Fussball
Tranquillo Barnetta nach 13 Jahren wieder in der Schweiz: «Ich wollte meine Karriere immer in St. Gallen beenden»

USA-Rückkehrer Tranquillo Barnetta redet im Interview mit der «Nordwestschweiz» über den neuen US-Präsidenten Donald Trump, einsame Momente und sein Traumschwiegersohn-Image.

François Schmid-Bechtel
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Barnetta
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Barnetta spielte seit 2015 in der MLS bei Philadelphia.
Davor war er in der Bundesliga bei drei Vereinen aktiv, hier im Schalke-Trikot im Duell gegen Gladbachs Hazard.

Barnetta

KEYSTONE

Was lernt man, wenn man wie Sie mit 19 bereits ins Ausland geht?

Tranquillo Barnetta: Hannover, meine erste Station, war eine Herausforderung. Ich erinnere mich an Sonntagnachmittage, an denen ich mich fragte, was ich tun soll. Von den Teamkollegen, die ich täglich sehe, wollte ich Abstand nehmen. Aber andere Menschen kannte ich nicht. Und so hing ich halt häufig am Sonntagnachmittag alleine zu Hause rum, las ein wenig, schaute fern.

Tranquillo Barnetta

Nach dem EM-Titel mit der U17 im Jahr 2002 ging es schnell. Nur zwei Jahre später unterschrieb Barnetta in Leverkusen und gehörte in Portugal zum EM-Kader der A-Nati. Insgesamt absolvierte der St. Galler 75 Länderspiele und nahm an fünf Endrunden teil. Nach elf Jahren in der Bundesliga wechselte Barnetta im Sommer 2015 nach Philadelphia. Mit 31 kehrt er nun zum FC St. Gallen zurück.

Gab es Momente der Einsamkeit?

Ja. Nur ist das nicht per se schlecht. Wenn ich früher in einem Restaurant jemanden alleine essen sah, dachte ich: armer Kerl, der ist ja ganz allein. Unterdessen bin ich selbst schon häufig alleine essen gegangen. Auch finde ich es spannend, mich alleine in einer Stadt treiben zu lassen und auf Entdeckungstour zu gehen.

Nun sind Sie kürzlich nach eineinhalb Jahren in Philadelphia nach St. Gallen zurückgekehrt. Was haben Sie in den USA gelernt?

Wie offen und herzlich man auf Menschen zugehen kann. Ich war erst kurz in Philadelphia, da lud mich ein Teamkollege für ein paar Tage zu sich nach Hause ein, weil ein Schneesturm angekündigt war, man nicht nach draussen gehen konnte und ich in meiner Wohnung noch keinen Internetanschluss hatte. Ich glaube nicht, dass ich vor meiner Zeit in den USA gleich gehandelt hätte wie der Teamkollege.

Ist die viel beschriebene Oberflächlichkeit der Amerikaner ein veraltetes Klischee?

Nein, diese habe ich auch kennen gelernt. Eines Abends habe ich bei einem Typ aus dem selben Appartementblock ein Eishockey-Spiel geschaut. Wir hatten ein Riesen-Fest. Auch, weil die Flyers gewonnen hatten. Zwei, drei Wochen später sahen wir uns wieder und ich begrüsste ihn. Doch der Typ fragte nur: «Woher kennen wir uns?» Dabei hatte ich gedacht, in Philadelphia endlich einen Bekannten ausserhalb des Fussballs zu haben. Wenn man alleine ist, kann es in den USA sehr schwierig sein, in eine Gruppe aufgenommen zu werden. Zum Glück hatte ich den Fussball und meine Teamkollegen. Aus diesem Kreis haben sich etliche Bekanntschaften ergeben.

Wie haben Sie den Wahlkampf in den USA erlebt? Sind Sie über die Art und Weise erschrocken?

Nein. Ich wusste, dass die Amerikaner hervorragende Entertainer sind. Ich habe alles aus neutraler Warte beobachtet und war froh, dass ich nicht wählen durfte. Jeden Tag eine Wende. Jeden Tag ein neuer Skandal. Es war zu viel. Aber interessant.

Hat Sie die Kompromisslosigkeit der Kandidaten, die Schärfe ihrer Worte, überrascht?

Gerade die TV-Debatten waren knallhart. Die Schärfe der Worte war das eine. Worüber ich mehr erschrocken bin: Die Kandidaten sind überhaupt nicht auf die Fragen eingegangen. Man kennt das von unseren Politikern auch, dass heiklen Themen aus dem Weg gegangen wird – machen wir Fussballer ja auch. Aber wenn während einer zweistündigen TV-Debatte keine Frage beantwortet wird, wenn es nur darum geht, den Konkurrenten zu erniedrigen, kann man die Debatte ersatzlos streichen. Das hat nicht nur mich, sondern alle Amerikaner, die ich kenne, aufgeregt. Amerika hat Probleme, von den Kandidaten werden Lösungsansätze gefordert, doch diese sagen bloss: Ihr werdet es dann sehen. Das finde ich ziemlich billig.

Müssen wir uns vor Trumps Amerika fürchten?

Ich glaube nicht. Während des Wahlkampfs hatte ich Befürchtungen, sollte Trump gewählt werden. Unterdessen hat Trump etwas zurückgerudert. Die nächsten vier Jahre werden zwar anders werden. Allein schon sein Umgang mit den Medien ist – sagen wir mal – gewöhnungsbedürftig. Ich glaube aber nicht, dass die USA eine totale Kehrtwende machen werden. Dafür fehlt Trump schlicht die Zeit, um zu regieren. Denn nach dem Wahlkampf ist vor dem Wahlkampf.

Warum kehren Sie jetzt nach St. Gallen zurück? War das Projekt USA nach eineinhalb Jahren beendet?

