Orientierungslauf
Simone Niggli ist in Bestform – und in einem Dilemma

Was Simone Niggli ander WM in Finnland gelang,verdient höchste Achtung. Denn so schwierig war dieAusgangslage noch bei keinem ihrer nun drei WM-Triple.

Roland Eggspühler
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Simone Niggli mit ihren drei an der WM gewonnenen Goldmedaillen.

Simone Niggli mit ihren drei an der WM gewonnenen Goldmedaillen.

Keystone

Das WM-Triple, also in allen drei Disziplinen Weltmeisterin zu werden, schaffte Simone Niggli schon 2003 in Rapperswil-Jona und 2005 in Japan. Auch, weil sie sich wie keine andere auf die jeweiligen Bedingungen einstellen konnte: Vor zehn Jahren war es die extreme Hitze, und im Fernen Osten die japanische Kultur – die Konkurrenz biss sich damals teilweise mehr an den Rahmenbedingungen als am Gelände die Zähne aus. Was Simone Niggli, mittlerweile 35-jährig und dreifache Mutter, letzte Woche in Vuokatti (Finnland) schaffte, sind nicht einfach drei WM-Goldmedaillen mehr, sondern drei besonders glänzende.

Dieses Triple ist eindeutig wertvoller als die zwei vorangegangenen. Erstens handelte es sich um nordisches Gelände. Dieses ist sehr viel schwieriger als die mitteleuropäischen Wälder, wo die nordeuropäische Konkurrenz ihre technischen Fähigkeiten oft nur bedingt ausspielen kann. Zweitens wich der Terminplan vom gewohnten Raster ab.

Insbesondere fehlte der vor der Langdistanz übliche Ruhetag, die Königsdisziplin fand gleich am Tag nach dem Sprint statt. Damit fehlte den Doppelstartern die für die Langdistanz besonders wichtige Vorbereitungszeit. Und drittens waren die Rahmenbedingungen in Finnland völlig normal.

Zudem gelang Simone Niggli dieses Triple im Herbst ihrer Karriere, was kaum mehr jemand für möglich hielt – auch die OL-Königin selbst nicht: «Ich war schon in Japan überrascht, dass ich die Erfolge von Rapperswil-Jona wiederholen konnte. Dass es mir nochmals gelingen könnte, alle Einzeldisziplinen an derselben WM zu gewinnen, daran dachte ich gar nicht mehr. Denn die Konkurrenz ist spürbar stärker geworden.»

Um das Triple zu gewinnen, muss logischerweise auch in der Mitteldistanz ein Sieg her. Doch wenn bei Simone Niggli (letztmals 2007 Mitteldistanzweltmeisterin) einmal etwas schiefging, dann meist in dieser Disziplin: Diese stellt bezüglich Konzentration die Anforderungen eines doppelten Sprints, aber sie ist nur rund halb so lang wie die Langdistanz.

Konkret heisst das, dass der laufstarken Athletin die zur Verfügung stehende Zeit meist nicht reicht, um einen technischen Fehler läuferisch auszubügeln. «Nach der Sprint- und Langdistanzmedaille war ich vor der letzten Einzeldisziplin sehr gelöst. Diese ‹innere Ruhe› war wohl der Schlüssel zum Erfolg in der Mitteldistanz. Ich hatte ja meine Medaillen schon ...»

Dass sie sich von einem unsauberen Einstieg und der hinter ihr gestarteten Mitfavoritin Minna Kauppi nicht aus dem Konzept bringen liess, unterstreicht, in welch blendender Verfassung die beste Orientierungsläuferin aller Zeiten an der WM in Finnland war.

Wie geht es weiter?

Die Frage nach einem möglichen Rücktritt beantwortet Simone Niggli grundsätzlich nicht am Ende einer WM – für einen solchen Entscheid brauche sie etwas Distanz. Für sie persönlich wäre der Zeitpunkt, ihre glanzvolle Karriere nach dieser Saison zu beenden, sicher nicht schlecht – noch besser kann sie die drei Einzelrennen der WM-Woche schlicht nicht über die Bühne bringen.

Aber für Swiss Orienteering käme ein Rücktritt ihrer besten Athletin zu einem denkbar ungünstigen Moment. Einen Verbandsponsor gibt es derzeit nicht, und der Vertrag mit dem Hauptsponsor der Nationalmannschaft läuft Ende dieser Saison aus. Das könnte Simone Niggli in ein Dilemma bringen. Denn das Team war ihr in all den Jahren immer sehr wichtig. Eines ist sicher: Simone Niggli wird auch diese «Routenwahl» sehr wohl überlegt, und nicht aus dem Bauch heraus entscheiden.