Rücken der Nation

Pirmin Zurbriggen: «Federer soll nichts erzwingen»

Pirmin Zurbriggen – ehemaliger Schweizer Skirennfahrer und einst das «Knie der Nation» – über die besondere Situation von Roger Federers und wie man als Sportler damit umgeht.

Bangen mit Roger Federer: Kann der Baselbieter im Davis-Cup-Final gegen Frankreich spielen? Wenn ja, ist er dann am Freitag bereits wieder im Vollbesitz seiner Kräfte? Nachdem Federer wegen Rückenproblemen auf den Final der ATP-Finals in London verzichten musste, zittert die Schweiz um den «Rücken der Nation». Der ehemalige Skirennfahrer Pirmin Zurbriggen (51) kann gut mit dem Tennis-Maestro mitfühlen. Der Walliser hat im Jahr 1985 Ähnliches erlebt, als die ganze Schweiz um sein «Knie der Nation» zitterte.

Pirmin Zurbriggen, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie von Roger Federers Finalverzicht erfahren haben?

Pirmin Zurbriggen: Ich kann gut nachvollziehen, dass Roger in London nicht zum Final angetreten ist. Eine solche Verletzung kommt im ersten Moment aus dem Nichts. Denkt man dann darüber nach, hat sich so etwas vielleicht auch angekündigt. Dann ist es wichtig, dass man auf die Signale hört.

Für Federer droht der grosse Traum vom Davis-Cup-Sieg zu platzen. 1985 war Ihre Situation kurz vor den Weltmeisterschaften ähnlich, Sie durften sich berechtigte Medaillen-Hoffnungen machen.

Es wird ihm gleich ergehen wie mir damals. Als Sportler fiebert man einerseits auf solche Ereignisse hin, andererseits ist man auch realistisch und weiss genau, dass es keinen Sinn ergibt, wenn man nicht gesund antreten kann. Da muss man vor allem auf den eigenen Körper hören, es hat keinen wert, etwas mit Gewalt zu erzwingen. Ich bin überzeugt, dass Roger weiss, wie er damit umgehen muss. Er ist erfahren genug.

Ihnen schwappte eine enorme Sympathiewelle entgegen. Wie gelingt es einem da, sich auf den eigenen Körper zu konzentrieren?

Ich wurde damals enorm gut abgeschottet und habe so nur im kleinen Rahmen mitbekommen, was alles abgegangen ist. Es liegt nun an Rogers Betreuerstab, ihm das zur Genesung nötige Umfeld zu schaffen. Das zu handhaben ist nicht so einfach. Ich hätte mir damals nie vorstellen können, welches Ausmass das annimmt.

Haben Sie durch die enorme Aufmerksamkeit sogar Druck verspürt?

Ich habe das nie so angesehen und für mich das Positive mitgenommen. Diese enorme Unterstützung hat mich aufgestellt, mich frei gemacht. Geholfen hat auch, dass ich wusste, dass ich abgesehen vom Knie fit bin, dass ich wusste, was ich selber zur schnellstmöglichen Genesung beitragen kann. Das wird Roger auch Kraft geben. Gleichzeitig wird er sicher nichts riskieren. Er weiss genau, dass er aufpassen muss, wenn er noch ein paar Jahre weiterspielen will.

Federer soll also nichts Unmögliches erzwingen?

Genau. Natürlich ist ein Davis-Cup-Final eine riesige Sache und Roger wird versuchen, das Möglichste zu unternehmen, um antreten zu können. Schmerzmittel können bis zu einem gewissen Grad helfen, allerdings gilt es dabei immer aufzupassen, dass daraus nicht langfristige Nebeneffekte entstehen. Ich bin überzeugt, Roger wird sich diese Gedanken auch machen.

Ihre Geschichte dürfte Federer Mut machen. Sie haben kurz nach der Operation am Meniskus zweimal WM-Gold und einmal -Silber gewonnen.

Es wäre toll, wenn es Roger ebenso ergehen würde. Das wünsche ich sowohl ihm als auch der Schweiz. Denn eine solche Chance auf den Gewinn des Davis-Cups wir wohl nicht so schnell wiederkommen. Damit er bis Freitag wieder topfit ist, braucht es aber auch etwas Glück.

Hat die Vorgeschichte Ihre WM-Triumphe schöner gemacht?

Ganz sicher spezieller. Das waren unglaublich schöne Momente, nachdem ich kurz zuvor noch gedacht habe, dass mein Traum von der ersten WM-Medaille wegen dieser Verletzung geplatzt ist. Und dann kam innert kürzester Zeit doch wieder alles anders. Für mich selber kam das einem Wunder gleich. Erst mit etwas Abstand konnte ich das so richtig verarbeiten und einordnen.

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