Tennis
Der Meister hat seinen Meister gefunden

Wieder verhindert Novak Djokovic den 18. Grand-Slam-Titel von Roger Federer.

Petra Philippsen, New York
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Einer steht noch über ihm: Roger Federer beim US Open. Keystone

Einer steht noch über ihm: Roger Federer beim US Open. Keystone

KEYSTONE

Novak Djokovic eilte nach dem Matchball hinüber vor seine Box und liess einen martialischen Schrei los. Dazu posierte er in einer kriegerischen Geste mit gereckten Fäusten, ganz so, als wäre dies eine Antwort gewesen – an sich selbst, an sein Team um Boris Becker und besonders an die 24 000 Fans im Arthur Ashe Stadium, die ihm das Leben in diesem Final am US Open dreieinhalb Stunden lang so schwer gemacht hatten. Die seine Fehler beklatschten, in seine Aufschlagbewegungen reinbrüllten, buhten und immer nur «Roger, Roger!» schrien.

Wie eine Wand hatten die Amerikaner hinter ihrem Liebling Roger Federer gestanden und wollten ihn so unbedingt zu seinem ersehnten 18. Grand-Slam-Titel peitschen, dass es schon unsportlich wurde. Doch es hatte nicht gereicht, Djokovic war mal wieder zäher gewesen. Und während sich der berauschte Serbe in seine Box hochziehen liess und in der Umarmungstraube fast zu ertrinken schien, hockte Federer auf seinem Stuhl und starrte ins Leere. Erneut war der Traum vom nächsten grossen Titel geplatzt, es wäre sein sechster in Flushing Meadows gewesen. Und das hatte noch keiner geschafft. Federer jagt der Nummer 18 nun schon drei Jahre lang hinterher – und dieses Mal wäre die Chance so gut wie lange nicht gewesen. Umso mehr ärgerte sich Federer über sich selbst und über die 4:6-, 7:5-, 4:6- und 4:6-Niederlage.

Zu viele ungenutzte Chancen

«Natürlich bin ich enttäuscht», sagte der 34-jährige Baselbieter, «ich hatte die Chancen auf meinem Racket. Ich hätte nie zurückliegen dürfen. Aber Novak hat sich sehr gut gewehrt. Dennoch: Ich weiss, warum ich verloren habe. Ich habe zu viele Breakchancen vergeben.» 19 von 23 waren es gar, die Federer nicht nutzte, und mit so einer schwachen Quote lässt sich gegen die Nummer eins der Welt nicht gewinnen.

Federer hatte zunächst nur schwer in die Partie gefunden, die aufgrund von Schauerwetter mit dreistündiger Verspätung unter Flutlicht begann. Doch im zweiten Satz wurde er mutiger und offensiver – setzte von da an den heiss diskutierten SABR ein, seinen extrem aggressiven Halbvolley-Return. Insgesamt achtmal spielte Federer diese taktische Variante, viermal mit Erfolg. Mitunter rückte er aber auch nur halb vor, als Bluff. Auch das nötigte Djokovic mal zu einem Doppelfehler. Doch Federer unterliefen selbst einfach zu viele Schwächen. 29 seiner insgesamt 54 leichten Fehler machte er mit seiner eigentlich so starken Vorhand. Im dritten Satz hätte Federer mit 5:3 in Führung gehen können, stattdessen kassierte er selbst noch den Serviceverlust zum 4:5 nach einer 40:15-Führung. «Ich hätte die Breaks nie so kriegen dürfen, wie sie passiert sind», sagte der Schweizer selbstkritisch, «es war mehr drin.»

Dieses schale Gefühl beschlich auch die Zuschauer, die Federer unaufhörlich antrieben – besonders, als er im vierten Durchgang schon mit 2:5 hinten lag. Da blies der Weltranglistenzweite noch einmal zur Attacke: mit SABR und fantastischen Passierschlägen. Das erste Break gelang, fast hätte Federer zum 5:5 ausgeglichen. «Vielleicht wäre die Sache dann gekippt», meinte er, «ich war sicher viel dichter dran als in Wimbledon.» Auch dort war Federer im Turnier in sehr starker Form aufgetreten, doch Djokovic konnte sich im Final noch steigern.

Roger Federer: «Es war eine harte, aber aufregende Nacht»

Das war ein aussergewöhnlich guter Match von Ihnen. Tröstet Sie das oder überwiegt die Enttäuschung über die verpassten Chancen?
Roger Federer: Es tröstet schon, es waren jetzt ein paar sehr gute Monate für mich. Und diese fantastische Unterstützung, die ich vom Publikum bekomme, ist für mich auch nicht selbstverständlich. Dadurch fühlt es sich an, als würde man gewinnen. Das treibt mich weiter an, und das ist sicherlich einer der Gründe, weshalb ich noch spiele. Für diese Gänsehaut-Momente, das ist grossartig. Aber natürlich bin ich enttäuscht. Ich hatte die Chancen auf meinem Racket. Es war eine harte Nacht, aber irgendwie auch aufregend.

