Gschobe

Wenn Geister jassen und Zlatan Ibrahimovic einen auf Mutter Teresa macht

François Schmid-Bechtel
Gross, grösser, Zlatan Ibrahimovic.

Gross, grösser, Zlatan Ibrahimovic.

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Winterthur. François, Journalist, Windisch.

Flavio: Die Beizen sind geschlossen. Aber draussen dürfen wir uns mit genügend Abstand immer noch treffen.
Pius: Hat denn jemand Jasskarten dabei?
David: Vergiss es! Es ist ausgejasst. Am Montag hat Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga an der Pressekonferenz explizit darauf hingewiesen, dass wir mit jassen aussetzen sollen.
Pius: Echt jetzt? Der Bund will uns jetzt auch noch das jassen verbieten? Man müsste dringendst eine Maschine entwickeln, die gleichzeitig die Karten mischt, desinfiziert und verteilt. Und dann setzen wir uns mit Masken um Mund und Nase und in Schutzanzügen gekleidet an den Tisch.
François: Das wäre quasi ein Geisterjass. Da erscheint mir ein abendlicher Spaziergang in der Natur sinnvoller.
Pius: Warum gleich aufgeben? Es ist jetzt wichtig, dass wir das jassen am Leben erhalten. Zu diesem Zweck ist geisterjassen immer noch sinnvoller als gar nicht zu jassen.
David: In welchem Film bist du gefangen? Wir sind doch kein Unternehmen. Wir sind kein Fussballklub, der Löhne bezahlen muss, obwohl die Einnahmen wegbrechen.
Flavio: Apropos Fussball. Habt ihr gehört, dass Constantin jenen Spielern fristlos gekündigt hat, die mit Kurzarbeit nicht einverstanden sind?
David: Oh ja. Und ich kann Constantins Handlung für einmal sogar nachvollziehen. Einzig, dass den Spielern für die Entscheidung offenbar kaum Zeit eingeräumt wurde, finde ich inakzeptabel.
Flavio: Da lobe ich mir den grossen, unverwüstlichen Zlatan Ibrahimovic, der seine Instagram-Community aufruft, das überlastete Gesundheitswesens Italiens zu unterstützen, eine Spendenkampagne lanciert und dabei selbst mit einer 100'000-Euro-Spende voranschreitet.
David: Wie viel verdient Ibrahimovic bei der AC Milan pro Monat? 600'000 Euro? Oder mehr? Und auf wie viel kommt er jährlich inklusive Werbung? Auf 10, 15 oder 20 Millionen? Gewiss ist das eine schöne Geste von Ibrahimovic. Aber gemessen an seinen finanziellen Möglichkeiten ist er nicht die männliche Ausgabe von Mutter Teresa.
François: Kommt dazu, dass ausländische Fussballer oder italienische Arbeitskräfte, die mindestens zwei Jahre am Stück im Ausland waren, seit Januar nur noch 50 Prozent ihres Einkommens versteuern müssen. Und wann ist Ibrahimovic aus den USA zur AC Milan zurückgekehrt? Exakt am 1. Januar. Zufall? Und Ronaldo ist zu Juventus gekommen, nachdem man beschlossen hat, dass Einnahmen, die im Ausland erzielt werden – in Ronaldos Fall 40 Millionen Marketingeinnahmen pro Jahr – maximal 100'000 Euro Steuern kosten. Flatrate für die Superreichen. Und das in einem Land, das sich so etwas gar nicht leisten kann.
Flavio: Immer schön draufhauen auf die Gebeutelten. Aber dann jammern, wenn dieses Jahr der Italien-Urlaub gestrichen werden muss. Übrigens: Ich habe gelesen, dass die Schweizer Spielergewerkschaft ihre Mitglieder dazu auffordert, sich gegen Kurzarbeit zu wehren. Wohlwissend, dass die Existenz der Klubs auf dem Spiel steht.
Pius: Einverstanden, das geht gar nicht. Ich schlage vor: Die Fussballer in Italien spenden, was sie dank Steuererleichterung eingespart haben. Und in der Schweizer begnügen sich die Spieler mit dem Arbeitslosengeld.

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