Rettungsmission FC Schalke 04
Trainer Christian Gross nach seinem Bundesliga-Comeback: «Die Hoffnung stirbt zuletzt»

Die Premiere als Schalke-Übungsleiter ist dem 66-jährigen Schweizer mit einer 0:3-Niederlage bei Hertha BSC Berlin gründlich missglückt. Ganz aussichtslos ist die Lage aber nicht. Es sind noch 20 Runden zu spielen und Klubs wie Mainz, Bielefeld und Köln sind in Reichweite der Gelsenkirchener. Der Klassenerhalt ist möglich.

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Hat eine Herkulesaufgabe vor sich: Christian Gross, FC Schalke 04.

Hat eine Herkulesaufgabe vor sich: Christian Gross, FC Schalke 04.

Keystone

Wer es noch nicht gewusst hatte, erfuhr es am späten Samstagabend: Die Leidenschaft der Mutter von Christian Gross war einst das Turmspringen. Im ZDF fragte der Reporter deshalb: «Herr Gross, wäre sie auch so mutig gewesen wie Sie, den FC Schalke 04 zu übernehmen?» Der neue Knappen-Trainer, der mit einer diskussionslosen 0:3-Niederlage bei Hertha BSC soeben einen ausserordentlich tristen Einstand erlebt hatte, entgegnete: «Ich denke schon, dass ich das eine oder andere Gen von ihr habe. Deshalb mache ich das jetzt auch. Das Leben besteht aus solchen Herausforderungen.» Schon vor dem Spiel war Gross beim Sender Sky gefragt worden, ob er schon jemals eine solch schlechte Mannschaft übernommen habe.

In Berlin hatte Schalke mit Ausnahme der ersten zwanzig Minuten einen desolaten Eindruck hinterlassen. «Der zweite Gegentreffer war der Genickbruch», sagte Gross. «Da war der Elan weg.» Stürmer Mark Uth sagte: «Wenn wir spielen wie in der zweiten Halbzeit, sind wir nicht wettbewerbsfähig.»

«Wir brauchen unbedingt ein Erfolgserlebnis»

Nach 14 Runden liegen die Schalker mit vier Punkten und nur acht erzielten Toren auf dem letzten Platz. Wie in der Rangliste der laufschwächsten Teams. Gewinnen sie nun auch gegen Hoffenheim nicht, egalisieren sie mit 31 Partien ohne Sieg den Bundesligarekord, den Tasmania Berlin seit 1966 hält. «Wir brauchen unbedingt ein Erfolgserlebnis», sagte Gross.

Ein Blick auf die Fakten verheisst, dass die Situation der Gelsenkirchener nicht ganz aussichtslos ist. Obwohl bisher alle Teams, die nach 14 Runden noch sieglos waren, abgestiegen sind. Weil in dieser Saison mit Mainz (6 Punkte), Bielefeld (10) und Köln (11) aber drei weitere Klubs heftig schwächeln und noch 20 Spiele auszutragen sind, ist noch längst nicht aller Tage Abend.

Zumal Gross hofft, dass nach dem vom FC Arsenal ausgeliehenen Ur-Schalker und Mentalitätsspieler Sead Kolasinac weitere Zuzüge folgen. «Wir brauchen auf den Aussenbahnen noch torgefährliche Spieler», sagte Gross. Sportvorstand Jochen Schneider sei auf der Suche nach solchen Akteuren. Eine Aussage, die nicht überall gut ankam: Gross wolle sich damit ein Alibi betreffend der aktuellen Kaderstärke verschaffen.

Überhaupt wird die Qualitätsfrage sehr kontrovers debattiert. Der Schalker Spieler Alessandro Schöpf sagte in Berlin: «Bei uns fehlen Qualität und Spielfreude.» Was insofern erstaunt, als er selber in der letzten Saison in jenem Kader figurierte, das an Neujahr 2020 punktgleich mit Dortmund auf dem fünften Rang stand. Und – jetzt kommts – mit Kabak, Nastasic, Stambouli, Oczipka, Mascarell, Serdar, Uth, Harit und eben Schöpf liefen am Samstag nicht weniger als neun Spieler in der Startaufstellung mit auf, die massgeblich zum anfänglichen Höhenflug unter Trainer David Wagner beigetragen hatten. Ganz frei von Qualität ist diese Mannschaft also nicht. Weshalb sie allerdings derart beispiellos abstürzen konnte und nach Wagner auch Manuel Baum und Huub Stevens die Trendwende nicht schafften, bleibt rätselhaft. Vermutlich fehlen ihr Führungsspieler, die es nicht braucht, wenn es läuft wie in der Vorrunde 2019, in der gegenwärtigen Situation aber zwingend.

Die finanzielle Lage unter einem riesigen Schuldenberg ist indes düster und echte Verstärkungen sind kaum zu kriegen. Dass jetzt der langjährige, inzwischen aber aus dem Klub hinauskomplimentierte, Präsident und Milliardär Clemens Tönnies mit Geld helfen will, führt nicht nur zu Freudensprüngen. «Wir werden das intern anschauen», sagte Schneider. Schon einige Male hatte Fleischfabrikant Tönnies dem Klub Geld geliehen, dafür aber einen Zins verlangt, was viele auf Schalke nicht goutiert hatten.

Der nächste Gegner passt: Hoffen - in einem Heimspiel

Unter seiner passend schwarzen Schalker Dächlikappe hat der bedächtig seine Worte wählende Gross bei seinem Bundesliga-Comeback nach 3744 Tagen nicht gerade den Eindruck erweckt, er sei euphorisch und gerade dabei, massenhaft Begeisterung auf sein Team zu übertragen. «Unser Fokus gilt nun dem Spiel gegen Hoffenheim», sagte Gross. Der Name des Gegners passt: Hoffen - in einem Heimspiel. Die Devise: den Bock umstossen. «Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagte Gross in Berlin noch, bevor er ernüchtert mit dem Team die Heimreise antrat.