Grosses Interview

Wie würden Sie mit Messi umgehen, Herr Bernegger?

Argentinien und die Schweiz: Carlos Bernegger hat zwei Herzen in seiner Brust.

Argentinien und die Schweiz: Carlos Bernegger hat zwei Herzen in seiner Brust.

Schweizer Grosseltern, in Argentinien aufgewachsen, in der Schweiz Karriere gemacht – in der Brust von Luzern-Trainer Carlos Bernegger schlagen zwei Herzen. Vor dem Achtelfinal-Hit besonders.

Carlos Bernegger, was kann der Schweizer vom Argentinier lernen?

Bernegger: Gute Frage... (überlegt lange) Argentinier haben ein grosses Talent, zu improvisieren. In bestimmten Momenten im Leben ist eine gewisse Unberechenbarkeit von Vorteil. Und im Bezug auf den Fussball herrscht in Argentinien ein riesiges „Wir-Gefühl“, das ganze Land ist dann auf den Beinen und fiebert mit. So viel Selbstvertrauen kann fördernd sein, aber auch kontraproduktiv. Es besteht halt die Gefahr, dass man vor lauter Selbstüberzeugung nachlässig wird und den Stärken der Gegner keine Beachtung schenkt.

Und was machen die Schweizer besser als die Argentinier?

Sehr vieles. Gerade im öffentlichen Leben. In der Schweiz wird extrem viel Wert auf Ordnung, Kontinuität und Nachhaltigkeit gelegt. Das fehlt in Argentinien und würde dem Land und den Menschen guttun – in der Schule, auf der Strasse, ja fast überall.

Die Eltern Ihres Vaters sind vor dem zweiten Weltkrieg von der Schweiz nach Argentinien ausgewandert. Was wissen Sie davon?

Meine Grossmutter ist aus dem Entlebuch, der Grossvater aus Sennwald im Kanton St. Gallen. Sie haben sich erst dort kennengelernt, auf einer Farm.

Sie sind in Argentinien aufgewachsen. Wann und wie haben Sie von Ihren Schweizer Genen erfahren?

Ich musste mich selber auf Spurensuche begeben. Als Kind hat mein Vater mit mir und meinen Geschwistern nicht darüber gesprochen. Bis ich 18 Jahre alt war, war mir die Schweiz völlig fremd. Erst als ich nach Cordoba wechselte und dort ein Spielvermittler auf mich aufmerksam wurde, hat sich das geändert. Er fand heraus, dass ich Schweizer Vorfahren habe - da hat es bei mir „Klick“ gemacht und ich habe angefangen, mich in Zeitungen und im Internet über das Land zu erkundigen. Auch mein Vater war danach offener, was das Thema angeht.

Wie sind Sie in Argentinien aufgewachsen?

Ich hatte eine wunderschöne Kindheit. Wir wohnten in einem netten Quartier, am Abend haben wir mit den Nachbarskindern auf der Strasse und in den Gärten gespielt. Die Highlights waren immer die Turniere gegen die anderen Quartiere. Meine Mutter war Klavierlehrerin, mein Vater hatte eine hohe Position als Postangestellter – so hatte ich die Möglichkeit, in einem Verein Fussball zu spielen. Es war idyllisch und prägt mich noch heute.

Nehmen die Menschen in Argentinien die Schweiz wahr?

Und wie (lacht). Nicht nur wegen der Schokolade und Banken. Während der Krise in der Schweiz Anfang des 19. Jahrhunderts wanderten viele nach Argentinien aus. Es gibt dort noch heute Hotspots, wo sehr viele Schweizer auf einer kleinen Fläche leben. Argentinien hat Berge mit Schnee und viel Landschaft, vielleicht hat das die Schweizer angezogen. Viele Farmer wurden von Schweizern aufgebaut. Die Argentinier fühlen sich dadurch mit den Schweizern verbunden. Das Land geniesst allgemein in Südamerika einen sehr guten Ruf – „wow, das ist Qualität“, sagen die Argentinier über die Schweiz. Mein Bruder und meine Schwester sind sehr belesen. Sie sind sehr fasziniert über das Konstrukt der Schweiz mit den Kantonen und vor allem, dass das Volk selber Gesetze machen kann.

