Wenn der deutsche Boxer Felix Sturm in seinem WM-Kampf kräftig auf die Schnauze bekommt und dennoch nach Punkten gewinnt. Wenn der russische Tennisstar Nikolai Dawidenko für ein Spiel mit verdächtig hohen Wetteinsätzen kurzfristig Forfait gibt. Wenn der dreifache Welthandballer Nikola Karabatic mit seinem französischen Team gegen den Tabellenletzten verliert. Überall ist der Verdacht auf Manipulation ein treuer Begleiter. Selbst der legendäre Penalty des Italieners Roberto Baggio im Final der Fussball-Weltmeisterschaft 1994 gegen Brasilien blieb nicht ohne ungeheuerliche Gerüchte. Sollte es am Ende gar der bestbezahlte Fehlschuss in der Geschichte des Fussballs gewesen sein?

Ein ungleicher Kampf

Die Grenze zwischen effektivem Manipulationsvorwurf und kruder Verschwörungstheorie ist in der öffentlichen Wahrnehmung fliessend. Das weiss auch Andreas Krannich, Direktor des «Integrity Services» der in der Welt der Sportwetten tätigen Firma «Sportradar». Seine Abteilung überwacht den Markt der Sportwetten in Echtzeit auf Unregelmässigkeiten, untersucht und meldet Verdachtsfälle und hilft so Sportverbänden und Ermittlungsbehörden, Betrügern auf die Schliche zu kommen.

Es ist ein ungleicher Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Dieses macht im Wettmarkt Milliardenumsätze, hat ihr riskantes Portfolio mit Drogen-, Waffen und Menschenhandel längst mit dem Bereich Wettbetrug ergänzt wenn nicht sogar ersetzt. Hier lässt es sich bequem im Hintergrund agieren, wird das Verbrechen auf der Strasse durch jenes am Computer ersetzt, vergleichbar mit dem Insider-Trading an den Börsen.

Besonders aus Südostasien operieren die Syndikate, die mit getürkten Sportwetten das grosse Geld machen. Die Summen, die legal bei Buchmachern auf Sportwettkämpfe gesetzt werden, sind gigantisch. 2016 waren es Wetteinsätze von 1,4 Billionen Euro. Fünf Milliarden Euro alleine waren es beim WM-Final 2014 in Brasilien, je eine Milliarde beim diesjährigen Final der Champions League und der Super Bowl im American Football. Immerhin 377 Millionen Euro beim Wimbledon-Final zwischen Roger Federer und Marin Cilic.

Im «Operations Center» in London verfolgen die IT-Spezialisten von Sportradar das Wettgeschehen im Sport. Rainer Sommerhalder

Im «Operations Center» in London verfolgen die IT-Spezialisten von Sportradar das Wettgeschehen im Sport. Rainer Sommerhalder

Bleiben wir in London. Hier jubelt nicht nur Federer, hier sitzen die Guten. Im zweiten Stock eines eleganten Geschäftshauses mitten im Finanzdistrikt der britischen Metropole hat sich die St. Galler Firma Sportradar eingemietet. Ihr Direktor Andreas Krannich empfängt die «Nordwestschweiz» zu einem exklusiven und seltenen Besuch. Denn vieles, was in diesen Büroräumen passiert, ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Der mächtige Gegner soll keinen Einblick in die Vorgehensweise der Überwacher erhalten. Die Arbeit ist gefährlich. Immer wieder gibt Sportradar die entscheidenden Hinweise, mit denen internationale Betrugssysteme auffliegen. Zuletzt in Thailand, wo die Royal Police mehrere Spieler und Schiedsrichter wegen Manipulation festgenommen hat.

In den beiden Grossraumbüros von Sportradar wähnt man sich an der Börse. An Arbeitsplätzen mit bis zu zehn Bildschirmen überwachen rund 80 Personen den weltweiten Markt der Sportwetten in Echtzeit. Das sind täglich rund 5 Milliarden Wetteinsätze bei weltweit über 560 Buchmachern. Schlägt in den Büros ein Computer aufgrund von auffälligen Wetteinsätzen Alarm, dann beurteilt ein Team von drei Wettmarktspezialisten, ob es sich tatsächlich um einen legitimen Verdacht handelt. Bejaht dieses Trio die Frage, wird ein Supervisor hinzugezogen. Dieser meldet das verdächtige Ereignis an die eigene Ermittlungseinheit, welche die Arbeit unmittelbar aufnimmt. «72 Stunden nach dem Ereignis erhält der Auftraggeber einen Untersuchungsbericht von uns», erklärt Krannich.

Das Business der Sportwetten hat sich mit der digitalen Revolution stark verändert. Heute kann man auf alles und jeden setzen, auch während eines laufenden Spiels. Entsprechend funktioniert der Wettmarkt. Wird manipuliert, dann passiert dies meist erst kurz vor einem effektiven Ereignis. Die auffälligen Wettquoten unmittelbar vor einem Penaltypfiff erhärteten im Vorjahr den Verdacht, dass bei einem WM-Qualifikationsspiel in Afrika etwas nicht stimmte.

