Hier träumte Armstrong vom 8. Tour-Sieg

Ein spartanisches Zimmer und Spaghetti mit Tomatensauce zum Frühstück – so logierte der Radstar im Hotel Aarehof in Wildegg.

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Lance Armstrong in Wildegg
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Hotel Aarehof
Nachtruhe
Team des Hotels Aarehof
Küchenchef Berndt Steffen

Lance Armstrong in Wildegg

Andreas Fretz

Harald Raab nennt sich Wohlfühlmanager. Es ist ein wichtiger Tag für ihn. Es geht um nichts weniger als das Wohlergehen von Lance Armstrong. Der Star der Tour de Suisse wird in seinem Hotel übernachten. Eigentlich ist das Betreuen von Gästen Raabs täglicher Job. Aber was ist schon normal, wenn ein siebenfacher Tour-de-France-Gewinner im zweiten Stock sein Zimmer bezieht?

Raab, der Hoteldirektor, zieht die Augenbrauen hoch. «Das ist eine grosse Sache», sagt er, «es ist ein Wahnsinn, was dieser Mann alles auslöst.» Mit «dieser Mann» meint er Lance Armstrong. Den Namen lässt Raab fast immer weg. Diskretion gehört zum Geschäft des 39-Jährigen. «Ich würde nie zum Metzger via-à-vis rennen und herumerzählen, dass er heute hier übernachtet», sagt Raab.

Offiziell nicht auf der Gästeliste

Offiziell steht Armstrong ohnehin nicht auf der Gästeliste. Offiziell ist nur, dass sein Team Radio Shack im «Aarehof» logiert. Erst, wer eins und eins zusammenzählt, weiss, wessen Laken am nächsten Tag in der Reinigung landet. Als Petra Meier vor zwei Wochen den Teamnamen hörte, war ihr sofort klar, dass Armstrong in ihrem Hotel übernachten wird.

Meier ist Chef de Service und sagt: «Ich bin ein Radsport-Freak.» Noch am Sonntag war sie auf dem Simplon und feuerte die Fahrer an. Sie hat sich einiges vorgenommen. Ihr Ziel: ein Autogramm und ein Foto mit dem Radstar. Ein bisschen nervös sei sie schon, gesteht sie. Dass Lance Armstrong im «Aarehof» logiert, hat sie nur ihrem Freund – auch er ein Radsport-Freak – verraten.

Ein Nachtessen und ein Frühstück

Am Mittag parkiert der erste Sattelschlepper hinter dem Hotel. Ein Helfer des Teams rollt die Koffer in die Réception. Es sind viele Koffer. Die Spannung steigt allmählich. Drei Sterne bietet der «Aarehof» dem Star. Die 60 Zimmer sind ausgebucht. «Ein Seminar und das Radio-ShackTeam belegen die Zimmer», erklärt Raab. Es ist nicht das erste Mal, dass während der Tour de Suisse ein Team im Aarehof gastiert. Der Tour-Veranstalter sei auf ihn zugekommen, erzählt Raab. Die Grösse und die Lage des Hotels seien wohl günstig.

Ein Nachtessen und ein Frühstück nimmt das 25-köpfige Team um Armstrong zu sich, bevor der Tross heute die 172,5 km von Wettingen nach Frutigen unter die Räder nimmt. Küchenchef Berndt Steffen nimmts gelassen. Er hat schon im Hotel Linde in Fislisbach Tour-Teams bekocht. Ganz anders sieht es beim Lehrling aus. «Der ist im Viereck gehüpft, als er am Morgen erfuhr, wer hier ankommt», sagt Steffen mit einem Lachen.

Ein eigener Koch ist mit dabei

Armstrong hat immer seinen eigenen Koch dabei. «Die Zusammenarbeit funktioniert in der Regel reibungslos», sagt Steffen, der mit fünf Mann bereitsteht. Auf die saisonale und die regionale Küche, die das Hotel anbietet, verzichten die Radfahrer. Zum Frühstück gibts Spaghetti al dente mit Tomatensauce. Auch Birchermüesli und Fruchtsalat stehen auf der Liste. Ansonsten hatte das amerikanische Team keine Sonderwünsche, wie man das von Popsternchen kennt. Eine Massage, Erholung und Energiezufuhr stehen auf dem Programm.

Armstrong schläft immer in einem Einzelzimmer. Raab zeigt das Bett, in dem Armstrong womöglich von seinem achten Tour-de-France-Sieg träumt. Vielleicht melden sich bald Radsport-Touristen, die im selben Bett wie Armstrong schlafen wollen. Bisher habe es das aber noch nie gegeben, sagt Raab.

«Abfall wird normal entsorgt»

Unter dem Fernseher in der Ecke des spartanischen Zimmers steht ein kleiner Abfalleimer. Häufig schon stand der Inhalt von Abfalleimern im Zentrum, nachdem ein Team ein Hotel verlassen hatte. «Der Abfall wird normal entsorgt, ausser wir erhalten von der Tour-Leitung spezielle Anweisungen», sagt Raab.

In der hoteleigenen WM-Lounge läuft der Fernseher. Die Wiederholung von Elfenbeinküste-Portugal sorgt für wenig Spannung. Doch um 19.30 Uhr steigt der Puls. Der Bus mit den Fahrern trifft ein. Fast unbemerkt läuft ein gut gelaunter Armstrong ins Hotel, grüsst kurz und verschwindet sogleich im Lift nach oben. «Er ist da, tatsächlich!», staunt Wohlfühlmanager Raab. Irgendwann bemerkt er: «Wir müssen noch ein Gästebuch organisieren.»