Mit 21 sind Sie als Fussballer nach Winterthur gekommen. War das ein Kulturschock?

Vor der Landung in Zürich sah ich aus dem Flugzeugfenster, dass auf der Autobahn die Autos im Schritttempo und geordnet auf zwei Spuren fahren – das konnte ich kaum glauben. Im Flughafen hat alles so perfekt funktioniert, da dachte ich: „Hoppla, wo bin ich hier?“ Das alles hat mich unter Druck gesetzt – bin ich in der Lage, hier zu funktionieren?

Wie ging es weiter?

Schnell habe ich mich dann wohl gefühlt. Nach neun Stunden Deutschunterricht konnte ich schon ein wenig nachvollziehen, wie die Schweizer ticken. Im Bett habe ich Radio DRS gehört, um die Sprache schneller zu lernen. Die Barriere, wie sie andere Einwanderer haben, gab es bei mir nie. Und ich konnte mich immer bei meinem Vater informieren, wenn ich gewisse Abläufe nicht verstanden habe.

Also haben Ihnen Ihre Schweizer Gene bei der Integration geholfen?

In dieser Phase habe ich gespürt, dass eigentlich sehr viel „Schweizerisches“ in mir steckt.

Und in welchen Momenten sind Sie als Argentinier in der Schweiz an Grenzen gestossen?

Es gibt bestimmte Mechanismen, zum Beispiel bei den Behörden, die kann man als Immigrant im ersten Moment nicht nachvollziehen. Ich war es gewohnt, zu improvisieren. Das ging hier nicht: Hier ist alles wie in einer Fabrik: Rein in die Verwaltung, dort eine Unterschrift, hier ein Stempel. Es ist eine verkehrte Welt zu Argentinien, wo man am Mittag nicht weiss, was am Abend ist. Einen Fehler darf man nicht machen...

Ja?

Man darf nicht sagen, in der Heimat ist alles besser, die Schweizer sind so kompliziert .Ich habe gelernt: Entweder ich akzeptiere die Normen in der Schweiz, oder ich gehe wieder zurück. Das steigert automatisch die Lebensqualität.

Was fehlt Ihnen in der Schweiz?

Ich würde gerne am Sonntag meine Eltern und meine Geschwister umarmen können. Oder einmal in der Woche mit Freunden etwas trinken gehen. In diesem Zusammenhang fühlen ich und meine Frau uns manchmal einsam, weil wir das Familiäre unseren Kindern mehr als nur einmal im Jahr bieten möchten. Aber sonst fehlt mir nichts – im Gegenteil, ich habe hier fast zu viel.

Sie haben hier sehr schnell Fuss gefasst. Warum haben Sie trotzdem eine Argentinierin geheiratet?

Gute Frage (lacht). Sie müssen sich vorstellen: Ich bin in Argentinien gross geworden, habe dort meinen Charakter geprägt. Im Herzen bin ich Argentinier, und meine Frau ist für mich auch ein Stück Heimat.

Wie war es für Sie, in die Schweiz zu kommen?

Sie ist Primarlehrerin und hat in Argentinien ihr Leben abgebrochen, um in die Schweiz zu kommen. Wir haben uns gesagt: Wir gehen zusammen auf diese Entdeckungsreise. Und wenn es nicht klappt, gehen wir wieder zurück. Dann sind die Kinder geboren und wir sind hier immer mehr sesshaft geworden. Ich finde es einen schönen Gedanken, dass die Spuren meiner Grosseltern wieder zurück in die Schweiz gefunden haben.

Nach 24 Jahren in der Schweiz – wo ist für sie „Heimat“? Und wo „Zuhause“?

Ich möchte das nicht so klar trennen. Um endgültig sagen zu können, die Schweiz ist meine Heimat, dürfte ich vier Jahre nicht mehr nach Argentinien fliegen. So aber fühle ich mich jedes Mal nach der Landung in Buenos Aires sofort daheim. Und es ist immer sehr schwer, sich nach ein paar Wochen wieder von der Verwandtschaft und den Freunden zu verabschieden. Gleichzeitig freuen wir uns dann im Flugzeug, wieder in die Schweiz zu kommen. Gerade unsere Kinder, die hier ihre Freunde haben. Für mich sind die Ferien in Argentinien wie eine Erfrischung – wenn ich wieder in der Schweiz bin, muss ich ins Gleichgewicht kommen und mir sagen: Ich bin hier, weil ich mich so entschieden habe.

