Super League

Sportchef Christoph Spycher: «Ich will mit YB durch eine Krise gehen»

YB-Sportchef Christoph Spycher hat seinen Vertrag eben bis 2022 verlängert.

Er eroberte die Fussball-Schweiz im Sturm, die Nationalmannschaft buhlte um ihn – doch Christoph Spycher zog ihr seinen Herzensklub vor. Der YB-Sportchef über schwierige Entscheide, harte Zeiten und die Qualitäten eines guten Fussball-Managers.

Man nennt ihn den Baumeister der YB-Erfolgsgeschichte, den Kopf hinter der Auferstehung von Gelbschwarz. Christoph Spycher, Sportchef des Schweizer Meisters aus Bern, würde das so niemals für sich reklamieren. Er ist nicht einer, der das Rampenlicht sucht, aber er scheut es nicht, wenn ihn seine Arbeit in den Fokus der Öffentlichkeit spediert.

Mit wenigen Minuten Verspätung marschiert er an diesem Mittwochnachmittag zügigen Schrittes ins «Eleven», das Restaurant gleich neben dem Treppenaufgang zum Sektor D, der Heimat der YB-Anhänger. Einst führte er die Eintracht als Captain auf den Platz, später die Young Boys, jetzt waltet er über die sportliche Entwicklung eines ganzen Klubs. Kurze Hosen und Stulpen sind Vergangenheit, heute trägt er Hemd und Sakko zu Jeans.

Was macht einen guten Sportchef aus?

Christoph Spycher: Er muss einerseits langfristig denken und andererseits Menschen führen und für sein Projekt gewinnen können. Man muss den Leuten Raum geben, Vertrauen. Aber man darf sie nicht alleine lassen.

Ein herausfordernder Job.

Ja, vor allem weil man in einer Sandwich-Position ist. Man ist im engen Austausch mit dem Verwaltungsrat, mit den anderen Mitgliedern der Geschäftsleitung und den Mitarbeitenden im Sport. Es ist normal, dass im Fussball einige auch ein bisschen wie Fans reagieren. Aber das darf der Sportchef nicht.

Warum?

Weil es zu emotional ist. Entscheidet ein Fan, greift er heute an und schwenkt alsbald wieder um. Es wird ein Hin und Her, und man hat in der Regel weder Kontinuität noch Erfolg.
Also muss man kalt berechnend sein als Sportchef?
Es ist okay, wenn das Herz auch mitredet, wenn es zum Beispiel um die Vertragsverlängerung mit einem Spieler geht. Aber der Entscheid braucht immer eine rationale Abstützung.

Der Job ist sehr anspruchsvoll. Trotzdem braucht man nicht einmal ein Diplom dafür. Ist das fahrlässig?

(Denkt lange nach) Eine sehr schwierige Frage. Was für mich nicht geht, dass man direkt nach der Spielerkarriere als Sportchef beginnt. Der Schritt ist aus meiner Sicht zu gross. Bei jedem Verein sind die Anforderungen sehr unterschiedlich und es gibt so wenige Jobs als Sportchef. Da frage ich mich, ob es Sinn macht, eine Ausbildung anzubieten.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich habe als Talentmanager angefangen und zugleich meine Trainerausbildung vorangetrieben. So weit wie ich konnte, ohne eine Mannschaft zu übernehmen (B+-Diplom; d. Red.). Dann habe ich an der Uni St. Gallen noch ein Sportmanagement-Diplom gemacht 2017. Es war ein Mix aus theoretischer und praktischer Erfahrung.

Welche Strukturen braucht ein erfolgreicher Sportchef?

Er braucht Handlungsspielraum, darf aber nicht isoliert agieren. Er muss Fachkompetenz um sich scharen, Leute, mit denen er diskutieren kann, bevor er entscheidet. Wenn man sich im Büro einschliesst und grübelt, landet man oft in einer Sackgasse.

Wie lief das bei der Verpflichtung von Gerardo Seoane?

Um etwa diese Zeit im vergangenen Jahr haben wir angefangen, ein Trainer-Profil auszuarbeiten. Klar war, der neue Mann muss junge Spieler weiterentwickeln können. Er muss offensiv und dominant spielen lassen.

