Tour de Ski
«So ist es halt im Sprint»: Tag der unerfüllten Schweizer Hoffnungen in der Lenzerheide

Trotz bester Ausgangslagen gelingt dem Schweizer Team zum Tour-de-Ski-Auftakt kein Exploit. Die Prologsiegerin Nadine Fähndrich scheitert im Viertelfinal nach einem Sturz. Laurien van der Graaff fehlt nur eine Zehenlänge zum Halbfinaleinzug. Tagesbester aus Schweizer Sicht: Der Urner Roman Furger mit dem überraschenden achten Platz.

Ralf Streule
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Podesthoffnung Nadine Fähndrich scheidet nach einem Sturz im Viertelfinal aus - und muss die Enttäuschung im Zielgelände zuerst verdauen.

Podesthoffnung Nadine Fähndrich scheidet nach einem Sturz im Viertelfinal aus - und muss die Enttäuschung im Zielgelände zuerst verdauen.

Peter Schneider / KEYSTONE

Ein mehrmals wiederholtes «Sorry» ist im Zielraum zu hören. Nadine Fähndrich, im Sprint-Viertelfinal geschlagene fünfte, beschwichtigt. «It’s okay», sagt sie, während sie aufsteht und ihre Ski zusammenpackt. Die US-Amerikanerin Jessica Diggins, die spätere Siegerin, hat sich bei ihr entschuldigt - oder viel eher mit dem «Sorry» erklärt, dass es ihr leid tut um die gute Ausgangslage, die Fähndrich vor eigenem Pubilkum vergeben hat. Es war in einer Kurve zu einem Kontakt gekommen, keine Absicht aber, keine Entschuldigung wert, ein vermeidbarer Sturz. «Vielleicht hätte ich in der Kurve mehr Platz machen müssen – aber so ist halt der Sprint», sagte Fähndrich später. Als besonders sturzanfällig kenne sie sich eigentlich nicht. «Es ist erst mein vierter Sturz in einem Weltcup-Sprint.»

Laurien van der Graaff: «Der Körper rebelliert.»

Dabei wäre doch so viel möglich gewesen zum Tour-de-Ski-Auftakt in der Lenzerheide. Fähndrich schien, in Abwesenheit der schwedischen Saison-Dominatorinnen Maja Dahlquist und Jonna Sundling, die stärkste Sprinterin zu sein im Feld. Die Qualifikation am Morgen hatte sie gewonnen. Zumindest einen Podestplatz wie in Davos hatten die Zuschauer – und sie selbst – von sich erwartet. Am Ende war es Platz 23 für sie. Immerhin: Der Prologsieg gebe Gewissheit, gut in Form zu sein. Und Selbstvertrauen für den weiteren Verlauf der Tour – die die Sprintspezialistin vermutlich beenden wird, wie sie am Tag zuvor gesagt hatte. Die Rennhärte, die sie aus der Tour mitnehme, könne auch im Olympia-Sprint von Anfang Februar helfen.

Denkbar knapp scheiterte kurz darauf auch Laurien van der Graaff im Viertelfinal. Eine Zehenlänge fehlte ihr nach einem taktisch guten Rennen zum Einzug in den Halbfinal. Nach Tagen, in denen sie erkältet war, habe die letzte Aggressivität im Rennen gefehlt, erklärte sie, die dennoch einen 13. Platz herauslief. Nach der starken Qualifikation mit dem siebten Platz hatte sie erbrochen. «Der Körper rebelliert», sagte sie, die ihre Karriere Ende Saison beenden wird. Dennoch wird sie wird die Tour wohl bis zum Sprintrennen in Oberstdorf weiterführen. Und dort auf ein Erfolgserlebnis hoffen.

Laurien van der Graaf unterwegs zum siebten Platz in der Sprint-Qualifikation.

Laurien van der Graaf unterwegs zum siebten Platz in der Sprint-Qualifikation.

Modica/Freshfocus / NordicFocus

Sechs Schweizer in den Viertelfinals – zwei in den Halbfinals

Unerfüllt blieben auch die grossen Hoffnungen, welche das Männerteam nach der Qualifikation hatte. Gleich sechs Athleten schafften es in die Finalläufe. Mit dem sechsten Platz in der Qualifikation meldete sich besonders der junge Obwaldner Janik Riebli eindrücklich zurück – er, der vor kurzem noch an Nachwirkungen einer Corona-Erkrankung gelitten hatte. Er wurde im Viertelfinal nach einem Rencontre mit einem Gegner zurückgeworfen. «Eine grosse Enttäuschung», wie er nach dem Rennen sagte. Schliesslich macht er sich grosse Hoffnungen auf eine Olympiateilnahme, und hätte diese aufgrund seiner Sprintqualitäten wohl auch verdient. Besonders bitter für ihn: Er wird aufgrund der Quotenplätze nicht im Sprint in Oberstdorf, der zweiten Tour-Destination, teilnehmen dürfen.

Im Sprintteam, das voraussichtlich drei Athleten nach Peking zu den Olympischen Spielen entsenden wird, ist ohnehin ein harter Konkurrenzkampf im Gang. Sehr gute Karten hat der Bündner Valerio Grond, der nach Davos und Dresden zum dritten Mal in Folge in die Top 15 gelaufen ist und es in der Lenzerheide zusammen mit dem überraschenden Roman Furger in den Halbfinal schaffte. Auch für Furger dürfte der achte Platz das Olympia-Ticket bedeuten – da er in Peking nicht nur im Sprint, sondern auch in der Staffel ein Thema sein könnte. Andere Sprinter wie Roman Schaad und Jovian Hediger werden trotz erfüllter Olympia-Richtlinien noch um einen weiteren Platz kämpfen müssen.

Die Sprints wurden von zweien gewonnen, die auch beim Ausgang des Tour-Gesamtklassements eine grosse Rolle spielen werden: die US-Amerikanerin Jessica Diggins und Johannes Klaebo, zweiterer mit einer eigentlichen Machtdemonstration. Überraschend zurückgebunden wurden am Morgen in der Qualifikation hingegen der Norweger Emil Iversen und Tour-Favoritinnen wie die Norwegerin Heidi Weng sowie die Schwedinnen Frida Karlsson und Ebba Andersson, die im Prolog hängenblieben.

Dario Cologna muss sich auf das Einzelstartrennen verlassen

Im morgigen Einzelstartrennen über 10 km und 15 km im klassischen Stil werden andere Schweizer versuchen, auf sich aufmerksam zu machen. Allen voran Dario Cologna, der 14 Sekunden auf Prologsieger Klaebo verlor und 58. wurde. Für ihn wird das Einzelstartrennen in der klassischen Technik vom Mittwoch zum weit relevanteren Gradmesser. Will er auf die olympischen Spiele hin zum letzten Mal vor seinem Karrierenende zur Bestform zu finden, müsste er in diesem 15-km-Rennen zumindest ein kleines Zeichen setzen können. Was das Tour-Gesamtklassement angeht, gab sich der Bündner vor der Tour de Ski sehr zurückhaltend. Ein Rang unter den ersten zehn wäre ein Erfolg – er sei sich aber bewusst um die Schwierigkeit dieses Unterfangens.

Ohnehin wird an dieser Tour de Ski, die aufgrund des dicht gedrängten olympischen Saisonprogramms nur sechs Rennen beinhaltet, bei Swiss Ski weniger auf das Gesamtklassement Gewicht gelegt, sondern auf einzelne Rennen, wie Langlaufchef Christian Flury vor den Rennen in der Lenzerheide betonte. Dies gilt nicht nur, aber besonders für Cologna.

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