Eishockey
Die Absage des Spengler Cups wird zur Zeitbombe in der Buchhaltung des HC Davos

Die Aufregung rund um die zweite Absage des Spengler-Cups zeigt, auf wie dünnem Eis der nationale Profisport inzwischen steht.

Klaus Zaugg
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Das Davoser Eisstadion bleibt leer. Die Kasse auch.

Das Davoser Eisstadion bleibt leer. Die Kasse auch.

Bild: Gian Ehrenzeller / Keystone

SCB-Obersportchef Raëto Raffainer braust am Samstag auf der Autobahn Richtung Zürich, als kurz vor Würenlos um 09.27 Uhr das Hosentelefon über die Freisprechanlage zu lärmen beginnt. Am Apparat Spengler-Cup-Teamarzt Walter Kistler. «Da war mir schon klar, dass etwas passiert sein muss.» Walter Kistler informiert den Delegationschef des Berner Teams, dass das Turnier wegen 17 Covid-Fällen beim HC Davos vom Kantonsarzt abgesagt worden ist.

Sandra Rolli, die Assistentin von SCB-Manager Marc Lüthi, ist auf dem Weg nach Davos bereits bei Horgen angelangt, als sie die Meldung bekommt. Sie kehrt um, trifft sich mit Raëto Raffainer im «Fressbalken» und die beiden managen von dort aus die Absage. Es gelingt über den Team-Chat, alle vor der Abfahrt nach Davos zu erreichen. Die Motorkutschen-Karawane, die Team-Autobusse aus Langnau, Biel und Bern sind noch nicht losgefahren. Auch die ausländischen Teams – sie wären mit Charterflügen angereist – können noch vor dem Abflug informiert werden. Nur für einen finnischen Schiedsrichter kommt die Absage zu spät: Er sitzt mit seiner Familie in der Maschine, die soeben in Helsinki abgehoben hat.

Es geht ums Geld, um viel Geld

Die Absage einen Tag vor dem Start ist ein harter Dämpfer für Enzo Corvi und Co.

Die Absage einen Tag vor dem Start ist ein harter Dämpfer für Enzo Corvi und Co.

Gian Ehrenzeller / SPENGLER CUP

HCD-Präsident Gaudenz Domenig wird die Absage einen Tag vor Turnierbeginn als «grösstmögliche Katastrophe» bezeichnen. Es geht ums Geld. Um viel Geld. Der HCD macht fast die Hälfte des Jahresumsatzes von 30 Millionen mit dem Spengler-Cup. Das Turnier beschert dem Klub einen Reingewinn von gut und gerne zwei Millionen. Der Spengler-Cup ist für den HCD kommerziell so wichtig wie der gesamte Meisterschaftsbetrieb von Anfang September bis April. Ohne den Spengler-Cup könnte der HCD kein konkurrenzfähiges Team in der höchsten Spielklasse finanzieren und wäre ein Ajoie der Berge. Dieser zweite Ausfall hintereinander ist noch viel schlimmer als die Absage vor einem Jahr. 2020 hatte der HCD bereits am 29. September freiwillig auf den Spengler-Cup verzichtet. Spätestens Ende Oktober beginnen die Aufbauarbeiten der Turnier-Infrastruktur.

Ab diesem Zeitpunkt muss viel Geld ausgegeben werden. Allein der Aufbau des VIP-Zirkuszeltes im Kurpark, das ja auch bei Temperaturen von minus 20 Grad beheizt werden muss, kostet einen hohen sechsstelligen Betrag.

«Nun haben wir keine Reserven mehr»

Die Rechnung ist einfach: Wenn bei einem Umsatz von rund elf Millionen gut zwei Millionen Gewinn gemacht werden, betragen die Aufwendungen fast neun Millionen. Der HCD wollte im Herbst 2020 nicht das Risiko einer kurzfristigen Absage oder eines Turniers ohne Zuschauer eingehen. Was sich dann als richtig erwiesen hat. Statt die Klubkasse zu alimentieren, wird der Spengler-Cup 2021 nun, weil die Investitionen diesmal riskiert worden sind, ein Loch in die HCD-Erfolgsrechnung reissen.