Hatten Sie da schon Anhaltspunkte, dass Adi Hütter gehen wird?

Nicht konkret, aber Adi und ich hatten immer ein absolutes Vertrauensverhältnis. Er hat mir gesagt, dass die Bundesliga sein Ziel ist. Ich wusste, dass es schwierig wird, ihn zu halten, wenn da ein Angebot kommt.

Haben Sie dann auch schon erste Nachfolge-Kandidaten getroffen?

Nein, das wäre auch nicht angebracht gewesen. Es lief dann alles sehr gut ab, weil Adi mich informierte, sobald er von der Eintracht kontaktiert wurde.

Da hatten Sie aber kaum noch Zeit.

Wir haben in einer ersten Runde mit einigen Kandidaten gesprochen, zu denen wir vorgängig schon etliche Informationen eingeholt hatten. Mit drei Kandidaten trafen wir uns ein zweites Mal. Da war neben Scouting-Chef Stéphane Chapuisat sowie Ernst Graf und Gérard Castella aus der Ausbildung auch Verwaltungsratspräsident Hanspeter Kienberger dabei.

Vor den Gesprächen stand Seoane nicht zuoberst auf der Liste.

Das ist korrekt. Wir stellten uns folgende Fragen: Wie meistert er die Herausforderung Europa? Da hast du alle drei, vier Tage ein Spiel. Wie geht er mit dominanten Persönlichkeiten um? Nach der ersten internen Analyse dachten wir, dass es schwierig werden könnte. Aber dann hat uns Seoane bei den Gesprächen restlos überzeugt.

Jetzt weiss man warum: YB ist eigentlich konkurrenzlos. Das Spiel gegen den FCB ist ein Pseudo-Spitzenkampf.

Natürlich ist die Ausgangslage komfortabel. Aber ein Spiel in Basel ist immer besonders, es geht immer um viel.

Ihr Vorsprung könnte von 21 auf 18 Punkte schrumpfen ...

Trotzdem haben wir nicht das Gefühl, dass wir von einem anderen Planeten kommen. Wir mussten uns jeden Punkt, jeden Sieg sehr hart erarbeiten.

Wie motiviert man die Spieler in einer solchen Situation?

Wir wollen so schnell wie möglich das Ziel «Titelverteidigung» erreichen. Da passt es, dass Gerry Seoane und die Mannschaft von einem unglaublichen Ehrgeiz getrieben werden und eine hervorragende Mentalität haben.

Wie meinen Sie das?

Die Spieler haben einen riesigen Selbstantrieb. Sie wollen weiterkommen, manche möchten den nächsten Schritt machen, ins Ausland wechseln. Sie müssen wissen, dass jedes Spiel entscheidend sein kann, ob sie ihren Traum verwirklichen können oder nicht. Das sage ich ihnen auch, wenn ich mit ihnen über ihre Pläne spreche.

Setzen Sie finanzielle Anreize?

Ja, auch. Wir haben ein sehr variables Lohnsystem, wollen mit Erfolgsprämien auch monetäre Anreize setzen.

Als YB Meister wurde, hat der FCB ein Inserat geschaltet, in dem es hiess: «Bitte tragt dem Pokal Sorge. Wir wollen ihn in gutem Zustand zurückholen.» Wie kam das an?

Ich fand das eine erfrischende, humorvolle Aktion. Wir haben sie mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen.

Wenn Sie das jetzt wieder hören, müssen Sie wieder schmunzeln?

Zuerst müssen wir diese Meisterschaft ins Trockene bringen (lacht). Aber wir gehen ja nicht mit Scheuklappen durchs Leben. Wir kriegen mit, was in der Fussball-Schweiz sonst noch passiert.

Auch dass Marco Streller, Sportchef beim FC Basel und ehemaliger Nati-Kollege, arg unter Beschuss kam? Geht Ihnen das auch nahe?

