Nach zwei Interclub-Einsätzen in der NLB für Drizia Genf reiste Vullnet Tashi Mitte Mai nach Antalya, um zwei Profiturniere der untersten Stufe – sogenannte Futureturniere – zu bestreiten. Nach einer Erstrundenniederlage beim ersten Einsatz in der Türkei wartete beim zweiten Turnier in der ersten Runde der ehemalige Top-100-Spieler Marsel Ilhan.

Losglück sieht anders aus. Doch in jener Woche wuchs der 25-jährige Grenchner über sich hinaus. Er bezwang Ilhan in zwei Sätzen und liess gleich noch drei weitere Siege folgen. Zum ersten Mal überhaupt qualifizierte er sich für ein Finale auf der Profitour.

Finalqualifikation grösster Erfolg auf der Profitour

«Ich habe wirklich gut gespielt. Ich war ruhig und konzentriert auf dem Platz und habe in jedem Spiel bis zum Schluss gekämpft», sagte Vullnet Tashi. Zum Turniersieg hat es nicht gereicht. Im Final war die Luft draussen.

«Ich hatte in der Nacht vor dem Final schlecht geschlafen. Ich war sehr nervös und auch etwas müde nach den vier harten Matches zuvor», so Tashi, der das Endspiel klar verlor. Dennoch ist die Finalqualifikation der bislang grösste Erfolg auf der Profitour für den Grenchner.

Problem mit der US-Immigrationsbehörde

Dass er dafür länger warten musste als viele andere Spieler, passt zum bisherigen Karriereverlauf von Vullnet Tashi. Mehr als nur einmal stand er in seiner Karriere vor einer Sackgasse. Doch irgendwie fand Tashi dank seinen Kämpferqualitäten und seinem Durchhaltewillen, die auch sein Tennisspiel auszeichnen, immer einen Weg, um für seinen Traum von der Profikarriere weiterzukämpfen.

In Grenchen aufgewachsen, begann Vullnet Tashi im Alter von fünf Jahren mit dem Tennissport. Sein Vater hatte damals Andre Agassis Auftritte im TV verfolgt und seine beiden Söhne ins Tennistraining geschickt. Fast täglich spielte Vullnet mit seinem älteren Bruder, der sich aber bald entschied, auf die Ausbildung zu setzen.

Von Biel aus in die USA

Vullnet dagegen wollte nur eines: Tennis spielen. Nach der obligatorischen Schulzeit wurde er Profi. Nach acht Jahren in Biel zog es ihn in die USA. Drei Jahre lebte und trainierte er in Houston, ehe ihm die Immigrationsbehörde einen Strich durch die Rechnung machte. Hin und wieder spielte Tashi, der mit einem Touristenvisum in Texas weilte, mit einer älteren Frau, die ihm dafür ein paar hundert Dollar bezahlte, damit er seine Tenniskarriere finanzieren konnte.

Tashi betrachtete das Tennisspielen als Dankeschön für die finanzielle Unterstützung, die Immigrationsbehörde dagegen als unerlaubte Arbeit. Die Konsequenz: Tashi musste die USA verlassen und darf fünf Jahre nicht einreisen. «Das war echt hart. Ich wusste für kurze Zeit nicht mehr, wie meine Karriere weitergehen soll», blickt er zurück.

Das Geld ist knapp

Aufgeben kam aber nicht infrage. Über einen Freund fand er im spanischen Alicante eine neue Heimat. Seit fast drei Jahren wohnt und trainiert er nun in der Hafenstadt an der Costa Blanca. Aber auch in Spanien ist das Profileben hart. Vor allem wenn das Geld knapp ist wie bei Vullnet Tashi, der ohne finanzielle Unterstützung auskommen muss.

«Früher haben mich meine Eltern unterstützt. Aber das will ich nicht mehr. Ich bin 25 Jahre alt, da will ich selber für mich schauen», so Tashi. Um sein Portemonnaie aufzubessern, bestreitet er Preisgeldturniere und spielt in der Schweiz Interclub. «So komme ich über die Runden», sagt er. Ideale Bedingungen für eine Tenniskarriere sehen aber anders aus.

Im Wohnwagen an die Turniere

Um Geld zu sparen, hat sich Vullnet Tashi ein Wohnmobil gekauft, mit dem er an die Turniere in Spanien reist. So fallen keine Kosten für die Unterkunft an. Meistens teilt er sich den Platz im Wohnwagen mit einem oder zwei Spielerkollegen, die sich im Gegenzug an den Benzinkosten beteiligen. Ein Coach ist nie dabei. Das wäre schlicht zu teuer.

Und obwohl Vullnet Tashi spart, wo es nur geht, konnte er im ersten Halbjahr 2017 nur Turniere bestreiten, die in der näheren Umgebung von Alicante stattfanden. Für alles andere fehlte das Geld. «Ein halbes Jahr praktisch komplett zu pausieren, obwohl ich fit war, tat schon sehr weh», sagt Vullnet Tashi. «Aber ich bin es mittlerweile gewohnt, dass ich mehr kämpfen muss als andere – auch wenn es Nerven kostet und ich wertvolle Zeit verliere, denn ewig kann ich ja auch nicht Profi sein.»

In Israel weitere ATP-Punkte sammeln

Aktuell sieht die finanzielle Lage etwas besser aus. Dank den Interclub-Einsätzen und einigen Preisgeldturnieren ist er bis im August auf der sicheren Seite. «Jetzt kann ich endlich so viele Futures spielen, wie ich möchte», freut sich Vullnet Tashi. Seine nächsten Einsätze plant er in Israel und hofft, dass er dort weitere ATP-Punkte sammeln kann, um erstmals die Top 800 der Welt zu knacken.