FC Basel
Timm Klose im grossen Interview: «Manchmal ist es besser, den Regeln zu folgen»

FCB-Innenverteidiger Timm Klose zieht nach der Niederlage gegen YB und vor dem letzten Heimspiel des Jahres gegen den FC St. Gallen eine erste sportliche Bilanz. Er kritisiert dabei auch die meckernde Gesellschaft und erklärt, warum es ihm nichts ausmacht, wenn das Weihnachtsfest dem Lockdown zum Opfer fällt.

Jakob Weber
Merken
Drucken
Teilen
Timm Klose wurde im Oktober positiv auf das Coronavirus getestet. Heute sagt er immer noch: «Manchmal habe ich das Gefühl, extrem k.o. zu sein.»

Timm Klose wurde im Oktober positiv auf das Coronavirus getestet. Heute sagt er immer noch: «Manchmal habe ich das Gefühl, extrem k.o. zu sein.»

Freshfocus

Wie gut haben Sie nach dem 0:2 gegen YB und ihrer Kopfballvorlage für den Gegner geschlafen?
Timm Klose: Ich war etwas länger wach. Leider hatte ich beim Kopfball selber zwei Gedanken im Kopf. Auf die Seite klären oder zum Goalie zurückköpfen. Und dann kam genau das raus, was ich nicht wollte: ein Zwitter von zwei Gedanken. Aber er macht ihn dann auch noch gut rein. Insgesamt war das natürlich blöd. Wir haben ihnen das Tor auf dem Tablett serviert.

Die Szene im Video:

Warum war YB am Mittwoch so viel besser?

Wir sind überrascht worden. Wir sind eigentlich mit breiter Brust raus, haben dann aber einen Gegenwind gespürt. YB hat sich von der Niederlage gegen Servette nicht so verunsichern lassen, wie wir das erwartet hatten. Aber man muss YB auch einfach zugestehen, dass sie es wirklich gut gemacht haben. Wenn du dann mal 0:2 hinten bist, wird es schwer.

Wie verdauen Sie solche Niederlagen?

Ich bin kein Freund von Niederlagen und auch am Tag danach noch schwer darauf anzusprechen. Vor allem, da ich dachte, dass wir einen guten Lauf haben und den nächsten Schritt machen könnten. Aber der hat leider nicht funktioniert. Da greife ich mir auch an die eigene Nase. Die ersten 15 Minuten dürfen mir nicht passieren, da kam ich nicht richtig in die Zweikämpfe und mache dumme einfache Fehler.

Erst war die Tabellenführung greifbar, jetzt soll wieder alles schlecht sein. Wo steht der FCB im Dezember 2020?

Wichtig ist, sich nicht von allem blenden zu lassen. Auch bei den Siegen zuvor lief nicht immer alles rund und auch, wenn wir jetzt verloren haben, war nicht alles schlecht. Wir sind neu zusammengewürfelt, hatten nicht wirklich eine Vorbereitung. Nur in den Spielen können wir uns weiterentwickeln und im Fussball geht es schnell. Erfolg und Misserfolg liegen eng nebeneinander. Ich sehe uns immer noch in einer guten Entwicklung. Aber wir müssen ehrlich sein und sagen: Es braucht noch Zeit. Wir sind noch nicht so weit, wie wir uns alle erhofft haben.

Schadet es der Entwicklung, wenn man das Ziel ausgibt, um den Meistertitel mitspielen zu wollen? Ist die Diskrepanz zur Realität nicht zu gross?

Wo stehen wir denn in der Tabelle? Sind wir Letzter?

Nein Zweiter. Mit einem oder zwei Spielen mehr als die Konkurrenz.

Wenn du zum FC Basel kommst, willst du um den Meistertitel mitspielen. Das ist im Kopf verankert. Natürlich ist YB momentan sehr gut und wir orientieren uns darum an ihnen und wollen näher an sie ran und sie irgendwann auch überholen. Aber solche Ziele sind doch gut, damit du weisst, in welche Richtung du dich bewegen willst.

Ist das für die jungen Spieler nicht zu viel Druck?

Den Druck darf die Öffentlichkeit gerne auf uns ältere Spieler abladen. Wenn ich so einen Aussetzer wie am Mittwoch habe, dürfen die Journalisten schreiben, was sie wollen. Das ist ok. Aber die Jungen sollten nicht angegriffen werden. Für sie ist diese Situation neu. Sie durchgehen einen Lernprozess.

Tut so eine Niederlage gut, weil man vor dem St.-Gallen-Spiel am Samstag den Fokus schärft?

