"Steve und Martin sind Reiter, die unter Druck noch besser werden", sagte Thomas Fuchs bereits im September nach den Weltmeisterschaften im amerikanischen Tryon, wo sein Sohn und Guerdat Silber und Bronze gewonnen hatten. Der Pferdehändler und ehemalige Equipenreiter - WM-Silber mit der Mannschaft 1994 in Den Haag - wirkt in der Schweizer Equipe als eine Art Cheftrainer und kennt die Fähigkeiten der beiden Reiter wie kaum ein Zweiter. Seine Einschätzung wurde am Sonntag in Göteborg zum wiederholten Mal bestätigt.

Nachdem der Europameister Peder Fredricson einen Nullfehlerritt vorgelegt hatte, mussten Fuchs mit Clooney und Guerdat im Sattel von Alamo eine Blankorunde zeigen, um ihre Positionen 2 und 1 zu halten. Beiden lösten die Aufgabe souverän. Und diese war nicht einfach. Er sei mit Alamo noch nie so einen mächtigen Parcours gesprungen, sagte Guerdat. Die Hindernisse hatten alle die maximal erlaubten Abmessungen, kein Steilsprung war unter 1,6 m hoch.

Thomas Fuchs ist für beide Reiter einer der wichtigsten Ansprechpartner im Hintergrund. Im Fall von Martin mag dies selbstredend sein, aber auch zu Steve Guerdat herrscht eine Art Vater-Sohn-Beziehung. Der inzwischen 36-jährige Jurassier fand als noch junger Spitzensportler bei der Familie Fuchs ein zweites Zuhause, er vertraut seit jeher den Trainingstipps und Einschätzungen von Thomas.

"Sie behandeln mich wie ihren dritten Sohn. Dies macht die Momente, wenn ich zusammen mit Martin auf dem Podest stehe, so speziell", sagte Guerdat in Tryon. Göteborg war also nicht nur ein perfekter Tag für den Schweizer Sport, sondern auch für die Grossfamilie Fuchs. Die beiden jungen Reiter stehen inzwischen auf eigenen Beinen und besitzen in Elgg (Guerdat) und Wängi (Fuchs) ihre eigenen Stallungen.

Unterschiedliche Charaktere

Gegenüber Aussenstehenden wirkt Martin Fuchs offen und kontaktfreudig, Guerdat eher verschlossen. Der gebürtige Jurassier macht daraus auch keinen Hehl. Er sei auf dem Platz die Nummer 1, also "ein Leader, was den Sport anbelangt." Diese Rolle akzeptiere er, hielt er unlängst fest. "In den Tagen vor und nach dem Wettkampf hingegen bin ich kein Leader", betonte Guerdat. Er sei in dieser Phase oft verschlossen, rede nicht sehr gerne, sei nicht der Umgänglichste.

Der Equipenchef Andy Kistler relativiert: "Da untertreibt Steve ein wenig." Guerdat sei ein Muster-Athlet für den Reitsport, er engagiere sich in unzähligen Bereichen. "Durch seine sportlichen Leistungen ist er bei allen anerkannt. Er gibt den Kollegen wertvolle Tipps für den optimalen Ritt, er ist sehr hilfsbereit, er engagiert sich in der Sportpolitik, er ist clever." Als Equipenchef halte er ihm auch gerne den Rücken frei, alle Aufgaben könne Guerdat nicht übernehmen.

In Sachen Palmarès ist der 36-jährige Guerdat klar höher dekoriert als der zehn Jahre jüngere Fuchs. Während der Zürcher dank Clooney in den letzten Jahren in die Weltspitze vorstiess, zählt Guerdat seit einem Jahrzehnt ununterbrochen zu den Besten. Der Olympiasieger von London 2012 ist seit Anfang Jahr wieder Weltranglisten-Erster, sein Beritt zählt zu den aktuell besten überhaupt. Mit vier Pferden aus seinem Stall könnte Guerdat an Titelkämpfen gleich selbst eine Mannschaft stellen und er würde um den Sieg mitreiten.

Sein Potenzial im Stall zeigte auch der Blick auf seine nunmehr 3 Siege bei den Weltcup-Finals 2015, 2016 und 2019. Paille, Corbinian und Alamo waren am jeweiligen Anlass nie seine Top-Pferde. Mit Nino oder nun Bianca blieb die Nummer 1 jeweils zuhause. Aber der begnadete Reiter gewann trotzdem, auch weil er die Vierbeiner auf den Punkt genau in Form brachte. Der elfjährige Wallach Alamo bestritt sein erstes Championat überhaupt.

"Alamo hat vielleicht nicht so viel Geniehaftes wie Bianca, aber er hat einen einfacheren Charakter, ganz viel Blut, und er ist ein grosser Athlet", charakterisierte Guerdat seine Nummer 2. Denn die ebenfalls erfolgreiche Hannah wurde im Februar vom mexikanischen Besitzer aus Elgg abgezogen. Für fast jeden Reiter wäre dieser Verlust eine sportliche Katastrophe gewesen, aber Guerdat kann die Abgänge im Stall immer wieder kompensieren. Das macht ihn zum Führenden in der Weltrangliste. Sein Platz auf dem Thorn scheint mit dem Sieg in Göteborg zumindest bis zu den Europameisterschaften in Rotterdam im August gefestigt.