Interview

Töff-Star Tom Lüthi im grossen Interview: «Ich gehe lieber mit Kumpels aus, anstatt mit irgendeinem Cüpli rumzustehen»

Tom Lüthi: «Die Moto 2-WM ist meine Klasse. Da ist die Chancengleichheit gegeben.»

Tom Lüthi: «Die Moto 2-WM ist meine Klasse. Da ist die Chancengleichheit gegeben.»

Der 33-jährige Töff-Rennfahrer Tom Lüthi ist ein «Adrenalin-Junkie». Er will bis 2022 weiterfahren und noch einmal Weltmeister werden.

Sie fahren diese Saison wieder um Podestplätze und wir fragen uns immer noch: Warum ist das Abenteuer Moto GP in der vergangenen Saison so – verzeihen Sie den Ausdruck – kläglich gescheitert ist?

Tom Lüthi: Alles was schiefgehen konnte, ist schief gegangen. Ich verletzte mich am Schluss der Saison 2017 und konnte die ersten Tests nicht bestreiten. So war ich von allem Anfang an einen Schritt im Rückstand. Trotzdem war ich optimistisch. Aber sehr früh in der Saison kam es in unserem Team zu einem Streit zwischen dem Besitzer und dem Manager. Es ging um Geld und Macht. Zeitweise stand ich allein da. Das Team existierte zwar noch, aber jeder hatte Existenzangst und war mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt. Unter diesen Umständen hatte ich gar keine Chance.

Das Team ist entscheidend – aber der Fahrer steht im Rampenlicht und seine Helfer bleiben praktisch anonym.

So ist die Wahrnehmung von aussen. Aber es braucht beides. Der Fahrer muss all das, was das Team während zweier Trainingstage erarbeitet hat, im Rennen in Resultate umwandeln. Was am Freitag und am Samstag passiert ist so wichtig wie das Rennen am Sonntag. Erfolg ist nur möglich, wenn jeder alles für den Erfolg tut und genauso motiviert ist wie der Fahrer.

So wie 2005? Damals sind Sie Weltmeister geworden. 2005 war das Gegenteil von 2018: die perfekte Saison?

So ist es. Wir kämpften damals als krasse Aussenseiter gegen das KTM-Werksteam mit Mika Kallio und Tabor Talmacsi (die in der WM die Plätze zwei und drei erreichten, die Red). Eigentlich war es unmöglich, die WM zu gewinnen. Aber wir haben zusammengehalten und schliesslich den Titel gewonnen. Für einmal hat nicht das Geld entschieden. Das macht diesen WM-Titel noch schöner.

Sie sind mit 19 Weltmeister geworden. Alle haben damals erwartet, dass Sie ein Töff-Superstar werden und die Szene jahrelang dominieren. Diesen hohen Erwartungen konnten Sie nie ganz gerecht werden.

Es war eine riesige Herausforderung, den WM-Titel zu bestätigen. Die Unbeschwertheit war nun weg und unter dem Erwartungsdruck habe ich ein paar falsche Entscheidungen getroffen. Ich hätte nach dem Titelgewinn in der darauffolgenden Saison 2006 sofort in die 250er-Klasse aufsteigen und nicht noch ein weiteres Jahr bei den 125ern fahren sollen.

Sie sind dann eine gefühlte Ewigkeit in der zweithöchsten Klasse hängen geblieben. Warum haben Sie das Abenteuer Moto GP nicht früher versucht?

Weil ich dazu keine Möglichkeit hatte. Einerseits war ich nie so erfolgreich und dominant, dass die Teamchefs in der MotoGP-Klasse nicht an mir vorbei gekommen wären. Andererseits hat die Schweiz im internationalen Motorradrennsport zu wenig Bedeutung, um trotzdem einen Platz in einem Moto GP-Team zu bekommen. Erst sehr spät habe ich doch noch eine Chance bekommen und die musste ich einfach packen.

Sitzt wieder auf einem Moto2-Töff: Tom Lüthi. (Waldemar Da Rin/Freshfocus)

Sitzt wieder auf einem Moto2-Töff: Tom Lüthi. (Waldemar Da Rin/Freshfocus)

Weil es einem Eingeständnis des Scheiterns gleichkommt, ist der Schritt von ganz oben aus der Moto GP-Klasse wieder zurück in die Moto 2-WM sehr selten. Wie haben Sie die Motivation für diesen Neuanfang gefunden?

Die Moto 2-WM ist meine Klasse. Dadurch, dass alle die gleichen Motoren und Reifen haben, ist die Chancengleichheit gegeben. Ich war zuvor so erfolgreich gewesen, dass ich Offerten von zehn Teams für eine Rückkehr in die Moto 2-Klasse hatte und ich konnte mir das beste aussuchen. Auf diese Saison gibt es eine neue Motorenmarke (Triumph für Honda, die Red.) und einige technischen Neuerungen. Die alte Moto 2-WM gibt es also 2019 nicht mehr. Es war für mich mehr wie ein Einstieg in eine neue Klasse als eine Rückkehr in eine alte WM.