Eine Niederlage tut nie gut. Aber ja, es ist wichtig, dass wir die Vorrunde gut abschliessen. Man lernt als Mannschaft viel mehr aus Niederlagen. Darum bin ich mir sicher, dass wir eine Reaktion gegen St. Gallen und Luzern zeigen werden.

In der Ostschweiz hat man das Gefühl, der FCSG sei aktuell ebenbürtig mit dem FCB. Was entgegnen Sie da?

Ich muss nichts entgegnen. Wenn sie das Gefühl haben, ist das doch gut. Wir haben klare Ziele für uns. Es ist wichtig, dass wir nicht schauen, was die anderen machen und Spiel für Spiel nehmen. Die Tabelle ist momentan nicht wahr, weil so viele Spiele verschoben wurden. Aber natürlich wollen wir die direkten Konkurrenten im Direktduell auf Distanz halten. Wir wissen aber auch, wie gut St. Gallen ist und müssen aus den Fehlern gegen YB lernen.

Wie haben Sie den Höhenflug von St. Gallen in der letzten Saison verfolgt?

Ich finde das hervorragend. Ich fand schon immer, St. Gallen ist eine geile Hochburg für Fussball, weil dort auch die Leute sehr emotional sind. Auch ihr Konzept mit jungen Spielern finde ich sehr intelligent. Für den Schweizer Fussball kann das nur gut sein. Auch, was in Genf passiert, wo Philippe Senderos sein Know-how einbringt, macht mir Freude. Das macht die Liga interessant. Es muss das Ziel sein, dass die Schweizer Vereine international wieder konkurrenzfähiger werden.

Gegen Sion schoss Timm Klose sein bisher einziges Tor für den FCB.

Gegen Sion schoss Timm Klose sein bisher einziges Tor für den FCB.

Freshfocus

Sie selber studieren aktuell Sport Management. Werden Sie nach der Aktivkarriere Sportchef?

Ich möchte mir einfach so viele Türen wie möglich aufmachen. Durch welche ich dann durchgehe, zeigt sich nach der Karriere. Solange ich aber verletzungsfrei spielen kann, will ich noch weiter Fussball spielen.

Haben Sie im Studium mit Arbeiten Schreiben und Prüfungen neben dem Profialltag auch noch Lernstress?

Nein. Das macht mir Spass. Ich kann ja nicht den ganzen Tag Kopfbälle machen und Hirnzellen verlieren. Ich muss die auch wieder reinholen (lacht).

Was würden Sie sich für ihre ersten drei Monate beim FCB für eine Note geben?

(überlegt). Ich sehe definitiv noch Luft nach oben. Eine 4,5 finde ich fair. Ich bin froh, dass ich so im Rhythmus bin, dass ich mich nicht mehr verletze. Aber ich kann noch nicht die Welt verändern. Aber ich versuche, mit kleinen Schritten besser zu werden. Ich will ein Stein in der Brandung werden, an dem man sich orientieren kann, wenn’s mal Gegenwind gibt.

Was gibt Ihnen Ihr Trainer Ciriaco Sforza für ein Feedback?

Ein gutes. Dadurch weiss ich, wo ich stehe. Ich spüre das Vertrauen und das gibt mir Selbstvertrauen. So kann ich mich weiter entwickeln. Und das will ich. Die Floskel «die Karriere ausklingen lassen in der Heimat» nervt mich. Das ist nicht so.

Sie waren kurz nach ihrer Ankunft im Oktober zwei Wochen in Quarantäne. Erst wegen einem Fall im Team, dann weil Sie selber positiv getestet wurden. Wie war diese Zeit?

Ich habe den Geschmacks- und Geruchssinn verloren. Ansonsten hatte ich nicht gross Symptome. Aber du merkst schon, dass deine Lunge zu arbeiten hat. Die ersten Spiele nach der Rückkehr fielen mir etwas schwerer.

Spüren Sie heute noch die Lunge?

Ganz ehrlich? Ich weiss es nicht genau. Manchmal habe ich das Gefühl, extrem k.o. zu sein. Aber ob das Nachwirkungen sind, kann mir keiner sagen. Aber das ist definitiv eine komische Sache.

Der FCB misst ja auch Laufleistungen und Ausdauerwerte. Merkt man da, wenn einer mit Corona infiziert war, dass die Werte schlechter sind?

Nein, kurzfristige Auswirkungen sind aus den Daten nicht ersichtlich und für langfristige Erkenntnisse ist es noch zu früh.

Sie versuchen dem Virus etwas Positives zu entgegnen. Woher kommt diese Haltung?

