Es ist nur ein Nebensatz. Die Worte gehen im Stimmengewirr und in der Aufregung nach dem Verlängerungssieg gegen Lugano (3:2) im Kabinengang des Hallenstadions beinahe unter. Aber es ist ein Nebensatz, der uns erklärt, warum Hans Kossmann als «Nottrainer» bei den ZSC Lions erfolgreich ist.

Warum ihn die Spieler mögen. Warum es ihm gelungen ist, aus einer losen Interessensgemeinschaft von coolen Jungmillionären eine verschworene Schicksalsgemeinschaft zu bilden.

Irgendwann ist die Rede vom zweiten Gegentreffer. Ein Gegentreffer mit Kultpotenzial. Captain Patrick Geering, der verlässlichste Ingenieur im defensiven Maschinenraum, lässt sich bei nummerischer Überzahl von Maxim Lapierre den Puck abnehmen – 0:2.

Hans Kossmann kann verzeihen

Normale Trainer verzeihen einem Spieler solche Fehler in einer so kapitalen Partie so wenig wie ein eifersüchtiger Ehemann seiner Gemahlin einen Seitensprung. Aber Hans Kossmann kann es. Mit feiner Ironie, die kaum jemand bemerkt, sagt er über dieses Gegentor: «. . . der Puck ist Lapierre auf den Stock gesprungen.» Kein Vorwurf. Der Chef stellt sich vor seine Jungs. Wir verlieren gemeinsam, wir siegen gemeinsam.

Hans Kossmanns Gottesgabe der Ironie und der Gelassenheit wird noch auf eine harte Probe gestellt. Unvergessen ist das Theater um Kult-Captain Mathias Seger. Wochenlang war in der vergangenen Saison diskutiert worden, ob sein Vertrag noch ein weiteres Jahr verlängert werden soll oder nicht. Die Legende geht, dass das Arbeitsverhältnis auf Geheiss von ganz oben, von Präsident Walter Frey, um ein weiteres Jahr verlängert worden sei.

Item, nach der laufenden Saison wird Mathias Seger (40) seine grandiose Karriere beenden. Seit 1999 verteidigt er für die ZSC Lions. Zwölf Jahre lang gar als Captain. Ewiger ZSC-Ruhm ist ihm gewiss.

Hiesse Mathias Seger Hans Meier und hätte keine Vergangenheit und würde ausschliesslich nach dem Leistungsvermögen der Gegenwart beurteilt, müsste er auf der Tribüne sitzen.
So sehr ZSC-Trainer Hans Kossmann ein taktischer Realist sein mag – er ist der Versuchung der Romantik, dem Charisma des grossen Namens erlegen. Er hat Mathias Seger im dritten Spiel in Lugano erstmals in dieser Finalserie eingesetzt.

Die Überforderung war offensichtlich: Mathias Seger kam zwar nur während 6:46 Minuten auf dem Eis zum Einsatz – das war allerdings lange genug, um gleich zwei Gegentreffer zu kassieren. Die ZSC Lions verloren an diesem Montagabend in der Resega mit 0:3.

Am wenigsten Einsatz

Am Mittwochabend ist aus dem Romantiker Hans Kossmann wieder der Realist Hans Kossmann geworden. Er hat den grossen alten Mann nicht mehr eingesetzt. Die ZSC Lions haben in der Verlängerung mit 3:2 gewonnen.

So kommt es, dass Mathias Seger in diesem Final aufseiten der Lions bisher am wenigsten Eiszeit bekommen hat: ebenjene 6 Minuten und 46 Sekunden in Lugano. Verteidigungsminister Kevin Klein hat mit 115 Minuten und 46 Sekunden bisher am längsten für den ZSC gearbeitet.

Wie mutig ist Kossmann?

Nun können die ZSC Lions in jedem Spiel Meister werden. Entweder morgen Samstag in Lugano, am kommenden Mittwoch in Zürich oder am nächsten Freitag in Lugano. Kann es sein, dass Hans Kossmann den Mut hat, Mathias Seger weiterhin nicht mehr zu nominieren?

Dem verdienstvollsten ZSC-Spieler der Neuzeit den triumphalen Abgang als Meister so zu verwehren? Arno Del Curto hat im Frühjahr 2015 seinen 39-jährigen Leitwolf Reto von Arx im allerletzten Spiel im Hallenstadion eingesetzt und der Emmentaler buchte mit seinem zweiten Saisontor ausgerechnet den Treffer, der dem HC Davos den Titel bescherte.

Der Trainer seufzt

Wäre dazu nicht auch Mathias Seger in der Lage – wenn man ihn denn aufs Eis lassen würde?
Hans Kossmann, spielt Mathias Seger am Samstag in Lugano? Der Trainer seufzt, wohlwissend, wie viel Polemik hinter dieser einen Frage steckt, und antwortet ausweichend: «Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht . . .»

Ach, es wäre echte Hockey-Romantik, wenn Mathias Seger den Meisterpokal im Hallenstadion in voller Montur auf dem Eis in die Höhe stemmen könnte. Aber er ist inzwischen ein Risikofaktor im ZSC-Spiel. Einer, der den Titel kosten kann.