Nach elf Jahren Bundesliga wollte ich noch etwas anderes kennenlernen. Philadelphia war echt eine super Zeit. Fast zu gut. Denn die Entscheidung, jetzt nach St. Gallen zu wechseln, fiel mir nicht leicht. Andererseits war immer klar, dass ich als fitter Spieler zum FC St. Gallen zurückkehren werde. Hätte ich diesen Schritt jetzt nicht gemacht und später hätte es nicht mehr geklappt, würde ich mir in den Arsch beissen. In St. Gallen meine Karriere zu beenden, war für mich stets alternativlos.

Der Klub ist nicht mehr derselbe wie 2004, als Sie gegangen sind.

Die Strukturen im Klub, das Stadion und die Trainingsbedingungen sind moderner als damals. Auch sind viele neue Mitarbeiter im Klub. Aber die Identität des Klubs, seine Bedeutung für die Region und seine integrative Kraft kenne ich noch von früher.

Bevor Sie in die USA gingen, wurde kolportiert, Leicester City, Englands Sensations-Meister von 2016, wolle Sie verpflichten. Beissen Sie sich nun in den Arsch, weil Sie nicht zu Leicester gegangen sind?

Ich habe mit Leicester Gespräche geführt. Aber ein Angebot haben mir die Engländer nicht unterbreitet. Zumindest nicht bis zu jenem Zeitpunkt, als ich das gute Angebot von Philadelphia hatte. Ich wollte nicht warten, ob Leicester nicht doch noch aufspringt. Sondern wollte Klarheit. Daher muss ich nichts bereuen.

Monate zuvor wurden Sie nach 75 Länderspielen von Vladimir Petkovic nicht mehr für die Nationalmannschaft berücksichtigt. Hatte diese Ausbootung Einfluss auf Ihren Entscheid, in die USA zu wechseln?

Nein, für mich war das Thema Nationalmannschaft schon Monate vor meinem Wechsel abgeschlossen.

In elf Jahren Bundesliga haben Sie abgesehen von zwei Ausleihen nur für Leverkusen und Schalke gespielt. Ist das Loyalität oder fehlender Mut zur Veränderung?

Loyalität, ganz klar. Ich bin in einer Region sozialisiert worden, wo man seinem Fussballklub treu bleibt. In der Ostschweiz finden Sie kaum einen fussballinteressierten Menschen, der nicht Fan des FC St. Gallen ist. Weiter war Geld nie ein Anreiz für mich, den Klub zu wechseln. Und ich habe mich in den Klubs, wo ich engagiert war, sehr wohl gefühlt.

Bei einem Open-Air-Besuch lernten Sie nach einem Gerangel mal das Festival-Gefängnis kennen. Abgesehen von dieser Lappalie ist ihre Karriere bislang skandalfrei verlaufen. Wie schaffen Sie das?

Wenn ich am Open Air ein Bier trinke, ist es zum Glück nicht interessant, ein Bild von mir zu machen und dieses einer Zeitung zu schicken. Viele finden es sympathisch, dass ich wie alle anderen auch mit verdreckten Hosen das Festival geniesse. Es ist nicht so, dass ich nie über die Stränge geschlagen hätte. Aber weil ich mit den Medien immer respektvoll umgegangen bin, sie nie provoziert habe, ist mir wahrscheinlich einiges verziehen worden, während bei anderen Spielern die gleiche Aktion medial aufgebauscht worden ist.

Sind Ihnen Ihre Manieren auch mal im Weg gestanden?

Im Weg gestanden sicher nicht. Aber im Haifischbecken Bundesliga ist mir aufgefallen, dass Spieler, die sich in der Öffentlichkeit über ihre Situation beklagt haben, zwar vom Verein gebüsst wurden, aber auch schnell wieder auf dem Platz standen. Kann sein, dass ein Trainer eher jenen Spieler berücksichtigt, der aufbegehrt.

Als Fussballer hat man viel freie Zeit. Haben Sie diese gut genutzt?

Ja, ich bin zufrieden. Was man unterschätzt: Freizeit bedeutet im Profifussball häufig auch Regenerationszeit. In Deutschland habe ich Italienisch und Spanisch gelernt. Ich habe ein Management-Fernstudium angefangen, konnte dieses aber nicht durchziehen. Und ich habe den Bootsführer-Schein gemacht.

Sie haben eine Jacht auf dem Bodensee?

Es ist nur ein kleines Motorböötli.

Wo sehen Sie sich nach der Profi-Laufbahn?

Konkrete Pläne habe ich noch nicht. Es gibt aber mehrere Optionen. Ich könnte im Geschäft meines Vaters (ein Unternehmen für Grossküchen; die Red.) einsteigen. Es gäbe auch die Möglichkeit bei meinem Bruder (Online-Trikot-Handel; die Red.). Oder vielleicht arbeite ich auch mit meinem Berater Wolfgang Vöge zusammen. Ich weiss einzig, dass ich nicht Trainer werde.

Warum?

Seit ich elf bin, dreht sich alles um Fussball. Deshalb bin ich froh, wenn ich auch mal an anderen Dingen rumstudieren kann.

Sie gelten als Traumschwiegersohn und sind trotzdem single?

Vielleicht gerade deshalb. Traumschwiegersohn ist ein Etikett der Medien. Weil im Leben eines Fussballers kaum etwas planbar ist, alle sechs Monate die Gefahr besteht, umziehen zu müssen, wollte ich mich nie binden. Ich wollte nicht, dass eine Frau ihr Leben nur nach mir richtet. Das wäre für mich ein zu grosser Druck gewesen.

Umziehen werden Sie vorläufig nicht.

Stimmt. Und vielleicht klappt es jetzt mit einer Beziehung.