Sie haben mit Ihrem WM-Titel 2005 in der Schweiz eine Sportart verändert. Das lag wohl nicht nur an Ihren Resultaten, sondern wohl ebenso an Ihrer sympathischen Art.

So? Ich bin halt wie ich bin und ich konnte mich noch nie gut verstellen.

Es war ja schon verrückt – Sie wurden 2005 auch Sportler des Jahres vor Roger Federer. Das gibt in gewissen Kreisen heute noch zu reden.

Das ist mir noch heute fast nicht recht.

Schweizer Sportler des Jahres 2005: Tom Lüthi.

Schweizer Sportler des Jahres 2005: Tom Lüthi.

Was hat Roger Federer damals dazu gesagt?

Er hat mir gratuliert. Aber weiter habe ich mich mit ihm nie darüber unterhalten.

Es gibt Parallelen: Er versucht, noch einmal die Nummer 1 zu werden. Sie versuchen noch einmal Weltmeister zu werden. Aber Ihnen beiden läuft die Zeit davon.

So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Aber ja, wir arbeiten beide daran, noch einmal die Nummer 1 zu werden.

Wie lange noch?

Ein paar Jahre. Für 2020 habe ich noch einen Vertrag bei meinem aktuellen Team. Mein Ziel ist es, danach zwei weitere Jahre bis 2022 zu fahren.

Sie haben also die Operation WM-Titel bereits auf nächste Saison verschoben?

Der Rückstand ist gross. Aber die Situation ist gar nicht so schlecht. Ich kann das Thema WM-Titel jetzt wegschieben und Rennen führ Rennen fahren.

Wie gross ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Fahren auf der Rennpiste und auf der Strasse?

Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Es ist eine ganz andere Welt. Auf der Rennpiste muss ich versuchen, in jeder Situation ans Limit zu gehen.

Sie wohnen jetzt wieder zu Hause in Linden im oberen Emmental. Ist die Rock’n’Roll-Phase in Ihrem Leben ein wenig vorbei?

Wie meinen Sie das?

Na ja, eine etwas wildere Phase.

Ich habe meinen Lebensstil eigentlich nicht verändert.

Weniger Glanz und Gloria: Tom Lüthi. (Vincent Guignet/Freshfocus)

Weniger Glanz und Gloria: Tom Lüthi. (Vincent Guignet/Freshfocus)

Aber es ist jetzt schon etwas weniger Glanz und Gloria in Ihrem Leben. Wenn wir nur an die Zeit denken, als Sie mit dem Model Fabienne Kropf liiert waren – da gab es ab und an eine People-Reportage in der «Schweizer Illustrierten» und einen Auftritt bei «Glanz & Gloria».

Na ja, Glanz und Gloria passt halt nicht zu mir. Es braucht zwar die Medienpräsenz, das war damals nicht anders als heute. Aber es ist schon so, dass ich ab und zu Termine wahrnehmen musste, die ich lieber ausgelassen hätte.

Sind Sie in eine Rolle hineingedränt worden?

Nicht unbedingt. Aber ich gehe nun mal lieber mit meinen Kollegen in den Ausgang als mit einem Cüpli herumzustehen.

Jetzt sind Sie also wieder mehr der wahre, echte Tom Lüthi?

Wenn Sie wollen, kann man das so sagen.

Sie sind im September 33 Jahre alt geworden. Riskieren Sie in diesem Alter noch gleich viel wie die «wilden Jungen»?

Es ist nicht eine Frage des Risikos und es gibt auch keine Angst oder Hemmungen. Aber manchmal ist man tatsächlich schneller, wenn man nicht zu lange über etwas nachdenkt und einfach drauflosfährt.

Die neue Generation bringt aber auch einen anderen Fahrstil.

Ja. Die Technik entwickelt sich ständig weiter und die Rundenzeiten werden von Jahr zu Jahr schneller. Es kommt immer ein Fahrer wie beispielsweise Marc Marquez, der neue Akzente setzt. Selbst Valentino Rossi, der nun ja wirklich alles gewonnen hat, passt seinen Fahrstil laufend an. Wer stehen bleibt, ist innerhalb einer kurzen Zeit weg vom Fenster.

Was macht Moto 2-Leader Alex Marquez anders?

Er ist extrem in jedem Bereich. Er geht mit der Abstimmung so extrem ans Limit, dass kein anderer Pilot seine Maschine fahren kann. Sie ist für seinen Fahrstil gebaut worden.

Sie betreiben einen Sport mit extremer Adrenalinausschüttung. Wo holen Sie sich den «Kick» nach Ihrem Rücktritt?

Das ist eine gute Frage. Vielleicht ist es wie eine Sucht. Ich muss das zu gegebener Zeit herausfinden.

Tom Lüthi ist immer auf der Suche nach dem Adrenalin. (Vincent Guignet/Freshfocus)

Tom Lüthi ist immer auf der Suche nach dem Adrenalin. (Vincent Guignet/Freshfocus)

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