Die Ränge im Eisstadion in Davos bleiben leer. Der 94. Spengler Cup wurde einen Tag vor Beginn des Traditionsturniers abgesagt.

Die Ränge im Eisstadion in Davos bleiben leer. Der 94. Spengler Cup wurde einen Tag vor Beginn des Traditionsturniers abgesagt.

Gian Ehrenzeller / Keystone

Wie gross dieses Loch sein wird, hängt von zwei Faktoren ab: vom Verhandlungsgeschick des HCD-Präsidenten und den Zuwendungen aus den öffentlichen Kassen. Vom Verhandlungsgeschick hängt es ab, wie grosszügig die Gläubiger sein werden: Wie viel muss für die bereits reservierten Hotelzimmer – allein für das «Team Bern» sind es mehr als 100 – bezahlt werden? Wie gross ist der Preisnachlass bei den gebuchten Charterflügen für die ausländischen Teams? Wie viel Geld werden die Sponsoren zurückfordern, die schon zum Voraus bezahlt haben? Wie viel Geld wollen die Zuschauerinnen und Zuschauer für die bereits gekauften Tickets zurückhaben? Und dann gibt es noch die Entflechtung zwischen Meisterschaft und Spengler-Cup. Nämlich dann, wenn ein Sponsor die Präsenz während der Meisterschaft mit dem Spengler-Cup kombiniert hat.

Gaudenz Domenig.

Gaudenz Domenig.

Keystone

Wenn HCD-Obmann Gaudenz Domenig sagt, der HCD könne die zweite Spengler-Cup-Absage hintereinander ohne Steuergelder nicht mehr verkraften, so ist das nicht nur der über hundert Jahre alten, hochentwickelten Kultur des politisch schlauen Jammerns in den Bergen oben geschuldet. Die letzte Saison mit Geisterspielen in der Meisterschaft und dem Ausfall des Spengler-Cups 2020 hat der HCD nach Auflösung seiner Reserven mit einem Verlust von mehr als drei Millionen abgeschlossen. «Nun haben wir keine Reserven mehr. Ohne Hilfe der öffentlichen Hand werden wir nicht überleben», sagt Gaudenz Domenig.

Der Rettungsschirm für den HC Davos

2020 hat der HCD den Spengler-Cup freiwillig abgesagt. Juristisch gab es also für die öffentliche Hand (Staat, Kanton, Gemeinde) keine Pflicht für Schadenersatz. Nun aber ist das Turnier durch behördliche Anweisung (durch den Kantonsarzt) abgesagt worden. Der Staat zieht den Stecker für einen Anlass, der alle behördlichen Auflagen erfüllt und alle Bewilligungen erhalten hat. Für diesen Fall gibt es einen durch Steuergelder finanzierten Schutzschirm für Grossveranstaltungen. Nun wird es ein Rettungsschirm für den HCD.

Die Trophae des Spengler Cups.

Die Trophae des Spengler Cups.

Gian Ehrenzeller / Keystone

Der Präsident sagt, für die laufende Saison habe der HC Davos noch genug Geld in der Kasse, um die Löhne wie immer pünktlich zu bezahlen. Weil viele Leistungen (Vorverkauf, Sponsoren) für den Spengler-Cup im Voraus bezahlt worden sind. Aber dann gehen ohne die Hilfe der öffentlichen Hand die Lichter aus. Eine Zeitbombe in der HCD-Buchhaltung, die nur noch der Steuerzahler entschärfen kann. So wird es geschehen, der HC Davos wird nicht untergehen und der Spengler-Cup bleibt bestehen. Und doch gibt es eine bange Frage: Was, wenn das Turnier auch 2022 ausfallen sollte? Die Erregungen der letzten Tage haben in beängstigender Art und Weise gezeigt, auf wie dünnem Eis der nationale Profisport inzwischen steht.

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