Knapp 5000 Kilometer mit dem Rennvelo von der Westküste an die Ostküste der USA in maximal neun Tagen. Was Wimbledon für die Tennisspieler ist, das ist das Race Across America für die Ausdauerradfahrer, sagte der Neuendörfer Mario Müller vor seinem Start im Viererteam. «Es gibt nichts Gröberes im Ultra-Cycling.» Eine gut anderthalbjährige Vorbereitung war für das Projekt nötig. Neun Helfer begleiteten die vier Fahrer auf ihrem Abenteuer.

Etwas mehr als eine Woche nach dem Rennen sieht Müller etwas müde aus. Sonst scheint er aber gut erholt von den Strapazen, sein Gang ist rund. «Die Beine sind gut, die lange Vorbereitung zahlt sich jetzt aus», bestätigt er. Doch die Müdigkeit sei heftig. Geschlafen habe er während des gesamten Rennens «eigentlich nie, nur gedöst». Und je länger das Rennen ging, desto kürzer wurden die Pausen: «Um die Kräfte perfekt zu verteilen, wechselten wir zum Schluss immer schneller. Für Schlafen blieb da keine Zeit mehr.»

Am meisten Ehrfurcht hatte Müller vor den Zeitzonen und dem Wetter. Zu Recht: «In Los Angeles waren es neun Stunden Unterschied, in New York noch sechs. Manchmal dachte ich, es wurde doch gerade erst Nacht, jetzt ist es schon wieder hell.» Er bekam ein Durcheinander. Alles erlebt hat er auch in Sachen Wetter: mehr als 45 Grad in Arizona, Schnee auf dem Wolfs Creek in Colorado und Hagelstürme. «In Kansas entgingen wir nur knapp einem Tornado», so Müller. «Es war wirklich alles dabei, Gegenwind, Stürme, Hitze, Kälte.»

Pechsträhne bei einem der beiden Pace-Cars

Personen kamen zum Glück nicht zu Schaden. Aber eines der Begleitfahrzeuge, das zuerst im Sand stecken blieb, danach einen Platten einfing und schliesslich noch «einen kleinen Unfall hatte. Das Auto war nicht mehr verkehrstauglich und wir mussten ein neues auftreiben». Einer der hektischeren Momente während des Rennens. Für die vier Fahrer ging das Rennen trotz der Suche nach einem Ersatzfahrzeug weiter. «Das war noch ziemlich am Anfang», erinnert sich Müller, «wir wurden schon ein bisschen nervös und hofften, dass das nur Pech war und es jetzt nicht einreisst.»

Das Team blieb in der Folge verschont vor weiteren Vorfällen. Nach exakt 8 Tagen und 16 Minuten erreichte das Quartett das Ziel in Annapolis im Bundesstaat Maryland. Müller ist rund 1 600 Kilometer und stiess dabei mental auch mal an die Grenze: «Du siehst immer nur den Beton unter dir und fragst dich, ob du überhaupt vorwärtskommst und ob es irgendwann mal aufhört.» Er wusste aber, dass er dem Ziel mit jeder einzelnen Radumdrehung näherkommt. Ein Motivationsschub war das Überqueren der Halbzeit-Marke. «Da war nur eine Linie auf dem Boden, aber ich wusste, jetzt geht es heimwärts. Das hat mich extrem aufgebaut.»

Sowieso habe jeder Abschnitt auch schöne Erlebnisse beschert. Insbesondere die Strecken durch die Rocky Mountains und die Appalachen beeindruckten ihn. «In Kansas ging es zwei Tage nur geradeaus, das war abartig. Ab und zu wurde ich von Riesentrucks überholt, die mich durchschüttelten. Kopf runter und wie ein Motörchen pedalen, das war die Devise.»

Ein Tag in New York und ein T-Bone-Steak

Das Race Across America zu überstehen war das Ziel der vier Fahrer. «Wir sind sicher nicht auf dem ersten, aber auch nicht auf dem letzten Platz», sagt Müller zum Resultat. «Mit unserer Zeit sind wir sehr zufrieden. Wir haben unsere Erwartungen übertroffen.» Das Team verschaffte sich einen zusätzlichen Sightseeing-Tag in New York. Eine weitere Belohnung gabs in Form eines dicken T-Bone-Steaks.

Nach der Heimkehr verzichtete Mario Müller während zweier Wochen auf jegliche sportliche Aktivitäten. Auspacken und Waschen war angesagt und viel In-Erinnerung-Schwelgen. «In Gedanken habe ich sehr viel Sport gemacht», sagt er. «Ich ging das ganze Rennen im Kopf nochmals durch und sah mir immer wieder die Videos auf Facebook an. Aufs Rad steige ich vielleicht nächste Woche wieder.»