Interview

Wie Belinda Bencic in die Weltspitze zurück fand: «Es gab einen Schlüsselmoment»

Belinda Bencic zeigt sich an der Spielerinnen-Party in Linz im 20er-Jahre-Look.

Belinda Bencic zeigt sich an der Spielerinnen-Party in Linz im 20er-Jahre-Look.

Belinda Bencic blickt im Interview auf ihre erfolgreiche Saison zurück und erzählt, wie ihr die Rückkehr in die Weltspitze gelungen ist.

Belinda Bencic, kurz vor dem Ende der Saison haben Sie immer noch die Möglichkeit, sich für das grosse WTA Final in Shenzhen zu qualifizieren. Wie beurteilen Sie Ihre Chancen?

Belinda Bencic: Also, ich spüre jetzt keinen Riesendruck, mich zu qualifizieren. Ich hatte eine grossartige Saison, da würde es für mich keinen Unterschied machen im Zeugnis, ob ich nun in Shenzhen dabei bin – oder nicht. Es wäre natürlich der ganz besondere Abschluss, das I-Tüpfelchen. Aber nein, ich gehe eigentlich nun entspannt auf die Zielgeraden. Auch im Bewusstsein, dass ich noch viele, viele gute Jahre vor mir habe.

Aber wenn man diese Chance so dicht vor Augen hat, will man sie ja auch möglichst ergreifen.

Das tue ich ja auch. Ich bin mit voller Kraft und Leidenschaft dabei. Aber es ist doch so: Ich bin 22. Und nicht 35. Meine Chancen werde ich bekommen, da bin ich sicher. Und auch dies ist klar: Ich werde in jedem Fall bei der Elite Trophy in Zhuhai starten. Und das ist auch schon mal ein schöner Erfolg.

Wenn Sie nun auf das Jahr 2019 zurückblicken: Was haben Sie anders, was haben Sie besser gemacht, um so weit oben in der Rangliste zu stehen und regelmässig mit den Besten zu konkurrieren?

Es gab früh im Jahr einen Schlüsselmoment. Und das war das Turnier in Dubai. Es war nicht einfach nur der Sieg, sondern der Charakter dieses Sieges. Ich habe gegen mehrere Top-Ten-Spielerinnen ziemlich überzeugend gewonnen, und manchmal braucht man so ein Erlebnis, um sich wieder selbst zu bestätigen. Um zu wissen, was man doch eigentlich kann. Man geht plötzlich wieder anders durch die Tenniswelt. Denn wenn du nacheinander Halep, Sabalenka, Svitolina und Kvitova schlägst, ist das schon etwas, was dir Rückenwind geben muss.

Auf einmal verschoben sich auch die Zielsetzungen für die Spielzeit – oder nicht?

Wir hatten im Team einen Platz unter den ersten 30 angepeilt. Nach dem Sieg in Dubai stand ich bereits auf Platz 23, da war dann der Anspruch, sich einfach weiter zu verbessern. Das Momentum zu nutzen. Ich hatte auch eine gewisse innere Freiheit, weil ich dachte: Jetzt kannst du ohne grosse Belastung weiterspielen, du bist schon im Plus. Es war auch die Bestätigung für die harte Arbeit, die ich investiert habe.

Sie haben auch angedeutet, dass Sie nach den vielen Verletzungen der letzten Jahre einfach zufrieden waren, überhaupt wieder Tennis spielen zu können.

Natürlich habe ich manchmal meine Augenblicke in Matches, wo ich etwas hitzköpfig bin und mein Ehrgeiz stark durchkommt. Aber richtig ist: Ich bin einfach nur froh und glücklich, wieder das tun zu können, was ich liebe: Auf dem Platz zu sein, grosse Matches spielen zu dürfen, diese Atmosphäre bei den Turnieren rund um die Welt spüren zu können. Ich empfinde es als Geschenk, und das mache ich mir öfter als früher bewusst. Es geht ja nicht um Leben oder Tod da draussen.

Eine Top-Ten-Platzierung ist auch ein Ausweis für Konstanz über viele Wochen und Monate.

Das ist ja letztlich die Königsdisziplin für alle Spielerinnen: Gleichmässig spielen, nicht durch diese Berg-und-Tal-Fahrten gehen zu müssen. Da bin ich jetzt richtig zufrieden, wie ich das gemeistert habe. Sonst könnte ich auch nicht so weit vorne stehen.

Für viele Spielerinnen sind gerade die Turniere auf der Zielgeraden eine schwere Hürde – mental wie physisch. Die Asien-Tortur, wie viele sagen.

Es ist auch für mich die schwierigste Sache, da noch einmal diese Wochen anzupacken, zuletzt noch in China von Turnier zu Turnier unterwegs zu sein. Aber da kannst du dir im Gegenzug auch deine eigene Professionalität beweisen, indem du auch in dieser Phase weiter Kampfgeist zeigst. Denn das musst du wirklich: Kämpfen, rackern, dich in gewisser Weise selbst besiegen – und das, obwohl du einfach müde bist nach der schon langen Saison. Es gibt immer noch eine Menge Punkte zu vergeben, und wenn du wacher und entschlossener bist als die anderen, kannst du noch viel für dich gewinnen.

Eine Spielerin, die dieser Tage auch in Linz antrat, aber in der Qualifikation scheiterte, war Coco Gauff, das US-Wunderkind. Wie haben Sie die Entwicklung um die 15-jährige Amerikanerin beobachtet, auch als jemand, dem früh in der Karriere schon der Titel der neuen Miss Swiss verliehen wurde?

So einen grossen Hype gab es bei mir nicht, da waren nicht annähernd so viele Schlagzeilen zu lesen. Ich sehe Coco als sehr starke Persönlichkeit, sie ist ihren 15 Jahren in jeder Beziehung voraus. Sie wird ganz sicher ihren Weg gehen, eine bestimmende Kraft im Frauentennis werden, sie hat dieses Champion-Gen. Ich glaube auch, dass es nicht richtig ist, über eine Regel die Zahl der Auftritte begrenzen zu wollen. Denn wenn du in diesem Alter zwar auf der Tour bist, dann aber nur ein paar Turniere spielen darfst, stehst du bei jedem dieser Turniere viel stärker unter Druck, etwas zeigen zu müssen. Da ist es viel entspannter, wenn du öfters spielen kannst. So sehe ich das jedenfalls.

Das neue Tennisjahr begann zuletzt für Sie traditionell immer in Perth, beim Hopman Cup, an der Seite von Roger Federer. Wie traurig sind Sie, dass dieser Wettbewerb nicht mehr weitergeführt wird?

Das ist wirklich ein grosser Jammer für mich. Die erste Woche der Saison in Australien war die schönste Woche für mich überhaupt. Und natürlich bin ich von allen anderen Spielerinnen beneidet worden, dass ich dort mit Roger antreten durfte. Ich habe dann immer geantwortet: Ich bin halt im richtigen Land geboren worden (lacht).

Haben Sie auch viel von Roger Federer gelernt, als Sie zusammen mit ihm spielen durften?

Ganz sicher. Das war für mich unbezahlbar. Wenn ich etwas gemerkt habe, dann, mit welch unglaublicher Coolness, Entschlossenheit und gleichzeitig Lässigkeit man Weltklassetennis spielen kann. Es ist brutal schade, dass so ein Teamwettbewerb einfach beendet wurde. Ich spiele gerne im Team. Ich hoffe, dass es vielleicht auch einen WTA Cup geben wird, in dem wir mit der Schweiz antreten können.

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