WM-Qualifikation
Drei Erkenntnisse nach dem Nati-Sieg: Welcher Wunsch in Erfüllung geht, welcher Kampf besonders heiss wird und welche Zweifel unbegründet sind

Lesen Sie, welche Schlüsse sich nach dem 3:1 der Schweizer Fussballer in Bulgarien zum Auftakt der WM-Qualifikation ziehen lassen.

Etienne Wuillemin
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Eine Umarmung für den doppelten Jubel. Sowohl Embolo wie auch Seferovic treffen in der Nati – eine Premiere.

Eine Umarmung für den doppelten Jubel. Sowohl Embolo wie auch Seferovic treffen in der Nati – eine Premiere.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Die Premieren-Duo: Embolo und Seferovic

Es gibt Worte, die benutzt Vladimir Petkovic seit Jahren wieder und wieder. Am Anfang hat man sich gefragt, was sie wirklich bedeuten, weil so ganz präzis schienen sie irgendwie nicht für die Botschaft, die hinter der Formulierung steckt. «Konkret sein», ist so ein Beispiel. Immer wieder also: «Wir müssen konkret sein.» Oder manchmal: «Wir müssen konkreter sein».

Dahinter versteckt sich ein einfacher Wunsch von Petkovic: Dass seine Spieler doch endlich einmal die Chancen verwerten mögen. Vermutlich ist dies der grösste Unterschied der Schweiz im Vergleich zu den Top-Fussball-Nationen: es fehlt ein Stürmer, der regelmässig oder gar fast immer trifft.

Konkret sein – es blieb lange ein frommer Wunsch von Petkovic. Aber jetzt, in Bulgarien, ja, da waren sie sehr konkret, die Schweizer Stürmer! Embolo, erste Chance: Tor. Seferovic, erste Chance: Tor. Dass beide im selben Nati-Spiel treffen, das hat es überhaupt noch nie gegeben. Und dass sich mit Shaqiri auch gleich noch der Spielmacher unter die Torschützen reiht, Petkovic könnte sich durchaus an dieses Gefühl gewöhnen.

Wer weiss: Vielleicht wird man künftig mal noch an die Tore von Sofia zurückdenken. Weil sie den einen oder anderen Knopf gelöst haben könnten.

Das Rätsel-Duo: Mbabu und Zuber

Wann kommt er in Schwung? Kevin Mbabu ist in der Nati nicht derselbe Spieler wie in Wolfsburg.

Wann kommt er in Schwung? Kevin Mbabu ist in der Nati nicht derselbe Spieler wie in Wolfsburg.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Das süsse Gefühl des Sieges ist für ihn persönlich vielleicht so wichtig wie für keinen anderen: Kevin Mbabu. Der Rechtsverteidiger hat nicht gerade gute Erinnerungen an seine letzten Auftritte im Nati-Dress. Fünfmal in Serie gewann die Schweiz vor diesem Abend in Bulgarien nicht, wenn Mbabu auf dem Feld stand. Und der 25-Jährige stand immer wieder am Ursprung von Gegentoren.

So gesehen war Mbabus Auftritt in Sofia ein Erfolg. Und trotzdem bleibt ein «Aber». Er scheint noch immer nicht richtig angekommen im Nati-Dress. Die Dynamik und Überzeugung in seinen Aktionen, die er mittlerweile in Wolfsburg regelmässig zeigt, bringt er im roten Trikot noch nicht auf den Platz.

Mit Silvan Widmer steht ein Konkurrent bereit, der im Länderspieljahr 2020 überzeugte. Und in Punkto defensiver Stabilität Vorteile hat gegenüber Mbabu. Und es ist ja nicht so, dass Widmer die gegnerische Platzhälfte scheuen würde. Weil der FCB-Verteidiger zuletzt aber von Corona und einer Verletzung gestoppt wurde, durfte nun Mbabu beginnen. Im Hinblick auf die EM ist der Kampf um den Startplatz rechts hinten indes der wohl heisseste im Schweizer Team.

Auf der linken Seite hat Petkovic gar noch einige Möglichkeiten mehr. Die Nomination von Steven Zuber gestern zeigt: Im Zweifel vertraut der Nationaltrainer eher Zuber als beispielsweise Loris Benito, der zwar bei Bordeaux mehr spielt als Zuber in Frankfurt, aber für Petkovics Geschmack eben den einen oder anderen Fehler zu viel begeht (zum Beispiel in der Testpartie gegen Belgien). Klar ist aber: Zuber sollte auf Dauer wieder mehr Einsätze erhalten, um seinen Platz zu festigen.

Der Mann für die wichtigen Momente: Sommer

Verhindert, dass die Schweiz in Bulgarien doch noch in Turbulenzen gerät: Yann Sommer.

Verhindert, dass die Schweiz in Bulgarien doch noch in Turbulenzen gerät: Yann Sommer.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Es gab gewiss Länderspielejahre, die sind für Yann Sommer geruhsamer verlaufen als jenes im 2020. Erstes Spiel in der Ukraine: Fehler, Gegentor. Spiel in Spanien: Fehler, Gegentor. Und danach: einige Fragezeichen. Ein bisschen Polemik gar. «Yann Sommer, ist Ihre Zeit abgelaufen?», hiess es da und dort. Die Statistiken bei Mönchengladbach waren auch schon besser.

Es kam der November, Schweiz gegen Spanien. Penalty für Spanien, Ramos tritt an, Sommer hält. Die Partie geht weiter, noch ein Penalty für Spanien, Ramos tritt wieder an, Sommer hält wieder. Ein Abend zum nie mehr vergessen, Sommer lächelt.

Und nun: Sofia. 61. Minute. Kein Penalty für die Bulgaren, aber doch irgendwie gefährlich. Flanke in den Strafraum, Kopfball ziemlich nahe vor dem Schweizer Tor – viel zu nahe eigentlich! – Sommer hält. Vermutlich ist es nicht die grösste Parade seiner Karriere. Aber sie ist wertvoller als beide abgewehrten Ramos-Penaltys zusammen. Und sie bewahrt die Schweiz vor einer hektischen letzten halben Stunde. Vielleicht vor einem weiteren Trauma, wie vor zwei Jahren gegen Dänemark.

Ist die Sommer-Zeit abgelaufen? Weit gefehlt! Es ist wie immer: Er ist da, wenn ihn die Schweiz wirklich braucht.