Italiener verbindet man mit Gelassenheit, die Deutschen mit Disziplin, die Brasilianer mit Lebensfreude – was zeichnet die Argentinier aus?

Ein Mix von allem. Nehmen Sie französischen Glamour, die Zielstrebigkeit der Deutschen, die Lockerheit und die Intuitoin der Spanier und Italiener und die Abenteuerlust der Gauchos – dann haben sie einen Argentinier.

Sie haben ein Wort, um den Argentinier zu beschreiben – welches wählen Sie?

Leidenschaft! Der Argentinier kann leiden und identifiziert sich zu 1000 Prozent mit dem, was er tut.

Welche Reaktionen aus der Heimat gab es, als klar war, dass Argentinien und die Schweiz im Achtelfinal aufeinandertreffen?

Viele! Ich habe eine Wette gewonnen gegen neun Freunde aus Argentinien, weil ich das Duell vorausgesagt habe.

Es gab schon Konstellationen, die waren schwieriger vorauszusagen...

Aber es ist trotzdem bemerkenswert, was die Schweiz geleistet hat. 75 Prozent der Teams aus Südamerika sind noch dabei, aber die Schweizer haben gegen Ecuador und Honduras gewonnen.

Was ist los in Argentinien, wenn die Nationalmannschaft spielt?

Das Land steht still. In den Tagen davor gibt es nur ein Thema. Jeder Politiker ist froh, dass im TV Fussball läuft. Und 40 Millionen Menschen fühlen sich als Nationaltrainer: System, Auswechslungen, Taktik – die Menschen nehmen alles auseinander. Das alles 24 Stunden am Tag, vier Wochen lang – wenn Argentinien den Final erreicht.

Ein Ausscheiden gegen die kleine Schweiz wäre wohl unentschuldbar.

Halt! Der Respekt vor der Schweiz ist gross.

Wegen Trainer Ottmar Hitzfeld?

Nicht nur. Die Menschen wissen, dass viele Schweizer in den besten Ligen Europas spielen. Lichtsteiner bei Juve, Shaqiri bei Bayern, Inler und Behrami bei Napoli zusammen mit Higuain (arg. Nationalspieler; d. Red.). Früher wäre das anders gewesen. Aber heutzutage, wo jeder ein Handy und Internet hat, kennen die Menschen die ganze Schweizer Mannschaft. Und auch die argentinischen Spieler wissen genau, was da auf sie zukommt. Argentinien wird die Schweiz nicht unterschätzen.

Argentinien hat in der Gruppenphase nicht überzeugt.

Ganz klar.

Woran liegt das? In der Offensive hat Argentinien das beste Spielermaterial.

Die Mannschaft ist zerbrochen. Es gibt keine Verbindung zwischen Offensive und Defensive. Vier vorne, sechs plus der Goalie hinten. Aber genau das hat mich an der Schweiz im Spiel gegen Honduras überzeugt – alle haben geschlossen nach vorne bzw. nach hinten gearbeitet. Wenn die Mannschaft das wieder abruft, hat sie eine reelle Chance.

Argentinien reist an jede WM mit einem Kader voller Weltklassespieler. Aber der letzte WM-Final liegt 24 Jahre zurück. Warum?

Weil das Handeln enorm überhastet ist. Das ganze Land und die Spieler geht vor einer WM davon aus: Jetzt werden wir Weltmeister. Es fehlt die Geduld. Und wenn die Mannschaft dann in einem Spiel in Rücklage gerät, hat sie Schwierigkeiten zu reagieren.

Aber in ihren Vereinen erleben die Spieler doch auch Rückschläge.

Dazu kommt der enorme Druck aus dem Land. Jeder Argentinier denkt: Wir sind so stark, wir haben Messi. Wir haben zwar Probleme in der Abwehr, aber das kompensieren wir schon – uns kann niemand besiegen.

