Sie sind im Schweizer Fussball eine Institution. Seit den Junioren in ihren Klubs, seit 14 Jahren ununterbrochen bei den Profis und somit die treusten Spieler der Super League. Marco Wölfli (34) bei YB, David Zibung (33) beim FC Luzern. Doch nach langen Jahren an der Sonne nehmen sie nun auf der Ersatzbank Platz. Wölfli bereits seit drei Jahren, Zibung seit vergangenem März. Ihren Platz eingenommen haben die Eigengewächse Yvon Mvogo (YB) und Jonas Omlin (FCL).

Wölfli und Zibung könnten Stunk machen, Intrigen anzetteln. Die Hausmacht dazu hätten sie, die Fürsprecher für eine mediale Kampagne auch. Doch wie oft man auch nachfragt, Verbitterung, Wut oder Rachegelüste sind weder bei Wölfli noch bei Zibung auszumachen. Stattdessen: Akzeptanz, Dankbarkeit, Realitätssinn und Vernunft. Und die Erkenntnis: Wichtig ist man auch als Nummer 2 – wenn man denn will.

Die Ablösung

Marco Wölfli: Es ist der 22. August 2014. Nicht irgendein Datum für Marco Wölfli, an diesem Datum wird er 32. Doch statt zu Hause Geburtstagskerzen auszublasen, sitzt er morgens um acht im Stadionrestaurant. Umringt von Journalisten, die nur eine Frage im Kopf haben: Wie geht Wölfli mit der Degradierung zum Ersatzgoalie um?

Gespürt hat er es schon länger. Seit seinem Achillessehnenriss im Dezember 2013 stand Yvon Mvogo im Tor. Und obwohl YB mit Mvogo 32 Gegentore erhält und zuvor mit Wölfli nur deren 18, betont Trainer Uli Forte, Mvogo sei der beste Spieler der Rückrunde. Am 21. August 2014, am Tag von Wölflis Rückkehr ins Profikader, teilt Forte ihm die Degradierung mit. «Obwohl ich etwas ahnte, es war ein Schlag. Aber so, wie ich nie geblufft habe, als alles perfekt lief, wollte ich nun nicht jammern.»

Wölfli muss die Bank hüten, obwohl er weniger Tore kassierte als Mvogo.

Wölfli muss die Bank hüten, obwohl er weniger Tore kassierte als Mvogo.

David Zibung: Vor einem Jahr steht Zibung vor der Wahl: Entweder den FC Luzern verlassen und das Angebot aus Australien annehmen. Oder bis 2019 verlängern mit der Aussicht, dass er bald nur noch Ersatz ist. «Ich habe mich mit voller Überzeugung für den Weg mit Luzern entschieden.»

Er selber habe schon davor den Verantwortlichen gesagt, dass er die Rolle des Mentors von Jonas Omlin gerne übernehmen würde. Am 1. März dieses Jahres im Cupspiel in Aarau findet die Wachablösung statt. Zibung: «Ich habe Jonas gesagt: Ich hoffe, dass du die Chance packst.»

Die neue Rolle

Wölfli: Im Winter 2014/15 könnte Wölfli wechseln. Doch er bleibt: Das zweite Kind ist unterwegs und YB bietet ihm einen neuen Vertrag bis 2019. «Ich habe angenommen, aber es war auch ein Weg ins Ungewisse: Wie gehe ich auf Dauer mit meiner neuen Rolle um?» In den ersten Monaten hat es Wölfli schwer. Zuzusehen, wie Mvogo Fehler macht, die Tür zurück ins Tor für Wölfli aber doch fest verschlossen ist, tut weh. Umso mehr, als Fans und Medien ihn fordern, intern aber nicht der Hauch eines Sinneswandels zu spüren ist.

Doch mit der Zeit akzeptiert Wölfli seine neue Realität. Und widmet sich neuen Aufgaben: «Mir war immer wichtig, dass im Goalieteam ein gutes Ambiente herrscht. Es spielt zwar nur einer, aber wir und der Goalietrainer sind ein Team. Ich sorge dafür, dass die Emotionen drinbleiben, dass keine Gleichgültigkeit aufkommt und dass jeder jeden Tag gerne trainiert. Mit meiner Erfahrung kann ich da einiges bewirken.»

