Fans in Rage, Spielerinnen unter Tränen, Proteste auf dem Spielfeld, Kopfschütteln auf den Rängen – der Videobeweis schlug hohe Wellen an der Fussball-Weltmeisterschaft der Frauen in Frankreich. Nicht nur dort, eigentlich überall, wo der VAR (Video Assistant Referee, engl. Videoschiedsrichter) zum Einsatz kommt, gehen die Wogen hoch.

Dabei fürchteten die Nostalgiker seine Einführung. Man hatte Angst, die Technologie würde den Fussball seiner Seele berauben, ihn noch berechenbarer machen, als er durch all die Tools und Programme ohnehin schon ist, ihn den endlosen Debatten über eine Abseitsposition oder ein fälschlicherweise nicht gegebenes Tor entziehen, steril machen, töten.

Videobeweis hat Schiedsrichter auf gleiche Ebene mit TV-Zuschauern gehoben

Es ist anders gekommen. Der Videobeweis hat die Diskussionen nicht beendet. Manche würden sagen, der VAR hätte sie gar «angeheizt». Ob man so weit gehen muss? Mit Sicherheit wurden die Debatten verschoben, eine Ebene weiter nach oben. Man hat die Schiedsrichter gewissermassen auf die gleiche Stufe wie die TV-Konsumenten gehoben, gibt ihnen die Möglichkeit, in Zeitlupe anzuschauen, was entscheidend ist: Abseitspositionen, Tore, Penaltyentscheide und rote Karten respektive an den falschen Adressaten verteilte Gelb-Verwarnungen. Der Spielfluss soll nicht entscheidend gestört werden durch ewige Unterbrüche.

Entweder meldet sich der Schiedsrichter bei Unsicherheiten selbst oder der VAR schaltet sich ein, um das Spiel in gerechte Bahnen zu lenken. Denn Gerechtigkeit ist das zentrale Ziel der technischen Hilfsmittel. Der Fussball soll gerechter werden durch den VAR. Die Legende von der Hand Gottes hätte es mit dem Videobeweis niemals gegeben, der Treffer von Diego Armando Maradona im WM-Viertelfinal 1986 gegen England hätte niemals gezählt. Man wird den Fussball einiger Anekdoten berauben. Aber wer wird da schon dagegen sein, im Namen der Gerechtigkeit?

Noch ist unklar, ob der VAR schon am Freitag kommt

Eine Auswertung der Bundesliga der vergangenen Saison zeigt: 82 Fehlentscheidungen wurden korrigiert – 19 Mal allerdings zu Unrecht, wie die Nachrichtenagentur DPA schreibt. Merke: Gerechtigkeit ist ein hohes Ziel, ein Ideal, ein kaum zu erreichender, perfekter Zustand. Darüber hinaus stellt sich die Frage: Was ist gerecht im Fussball?

Der Schweizer Fussball hat vergangenes Jahr etliche Fehlentscheide und damit Ungerechtigkeiten produziert (siehe Tabelle unten). Der FCZ, nicht Lugano, stünde direkt in der Europa League, hätte der VAR schon 2018/19 gewaltet. Ungerechtigkeiten schüren die Emotionen, und so wurde der Ruf nach dem Videobeweis irgendwann im Herbst so laut, dass die Liga vorpreschte und die Einführung auf die am Freitag beginnende Saison 19/20 ankündete.

Noch fehlt die offizielle Abnahme durch die Regelhüter des Fussballs (Ifab). Ohne diese gibt es keinen VAR in der Super League. Wobei in der Schweiz ohnehin von einem Mini-VAR oder einem VAR light die Rede war. Während bei der Frauen-WM in Frankreich acht Leute im Videoraum vor den Bildschirmen sassen, werden in der Schweiz bloss deren drei in Volketswil die Köpfe zusammenstecken. An der Frauen-WM konnten die Videoschiedsrichter auf die Bilder von 33 Kameras zugreifen, in der Zürcher Agglomeration stehen den Unparteiischen bloss sechs bis zehn Kameraperspektiven zur Verfügung. Ausserdem verzichtet die Liga aus Kostengründen auf kalibrierte Abseitslinie und Torlinientechnologie.

Sonst gebt den Stürmern Augmented-Reality-Brillen

Die Schweiz ist ein Sonderfall. Einmal mehr. Was aber ist von dieser abgespeckten VAR-Version zu halten? Beginnen wir mit der Torlinientechnologie. Wie viele Tore fallen pro Jahr, bei denen man auch nach Videostudium nicht sicher sagen kann, ob der Ball über der Linie war oder nicht? Eins? Zwei? Sehr wenige auf jeden Fall. Und die Kosten für Anschaffung und Betrieb sollen beträchtlich sein. Ein Verzicht ist nachvollziehbar.

Was die virtuelle Abseitslinie betrifft, ist die Sache komplexer. Die Technologie soll zu mehr Gerechtigkeit führen. Aber ist es gerecht, dass ein Abseits vom Schiedsrichter auf den Millimeter genau bestimmt werden kann, während der herauseilende Stürmer bloss ein ungefähres Gefühl hat? Eine Abseitslinie ist keine Torlinie, die sichtbar ist und sich nicht bewegt, die Abseitslinie verschiebt sich. Man müsste also den Stürmern Augmented-Reality-Brillen geben, wenn man ihnen die gleichen Möglichkeiten geben will wie den Schiedsrichtern. Das wäre nichts als gerecht. Oder man bleibt dabei: Ein Abseits, das auf einem Standbild nicht eindeutig zu erkennen ist, ist kein Abseits.

Wenn alles nach Plan läuft, wird der Videobeweis ab Saisonbeginn zum Einsatz kommen. Die Stadien sind geprüft – bis auf das Tourbillon in Sion, wo am Mittwoch die Checks gemacht werden –, die Abnahme durch das Ifab scheint Formsache. Wir dürfen uns freuen. Auf ein bisschen mehr Gerechtigkeit. Und neue Diskussionen. Darüber, ob es jetzt wirklich ein Handspiel war oder nicht. Beim Abseits heisst es aber: Im Zweifelsfall für den Angreifer, so wie ein Gericht im Zweifelsfall für den Angeklagten entscheidet. Denn absolute Gerechtigkeit gibt es nicht – oder höchstens vor Gott.