Es prasselt viel auf uns ein. Vermutlich wird es bald einen zweiten Lockdown geben. Natürlich wünsche auch ich mir, dass alle gesund bleiben und das Virus so wenig Leben wie möglich kostet. Aber ich halte es für gefährlich, wenn man wegen Corona alles allgemein schlecht redet und in einer Meckertrott verfällt. Dem möchte ich entgegenwirken und einfach alles positiv anschauen. Wir können zum Beispiel immer noch Fussball spielen, andere haben ihren Job verloren. Es ist wichtig, das in Relation zu setzen.

Was können Sie an einer Quarantäne Positives hervorheben?

Ich hatte mehr Zeit für meine Familie, habe viel telefoniert und mich um Leute gekümmert, die ich sonst nicht oft gehört habe. Fussball ist schnelllebig. Zwischen all den Spielen und Trainings bist du oft müde. Dann rufst du keine Freunde mehr an. Das konnte ich nachholen. Die ganze Coronasituation war wichtig, um sich bewusst zu werden, was im Leben wichtig ist. Wo steht der Fussball? Wo die Familie?

Trotz aller Liebe zur Familie haben Sie während der Quarantäne Ihre Mutter ausquartiert. Wie kam es dazu?

Sie hatte eine Wohnung, die ich gebrauchen konnte. (lacht). Ich war zu diesem Zeitpunkt noch im Hotel und habe mich dort ziemlich eingesperrt gefühlt. Nichts gegen das Hotel. Aber ich wollte dort nicht noch zwei Wochen länger bleiben, ohne raus zu dürfen. Darum war ich froh, als mir meine Mutter angeboten hat, in ihre Zweitwohnung zu gehen und ich in ihre Wohnung konnte. Dort hatte ich mehr Platz, konnte mein Sportprogramm machen. Es tut mir leid für meine Mutter, aber wir haben uns immer noch gerne, auch wenn ich gesagt habe, dass sie ausziehen muss (lacht).

Timm Klose ist gerne für einen Spass zu haben:

Wie ist Ihre Wohnsituation jetzt?

Wir haben jetzt ein Mietshaus gefunden und planen auch, ein Haus in der Region zu bauen, damit wir hier einen Standort haben.

Planen Sie also längerfristig in Basel zu bleiben? Aktuell sind Sie ja nur ausgeliehen und müssen eventuell nach der Saison zurück nach Norwich. Der Verein ist aktuell Erster in der Championship. Ist es denkbar, dass Sie nächste Saison wieder Premier League statt Super League spielen?

Das kommt auch ein bisschen auf mich an. Oder nicht?

Wollen Sie uns jetzt die genauen Klauseln in Ihrem Leihvertrag verraten?

(schmunzelt) Ich fühle mich sehr wohl in Basel und würde gerne die Ziele mit dem Verein erreichen. Der Rest steht in den Sternen. Das ist zu diesem Zeitpunkt pure Spekulation. Das mache ich nicht so gern. Ausser mit Aktien (lacht).

Was ist Ihre Meinung in der Lohnkürzungsdiskussion?

Ich kenne mich leider zu wenig aus, was die Vorgaben vom Bund angeht und war auch nicht da, als das Thema im Frühling hier diskutiert wurde. Darum möchte ich mich dazu auch nicht äussern momentan. Aber ich kann sagen: Wir Spieler wissen schon, um was es geht. Und wenn es soweit ist, sitzen wir auch hin und können die Diskussion aufnehmen. Schon bevor ich hier ankam, haben die FCB-Spieler ja gespendet und auf Lohn verzichtet. Wir sitzen schon nicht zu Hause und hoffen, dass uns niemand das Geld wegnimmt. Wir wissen, dass auch wir helfen müssen und werden das auch tun, wenn es soweit kommt.

Wie verbringen Sie Weihnachten?

Es kommt natürlich drauf an, was die Politik entscheidet. Ich würde gerne im kleinen Rahmen mit meiner Familie feiern, aber du kannst im Moment einfach nicht planen. Wir müssen in erster Linie vorsichtig sein und alles dafür tun, dass es den Leuten gut geht. Wenn wir dann mal Weihnachten allein verbringen müssen, dann ist es halt so.

Das kennen Sie ja aus Ihrer Zeit in England.

Ja. Da wird ja zwischen den Jahren gespielt und da habe ich auch nichts verpasst. Manchmal ist es besser, den Regeln zu folgen, damit es allen gut geht. Es gibt auch nächstes und übernächstes Jahr wieder Weihnachten. Bis dahin haben wir hoffentlich herausgefunden, wie wir dieses Virus bekämpfen können und dann gibt es noch genug Partys auf der Welt, wo wir feiern können, bis wir am Boden liegen (lacht).