Ende dieser Saison wechselt Mvogo nach Leipzig, an seine Stelle rückt der aktuelle Winterthur-Goalie David von Ballmoos. Wölfli bleibt auch künftig im zweiten Glied und sagt: «Mit David verstehe ich mich super. Ich habe ihm klargemacht: Ich bin hier, um zu helfen, nicht um dir wehzumachen. Meine etwas autoritäre Art kann einen Jungen vielleicht irritieren …» Eine grosse Hilfe im neuen Leben als Ersatzgoalie sind für Wölfli die Angebote, die auch heute noch regelmässig reinflattern. «So kann ich immer wieder reflektieren, ob es das Richtige ist, was ich tue. Bis jetzt war nichts dabei, das Zweifel hervorgerufen hat.»

David Zibung gibt seinem Nachfolger seine Erfahrung weiter.

David Zibung gibt seinem Nachfolger seine Erfahrung weiter.

Zibung: «Der Stolz auf die guten Leistungen von Jonas sind viel grösser als der Frust darüber, dass ich nicht mehr spiele.» Zibung sagt es mit voller Überzeugung und im Wissen, grossen Anteil am reibungslosen Ablauf der Goalierochade zu haben. «Wenn Jonas am Wochenende gut spielt, habe ich unter der Woche einen guten Job gemacht. Die 90 Minuten sind vielleicht für die Aussenwelt das Wichtigste, für eine Mannschaft sind die sechs Tage davor genauso entscheidend. Ich will mir nach einem schlechten Match von Jonas nie vorwerfen müssen, ihn zu wenig unterstützt zu haben.»

Konkret heisst das: Zibung bereitet Omlin darauf vor, welche Gegenstände in St. Gallen fliegen, welche Schmähgesänge die Basler anstimmen oder wie der Lieblingstrick des YB-Stürmers geht. «Für technische Fragen hat Jonas den Goalietrainer. Ich helfe ihm mit meiner Erfahrung.» Was ist mit dem Sportler-Ehrgeiz, immer selber zu spielen?

«Der ist nach wie vor da. Aber ich fühle mich jetzt dem FC Luzern gegenüber verpflichtet, zu helfen. In der Kabine bin ich noch genauso wichtig wie als Stammspieler, ich gehe voran, einfach nicht mehr auf dem Platz. Jonas soll spüren, dass ich bereit bin, zu spielen. Aber er soll mich nicht als Giftzahn wahrnehmen.» Dass er eine wichtige Rolle spiele im «Projekt Omlin», mache ihn auch stolz. «Jonas soll sich in der Super League etablieren, im Idealfall geht er später ins Ausland.»

Die Zukunft

Wölfli: Bis 2019 läuft sein Vertrag, eine lange Zeit im Fussball. Wölfli hat fest im Sinn, bis dahin in der aktuellen Rolle weiterzumachen. «Ich bin noch zu gerne Fussballer. Das Training, das Kabinenleben, die Stadien – all das bereitet mir noch zu grosse Freude, um es herzuschenken.»

Dennoch: Nicht mehr den Leistungsdruck des Stammgoalies zu haben, schafft Freiräume im Kopf. Und so absolviert Wölfli seit einem Jahr ein Studium der Ernährungs- und Bewegungslehre. Ein Gebiet, in dem er sich nach der Karriere beruflich etwas vorstellen kann. «Das Studium tut gut, auch im Hinblick darauf, dass ich später meinen Alltag selber gestalten muss.»

Dank Mvogo (rechts) hat Wölfli Zeit für Anderes.

Dank Mvogo (rechts) hat Wölfli Zeit für Anderes.

Zibung: Der Fussball ist zu schnelllebig, um etwas auszuschliessen. Aber auch Zibung hat fest vor, die Zeit bis 2019 als Ersatzgoalie «abzusitzen». Wie es danach weitergeht? Zibungs Anschlussvertrag suggeriert, dass er auch nach der Profikarriere für den FCL arbeiten wird. «Ja, das ist der Plan. In welcher Form, steht noch aus.» Bald beginnt er eine Schule im Gebiet «Marketing und Verkauf». Auch die Ausbildung zum Goalietrainer ist fest eingeplant. Junioren will er später mal trainieren, keine Profis.

Am Sonntag empfängt YB den FC Luzern. War Zibung beim letzten Duell im Februar noch Stammgoalie, ist es nun das erste Aufeinandertreffen mit Wölfli in der gleichen Rolle.