Apropos Messi. Er hat in der Gruppenphase vier von sechs Toren erzielt, die Mannschaft ist abhängig von ihm. Ihr Urteil als Trainer?

Jeder Trainer will Messi in seiner Mannschaft haben. Und es gibt sicher keinen Spieler, der nicht mit Messi spielen will. Ich würde mich nicht trauen, ihm vorzuschreiben, wie er spielen muss. Messi ist nie satt, er ist ein hungriges Tier. Und er hat eine Wettkampfmentalität. Aber: Messi hat in Barcelona seit über zehn Jahren das gleiche System, das gleiche Training, die gleichen Angriffsschablonen, das gleiche defensive Verhalten. Und wenn er in die Nati geht, verlangen die Spieler den „Barcelona-Messi“. Aber dort sind andere Mitspieler. Das ist für jeden Trainer verdammt schwer. Darum muss man ihn einfach spielen lassen. Und gleichzeitig akzeptieren, dass man nie ein Team wie Deutschland oder Chile hat.

Messi gilt als heimlicher Nationaltrainer. Gegen Algerien soll er in der Pause Trainer Alejandro Sabella angeschnauzt haben wegen dessen defensiven Systems.

Ja, da war eine Diskussion. Aber da wurde auch übertrieben von den Journalisten. Anders als in Europa ist man sich in Argentinien nicht gewohnt, dass ein Spieler öffentlich ein System in Frage stellt. Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Messi macht die Mannschaft, Messi destabilisiert den Trainer. Und das, obwohl Messi doch so ein braver und schüchterner Junge ist. Das Übertreiben hat der Argentinier halt auch im Blut.

Wie würden Sie mit Messi umgehen?

Nicht zu kompliziert. Ich würde ihm einfach die Möglichkeit geben, dass er sich voll entfalten kann. Er braucht unterstützende Strukturen – kein Trainer kann ihn stärker machen.

Wie beurteilen Sie die Leistungen der Schweiz?

Beeindruckt hat mich, wie die Mannschaft nach dem 2:5 gegen Frankreich reagiert hat. Ottmar Hitzfeld hat einmal bewiesen, dass in einer Situation Coolness und Erfahrung entscheidend sind. Wenn man schaut, welche Mannschaften schon ausgeschieden sind, ist der Achtelfinal ein fantastischer Erfolg für die Schweiz.

Und jetzt schaut die ganze Welt auf die Schweiz.

Wenn der Gegner Costa Rica oder Griechenland heisst, musst du gewinnen, um dann im Viertelfinal die Aufmerksamkeit zu haben. Aber gegen Argentinien schaut die ganze Welt zu. Das ist eine riesige Chance für die Mannschaft, zu beweisen, dass sie zurecht auf Platz 6 der Weltrangliste steht.

Wie kann die Schweiz gegen Argentinien gewinnen?

Mit Respekt und mit Mut, frech zu spielen. In einem Achtelfinal darf man nicht nüchtern spielen. Die Schweiz hat einen Vorteil: Sie arbeiten geschlossen als Team, während man das von Argentinien nicht behaupten kann. Nehmen wir das Spiel Argentinien – Nigeria: Argentinien hat zwei Mal kurz nach der Führung den Ausgleich kassiert - eine gefestigte Mannschaft lässt das nicht zu.

Für wen schlägt am Dienstag Ihr Herz?

Ich gehöre zu den wenigen, die sich nach dem Spiel nicht als Verlierer fühlen – egal, wie es ausgeht. Stephan Lichtsteiner und Diego Benaglio habe ich in der U18 von GC trainiert, Xhaka und Shaqiri habe ich in Basel begleitet. Damals habe ich den Jungs Bilder von der WM gezeigt, und jetzt sind sie selber dabei! Zu diesen Spielern habe ich eine emotionale Verbindung. Für Argentinien würde ich mich freuen, weil ich aus meiner Jugend weiss, welche Bedeutung ein WM-Titel für ein Land hat, das dauernd in Schwierigkeiten ist. Am Dienstag bin ich Geniesser!

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