War der dritte Satz der Knackpunkt?
Ja, der dritte und vierte Satz. Ich hatte so viele Breakchancen und bei einigen hätte ich es besser machen müssen. Novak Djokovic hat mir auch nichts geschenkt, aber trotzdem hätte ich mehr draus machen müssen.

Sie haben insgesamt nur zwei Punkte weniger gemacht als Djokovic . . .
Ja, ich hatte schon das Gefühl, dass ich dichter dran gewesen bin als in Wimbledon. Der Match dort war irgendwie schwieriger. Jetzt hätte ich nie und nimmer nach drei Sätzen im Resultat hinten liegen dürfen. Auch nach vier nicht. Am Schluss ist das egal, ich habe das akzeptiert. Nur, es wäre mehr drin gewesen.

Hat Sie die dreistündige Regenpause vor dem Match gestört?
Nein, das gehört eben dazu. Man hat uns immer auf dem Laufenden gehalten, und es ist nicht so schlimm, wenn es eine Regenpause so spät im Turnier gibt. Da ist es wenigstens ruhig in der Garderobe. In der ersten Runde sind da noch tausend Leute und man hat keine zwei Quadratmeter Platz für sich.

Sie standen in diesem Jahr in zwei Grand-Slam-Endspielen. Wurden Ihre Erwartungen damit übertroffen?
Es ist eine gute Saison für mich, ich spiele gutes Tennis und bin sehr froh über mein Level. Ich habe das Gefühl, dass sich alles in die richtige Richtung bewegt. Das klingt vielleicht komisch, wenn man gerade verloren hat, aber so ist es. Ich spiele sehr konstant und kann die besten Spieler regelmässig schlagen. Aber so viele Finals zu verlieren, ist natürlich enttäuschend. Doch das Jahr ist noch nicht vorbei und meistens habe ich immer einen guten Endspurt. Ich hoffe, das klappt jetzt wieder.

Glauben Sie, dass Ihre Spieltaktik vielleicht falsch gewesen ist?
Nein, ich denke, es war der richtige Matchplan. Nur bei der Ausführung in den entscheidenden Momenten hätte ich besser sein müssen. Aber vielleicht lag es daran, dass ich lange nicht mehr so offensiv gespielt habe. Möglich, ich war deshalb bei den Breakbällen etwas unsicher. Wer weiss.

Sie haben den SABR gespielt, von acht Versuchen waren vier erfolgreich. Sind Sie zufrieden mit der Ausbeute?
Ich denke, es hat sehr gut funktioniert, und ich werde ihn sicher in Zukunft noch häufiger gegen Novak und andere einsetzen. Ich hätte es vielleicht sogar noch öfter probieren sollen.

Djokovic hat jetzt seinen zehnten Grand-Slam-Titel gewonnen. Wie viele trauen Sie ihm noch zu?
Er spielt eine wunderbare Saison, genau wie 2011. Er spielt extrem konstant. Und es scheint, als könnten nicht viele Gegner mit ihm mithalten können, denn er retourniert unglaublich gut. Er hat sein Spiel perfektioniert auf Hartplatz, und ich muss sagen, das ist ziemlich beeindruckend. Heute hat er das wieder bewiesen. Wenn er gesund und hungrig bleibt, kann er noch viele grosse Titel gewinnen.

Aufgezeichnet: Petra Philippsen

Die Kunst des finalen Höhepunkts

In New York schien Federer sein Pulver noch nicht zu früh verschossen zu haben. Der 34-Jährige wirkte frischer, gelöst nach dem ersten Endspieleinzug seit sechs Jahren und mit seinem neuen, aggressiveren Spiel eine echte Bedrohung für Djokovic. In Cincinnati hatte Federer ihn noch demontiert, doch Becker hatte vorausgesehen, dass «Roger sich nicht mehr im Final steigern kann». So musste Federer mit ansehen, wie Djokovic die silberne Trophäe küsste, zum zweiten Mal. Für Becker war der Grund klar: «Es ist die Kunst die Form so zu halten, dass man das beste Spiel im Final spielt. So gewinnt man Grand-Slam-Turniere.»

Djokovic hat diese Qualität zweifellos. Und so stand er als einziger Spieler der Profiära seit 1968 neben Federer und Rod Laver in einer Saison in allen vier Major-Endspielen. Und gewann drei Trophäen, wie schon im Jahr 2011. «Ich bin inzwischen ein kompletterer Spieler als damals», meinte der Serbe, «ich bin fitter, mental stärker und zäher geworden.» Auch Federer hatte sich in diesem Sommer neu erfunden. Mit seinem extrem offensiven Spiel samt dem SABR, mit seinem noch konstanteren Aufschlag und seiner enormen Schnelligkeit. «Ich bin froh über das Level, das ich wieder spiele», sagte Federer, «ich kann regelmässig die Besten schlagen.» Das gilt ebenso für Djokovic. Doch in den grossen Endspielen war ein guter Federer trotzdem nicht gut genug gegen ihn.

Diesen Handschlag haben Tennis-Anhänger mittlerweile 42 Mal gesehen, davon 14 Mal an Grand-Slam-Turnieren.
14 Bilder
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Keystone