Ich kriege in Bern nicht alles mit. Aber es gab diese Wellen der Kritik, die über ihn hereinbrachen. Wir sind Konkurrenten, aber wir kennen uns aus der Nati und schätzen uns. Marco ist ein super Typ. Er hat Familie. Rein menschlich hat er mir in diesen Momenten leidgetan. Natürlich habe ich mir vorgestellt, wie es für mich wäre in seiner Situation.

Warum?

Weil man sich der Kritik aussetzt, wenn man im Fussball eine Führungsposition übernimmt. Es ist die Sportart Nummer 1, vermutlich das emotionalste Geschäft überhaupt, jeder hat eine Ahnung davon, viele wissen es besser. Mir ist auch bewusst, dass wir kontinuierlich am Überperformen sind.

Wie meinen Sie das?

Derzeit gelingt es uns, aus unseren Mitteln unglaublich viel herauszuholen, während andere Vereine vielleicht eine schwierigere Phase durchmachen. Es wird auch wieder anders kommen, YB wird irgendwann wieder schwierigere Zeiten erleben.

Dem hätten Sie aus dem Weg gehen können, wenn Sie den Job als Nati-Manager angenommen hätten.

Viele Leute haben mir gesagt, dass ich bei YB nur noch verlieren könnte. Denn wirtschaftlich sind wir nicht die Nummer 1, das ist immer noch Basel. Gleichzeitig wächst die Erwartungshaltung der Fans. Aber wissen Sie was? Mir geht es nicht nur um meine Karriere. Ich empfinde Verantwortung für meine Mitarbeiter hier, die einen tollen Job machen.

Hat Sie der Nati-Job nicht gereizt?

Doch, natürlich. Es war ein enorm schwieriger Entscheid. Für mich war es immer eine grosse Ehre, für die Nati aufzulaufen. Der Verband nimmt mit der Schaffung dieser Stelle eine wichtige Anpassung vor. Aber ich wollte nicht weggehen von YB, weil ich Angst hatte, dass vieles zusammenfällt, was wir aufgebaut haben.

Dafür hätten Sie sich verantwortlich gefühlt?

Ja. Wenn ich irgendwann gehen sollte, möchte ich, dass der Verein gefestigt ist und auch durch eine Krise gehen kann. Ich bin nicht blauäugig und denke, dass wir jetzt Titel in Serie holen. Es wird immer mein Wunsch sein, aber die Realität wird irgendwann anders aussehen. Dann will ich da sein und mithelfen.

Sie haben in dieser Zeit Ihren Vertrag verlängert. Das Nati-Angebot half beim Verhandeln, oder?

Ich habe erst den Entscheid gefällt und dann verhandelt. Wenn das Finanzielle im Zentrum gestanden hätte, wäre ich nicht mehr hier.

Sondern bei der Nati?

Nicht einmal.

Gab es andere Angebote?

Es gibt an vielen Orten sehr viel Geld zu verdienen. Aber das war für mich nie die Triebfeder. Diese Einstellung verlange ich ja auch von unseren Spielern. Das neue Amt beim Verband habe ich nicht als Druckmittel gebraucht.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf sich zukommen?

Wir werden im Sommer sicher einen grösseren Umbruch haben als im Vorjahr. Die beiden vergangenen Transfer-Perioden waren sehr ruhig. Vielleicht dachten die Leute im Ausland auch: YB hat jetzt einen Exploit gehabt, aber die Spieler sind gar nicht so gut. Mit dieser Saison aber haben sie bewiesen, dass sie unglaublich gut sind.

Haben Sie nicht zu viel verlangt?

Auch hier haben wir unsere Leitlinien: Wir werden keine Spieler für zwei, drei Millionen verkaufen, nur um Geld zu machen. Diese Jungs haben Champions League gespielt, sie sind Nati-Spieler, sie haben ihren Preis.

Ihren wichtigsten Transfer haben Sie ja schon gemacht.

Wir haben mit Fabian Lustenberger sicher einen Transfer gemacht, der für uns sehr wichtig ist. Was er im vergangenen Jahrzehnt geleistet hat, ist wahnsinnig. Genauso wie sein Charakter. Es ist kein Zufall, dass er mit Steve von Bergen befreundet ist.

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