Schiedsrichter Guido Winkmann.

Die ganze Sportwelt hört zu: Wolfsburg-Spieler Admir Mehmedi (links) und Daniel Ginczek kritisieren Schiedsrichter Guido Winkmann.

Das TV-Erlebnis ist ein anderes, wenn im Stadion keine Zuschauer für Stimmung sorgen. Deshalb hat Sky eine Option kreiert, wonach Fernsehzuschauer künstliche Stadiongeräusche einschalten können. Wer auf diese Option verzichtet, kriegt dafür spannende Einblicke in die Kommunikation, die sonst verwehrt bleiben. Man hört genau, wie Spieler oder Trainer die Schiedsrichter für Entscheidungen kritisieren. Zuletzt war die harsche Kritik von Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann oder von Augsburg-Captain Daniel Bayer gut in der Live-Übertragung zu hören. Ebenfalls können TV-Zuschauer wahrnehmen, welche taktischen Anweisungen Trainer ihren Spielern während einer Partie geben. In der Pause beim Spielstand von 0:0 zwischen Paderborn und Dortmund wurde in sozialen Medien Dortmunds Lucien Favre kritisiert, da er im Gegensatz zu Paderborns Steffen Baumgart nie mit Anweisungen zu hören war. Am Ende siegte sein Team mit 6:1.

11. Topwerte im TV

Spezielle Art der Interviews, aber hohe Einschaltquote. Lucien Favre im Interview bei Sky.

Spezielle Art der Interviews, aber hohe Einschaltquote. Lucien Favre im Interview bei Sky.

Der Hunger nach Fussball ist gross. Auf dem Pay-TV-Sender Sky wurden in den ersten Spieltagen nach Corona Top-Quoten aufgestellt. Für die erste Konferenz nach Corona schalteten 2,45 Millionen ihre TV-Geräte ein – auch weil sie im Free-TV gezeigt wurde. Dazu kommt, dass die Bundesliga derzeit auch in Ländern von Bezahlsendern übertragen wird, die zuvor den deutschen Fussball nicht ausstrahlten. Zuletzt pendelte sich im Bezahlfernsehen mit 1,1 Millionen Zuschauern ein ähnlicher Wert wie vor der Pause ein.

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