Danach verteilten die Finalisten die Medaillen an die Ballkinder. Kurz darauf nahm Federer den Pokal in Empfang. Wie immer spendierte er danach den Ballkindern, zu denen er früher selbst gehört hatte, im Bauch der St. Jakobshalle Pizza. Roger Federer (37), der Künstler: leichtfüssig, filigran, der Mann der Zauberschläge. Der Mann, über den einmal geschrieben wurde, er sei ein Geschöpf, dessen Körper gleichzeitig Fleisch und Licht ist. Der Mann der Superlative.

Er dankt dem Publikum: Auf Englisch, auf Französisch, auf Baseldytsch. Und er verdrückt auch ein paar Tränen. Alles wie immer. Doch es war keine Woche wie immer. Roger Federer war in dieser Woche nie der Mann der Superlative. Er musste in jedem Spiel mindestens einmal den Aufschlag abgeben. Er schlug zahlreiche Doppelfehler. Nur selten zeigte er jenen Spielwitz, jene Leichtfüssigkeit, die ihn sonst auszeichnen. Es brauchte keinen Rafael Nadal, keinen Novak Djokovic, keinen Juan Martin Del Potro, um ihn zu fordern. Es waren Gegner wie Filip Krajinovic, Gilles Simon und eben Marius Copil, von dem Turnierdirektor Roger Brennwald sagte, er sei erst der zweite Spieler, den er erst bei der Siegerehrung kennen lerne.

Harte Arbeit im Hintergrund

Es ist das Los des Künstlers, dass leicht aussieht, was beschwerlich ist. Auf kaum einen trifft das mehr zu als auf Federer. Doch das ist es auch für ihn nicht, das war es nie. Abseits des Schwenkbereichs der Kameras arbeitet der Baselbieter weitaus härter, als viele das vermuten. Alles für den Rausch auf dem Platz, den tosenden Applaus, die Sekunden im Lichtkegel der Scheinwerfer, die seine letzten sein könnten. Sie sind Lohn für Opferbereitschaft, Wille und Arbeitsethos.

Der Final ist kein Schaulaufen. Er ist vielmehr Spiegelbild der vergangenen Monate. Federer liegt in beiden Sätzen mit Break hinten, im zweiten Durchgang sogar mit 1:4. Es ist ein Kampf mit einem Gegner, der zum Teil mit Tempi von 243 Kilometern in der Stunde aufschlägt. Aber auch ein Kampf mit sich selbst. Es ist sichtbar, spürbar, hörbar. Und gerade weil er diese Emotionen wieder ungefilterter auslebt als in den Jahren der Dominanz, ist er den Menschen in der Heimat näher gerückt.

Ein Befreiungsschlag

Für Roger Federer ist dieser Sieg auch ein Befreiungsschlag. Sowohl in Cincinnati, wo er im Final stand, als auch in Schanghai (Halbfinal), hatte er die Unbeschwertheit und Leichtfüssigkeit der ersten Monate des Jahres vermissen lassen. Das ging so weit, dass sich der unverbesserliche Optimist, der in dieser Woche einmal sagte, er sehe das Glas «immer halb voll, niemals halb leer», sich ungewohnt selbstkritisch zeigte. «Es ist auch für mich unerklärlich, dass ich so oft meinen Aufschlag abgebe.»

13 Mal musste er im Turnierverlauf ein Break hinnehmen, einmal gab er den Service drei Mal in Folge ab. Das provozierte Fragen. Fragen, auf die Federer nicht nur keine Antworten wusste, sondern irgendwann auch keine Lust mehr hatte. Es ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sich in den vergangenen Wochen selber stärker infrage gestellt hat. Insofern markiert Basel auch das Ende der Selbsttäuschung. Denn seit Ende Februar hat Federer nur noch drei Mal gegen Spieler aus den Top Ten gespielt – und jedes Mal verloren.

Nicht als Künstler, sondern als Arbeiter

Das ist eine Bilanz, die einem Spieler, der die Hälfte der letzten sechs Grand-Slam-Turniere, die er bestritt, gewonnen hat, nicht gerecht wird. Und vor allem: Sie wird auch seinem eigenen Anspruch nicht gerecht. Doch in Basel hat Roger Federer erste Antworten darauf geliefert, wie er auch künftig zu den Anwärtern auf Titel bei Major-Turnieren zählen kann. Nicht als jener Künstler Federer, als der er in der Öffentlichkeit noch immer vorwiegend wahrgenommen wird. Sondern als Arbeiter, der er schon immer war.

Roger Federer, 37-jährig, seit 20 Jahren als Profi unterwegs, ist noch immer die Nummer 3 der Welt. Er gewann in diesem Jahr vier Turniere. Mit seinem 99. Titel rückt er auch Jimmy Connors immer näher, der mit 109 Titeln als Einziger in dieser Wertung noch vor dem Baselbieter liegt. Weit über 1400 Spiele hat Federer inzwischen bestritten. Das alles sind beeindruckende Zahlen und Marken für einen, der seit zehn Jahren danach gefragt wird, ob seine Zeit nicht langsam abgelaufen sei. Sie wären nicht möglich gewesen, wäre Federer nur das, als was er dereinst in die Geschichtsbücher seines Sports eingehen wird: ein Künstler. In Basel rückte für einmal jener Federer ins Rampenlicht, der sonst immer im Schatten jener Lichtgestalt steht: der Kämpfer und Arbeiter.