Swiss League

Wie Ambri, aber in moderner Verpackung: Visp schwebt dank seinem neuen Stadion in ungewohnten Sphären

Ist wie Visp in der Swiss League nahezu fehl am Platz: Auguste Impose überstrahlt die Liga.

Visp verliert in der Swiss League in seinem neuen Tempel das altehrwürdige Walliser Derby gegen Sierre 1:3 – doch eigentlich müsste hier bald in der höchsten Liga gespielt werden. Die Ambitionen sind gross, die Erinnerung an die einst so erfolgreichen Zeiten ebenso.

Walliser Derby in Visp! Das erste Meisterschaftsspiel im neuen Tempel. Aber irgendetwas fehlt. Ich erinnere mich noch an Demütigungen der Berner Klubs in der alten Arena. An diese Stimmung aus Brockenstube, Winzer-Fest und Kuhkämpfen, die einst auch die Gladiatoren auf dem Eis erhitzt hat.

Unvergessen, wie einst Bruno Aegerter, als er zwischen 2000 und 2005 noch Trainer und wild war, von den Schiedsrichtern einmal auf die Tribüne verbannt wurde und von dort aus die Unparteiischen mit Schreibwerkzeug bewarf. Jetzt ist er 64 und altersmilde geworden und sitzt als Sportdirektor brav auf einem der modernen Kunststoffsitze.

Von hier aus wäre es schwierig, mit dem Filzstift eines der Zebras zu treffen. Er sieht aus wie Country Star Willie Nelson («On The Road Again») und personifiziert den Übertritt von Visp in die moderne, gesittete Hockeywelt.

Mit viel Beton und Eisen Richtung Moderne 

Die Lonza-Arena könnte irgendwo stehen. In der kanadischen Weizenprovinz, in Finnland, im Berner Mittelland. Sie ist modern. Viel Beton und Eisen ist verbaut worden. Zum ersten Mal seit sieben Jahren wird Visp auf eigenem Eis von Sierre in einem Meisterschaftsspiel herausgefordert. Nach der Pleite vor sechs Jahren hat Sierre in der 3. Liga wieder angefangen und ist zurück in die zweithöchste Spielklasse.

Die 5000 Plätze sind nicht alle besetzt, aber das beeinträchtigt die Stimmung nicht. Das Publikum ist lauter und leidenschaftlicher als in jeder Arena der Deutschschweiz. Ein wenig wie Ambri in moderner Verpackung. Das Spiel ein Drama. Intensiv und rau. Visp rockt – und wird schliesslich gerockt. Der Siegestreffer (das 1:2) von Auguste Impose (22) ist Weltklasse. Warum spielt dieser Junge nicht in der National League?

Die Titanen stets herausgefordert

Die Wurzeln des Spiels reichen im wilden Süden der Schweiz tiefer in die Geschichte zurück als irgendwo auf der Welt. Die Legende erzählt, dass Visp im 12. Jahrhundert zur Winterszeit von einem Heer aus Savoyen bedroht worden sei. Die Franzosen liessen ausrichten: in drei Tagen kapitulieren. Sonst werde alles niedergemacht. Man habe eine Kapitulation verweigert, die drei Tage genützt, um das Terrain rund um die Stadt zu vereisen und das Schuhwerk rutschtauglich zu machen.

Dann sei das heranrückende feindliche Heer auf der rutschigen Unterlage geschlagen worden. Ob wahr oder Legende – später vermochte Visp sogar die Titanen aus der Deutschschweiz herauszufordern. Der EHC Visp stieg 1960 in die NLA auf, holte 1962 den Titel und musste 1972 den Platz in der obersten Liga räumen und ist inzwischen eine feste Grösse in der Swiss League.

Eine erstaunliche Geschichte für einen Sportverein aus einer Stadt mit nicht ganz 7000 Einwohnern, kleiner als Langnau und nicht einmal halb so gross wie Langenthal. Und noch erstaunlicher, dass sich Visp in der Gegenwart behauptet und soeben für 39 Millionen ein nigelnagelneues Stadion erbaut hat. Zu hundert Prozent finanziert von der Gemeinde. Das Stimmvolk bewilligte den Bau mit mehr als 70 Prozent Ja-Stimmen.

Glanz & Gloria in Visp

Müsste nicht mehr möglich sein, als «nur» die Swiss League? Hier ist Nico Hischier gross geworden. Die lokale Glanz & Gloria-Fraktion zeigt sich. Den Puck wirft Staatsrat Frédéric Favre ein. Ein ehemaliger Eishockey-Schiedsrichter. Die 100 Mitglieder des Business-Clubs zahlen 6000 Franken im Jahr, das Budget beträgt nicht ganz 5 Millionen.

Aber wenn alle Klubs im Wallis das Geld zusammenlegen würden, wenn sich Lonza spendabel zeigte – das Unternehmen investiert in den nächsten Jahren in Visp rund eine Milliarde – dann könnte die sportliche «Kriegskasse» mit über 10 Millionen gefüllt werden.

Aber wenn alle zusammenspannen würden, dann gäbe es kein Walliser Derby mehr. Das wäre trotz der verlorenen Romantik irgendwie schade. Und so lange es das Walliser Derby gibt, können die NL-Klubgeneräle ruhig schlafen. Einem vereinigten Hockey-Wallis wären sie nicht gewachsen.

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