Hoyzer-Skandal als Startschuss

Andreas Krannich empfängt uns im Sitzungszimmer. Die Dame am Empfang fragt, ganz nach englischer Tradition, ob Tee gewünscht sei. Krannich bestellt, ganz nach deutscher Tradition, einen Kaffee. Seit zehn Jahren arbeitet er bei Sportradar, zuvor war er für die deutsche Bundesliga unter anderem im Bereich der Sportwetten tätig. Dort wurde er 2005 mit dem grössten Wettskandal in der Geschichte des deutschen Fussballs konfrontiert. Der Schiedsrichter Robert Hoyzer hatte im Auftrag der kroatischen Wettmafia Spiele der zweiten Bundesliga und des Pokalwettbewerbs mit seinen Entscheiden massgeblich beeinflusst. Krannich war in die Aufarbeitung der Ereignisse involviert und wechselte 2008 in die Geschäftsleitung von Sportradar. Der Deutsche Fussball-Bund (DFB) wurde zum ersten Kunden. Im gleichen Jahr übertrug auch die Uefa die Überwachung ihrer Spiele an die St. Galler Firma.

Krannich hat viel zu erzählen. Allein in diesem Jahr hat man über 550 manipulierte Spiele identifiziert. Der Münchner spricht aber auch über die unterschiedlichen gesetzlichen Vorgaben und die damit verbundenen Schwierigkeiten, Spielmanipulation überhaupt strafrechtlich zu verfolgen. Als Vorbild dient England, wo der Wettmarkt derart geschickt reguliert ist, dass es keinen Schwarzmarkt mit illegalen Anbietern gibt.

Sportbetrug kommt ins Gesetz

In der Schweiz und in Deutschland entstehen derzeit Gesetze, welche «Sportbetrug» als Straftat festlegen. Allerdings bemängelt Krannich das schleppende Tempo bei der Ausarbeitung der deutschen Gesetzgebung. «Seit mehreren Jahren hat zum Beispiel jeder Bundesligist einen Wettpartner. Keiner davon ist offiziell legal.» Oft ist der Weg zu einem nationalen Gesetz auch ein Abwehrkampf von staatlichen Monopolisten gegen die private Wettindustrie. Erstere verteidigen ihre Pfründe. Nicht willkommene Konkurrenz weicht in die Illegalität des Internets aus. Dort verbreiten sich Sportwetten vielerorts wie eine Hydra.

Nach dem Tee stösst Adam zu uns. Der junge Mann ist einer der Chefanalysten für das Monitoring der Spiele. Insgesamt sind in den acht weltweiten Operationscentern 15 solcher IT-Spezialisten für das Integrity-Team von Sportradar im Einsatz. Adam erklärt, wie zum Beispiel die populären Wetten auf die Tordifferenz eine schwierige Ausgangslage für ein offensichtliches Erkennen von Manipulation bilden. «Am Ende gewinnt ja trotzdem der Favorit», sagt der Brite. Anhand von Videoaufnahmen zeigt er mir verdächtige Situationen. Aber aufgepasst: «In 99 Prozent der Fälle sind es menschliche Fehler. Das Video allein reicht nie, um daraus Spielmanipulation zu folgern. Wir entscheiden nur auf Basis von harten Fakten.»

Entscheidend für Adams Arbeit ist die Datenanalyse. Wie viel wird wann auf welches Ereignis gesetzt? Wie entwickeln sich Wettquoten im Verhältnis zum Spielverlauf? Eine eigens dafür entwickelte Überwachungs-Software erkennt Unregelmässigkeiten präzise. Adam demonstriert mir das Vorgehen am Bildschirm. Eine faszinierende Welt aus Zahlen, Tabellen und Kurven, die selbst einen Börsenhändler überfordern könnte.

Digitale Detektivarbeit

Wie in einer Folge von CSI Miami fühlt man sich beim Auftritt von Costin. Er stammt aus Rumänien und ist einer von 12 Ermittlern in der «Intelligence Investigation Unit» bei Sportradar. Er kommt zum Einsatz, wenn die Datenanalysten einen Verdachtsfall melden. 150 Mal allein in den letzten zwei Tagen kam dies vor. Die Ermittler von Sportradar können auf ein Netz von rund 100 Freelancern in mehr als 80 Ländern zurückgreifen, die innert 24 Stunden Informationen liefern. Schliesslich kennt der Wettbetrug keine geografischen und sprachlichen Grenzen.

Fotos sind jetzt nicht mehr erlaubt, denn Costins Job ist hochriskant. «Es ist verdammt gefährlich, im Darknet zu recherchieren», sagt Andreas Krannich. Der junge Mann aus Rumänien erlaubt mir einen Einblick in seine Arbeit. Im Detail beschreiben darf ich sie nicht. Aber er gibt einen ebenso faszinierenden wie verstörenden Einblick in die Möglichkeiten, die professionelle Computerspezialisten haben. Costin zeigt auf, wie sein Team in konkreten Fällen digitale Informationen über verdächtige Personen sammelt. Es ist definitiv Polizeiarbeit. Und für die arbeitet Sportradar immer öfter. Costins Demonstration verblüfft. Als Beispiel dient unter anderem Hillary Clinton und deren weltberühmter privater Mail-Account. Über diesen hatte die Präsidentschafts-Kandidatin heikle Mails aus dem Weissen Haus verschickt und dadurch Sicherheitsvorschriften missachtet. Es wird mir bewusst, wie unvorstellbar gross der digitale Fussabdruck einer Person sein kann. Auch meiner. Zum Glück sitze ich hier in London bei den Guten.