2. Liga inter

Grenchens Trainer: «Minimalisten kommen bei mir nicht weit»

Trainer Mirko Recchiuti arbeitet vorzugsweise mit jungen Spielern.

Trainer Mirko Recchiuti arbeitet vorzugsweise mit jungen Spielern.

Grenchens Trainer Mirko Recchiuti spricht im Interview über den fulminanten Saisonstart, die Beziehung des FC Grenchen zum FC Solothurn und über die 1.-Liga-Gelüste des Klubs.

Grenchens Start in die zweite Saison in der 2. Liga inter ist vielversprechend. Nach fünf Meisterschaftsspielen ist das Team von Trainer Mirko Recchiuti immer noch ungeschlagen und liegt vor dem Heimspiel am Samstag gegen den SC Schöftland auf dem dritten Platz. Für Recchiuti ist es die dritte Saison beim FC Grenchen. Wir trafen ihn am Mittwochabend im Stadion Brühl vor dem Testspiel gegen die Schweizer U17-Auswahl.

Nach fünf Spielen hat der FC Grenchen mehr Punkte auf dem Konto als nach der ganzen Vorrunde der vergangenen Saison. Es scheint aktuell alles zu passen?
Mirko Recchiuti: Es wäre falsch, wenn wir nach diesem Start denken würden, dass alles gut läuft. Alle Spiele waren auf der Kippe. Wir könnten sogar zwei Punkte mehr haben oder aber ein paar weniger, wenn die Spiele anders verlaufen wären. Wir haben auf jeden Fall noch viel Arbeit vor uns.

Was sind die Gründe für den ­starken Saisonauftakt mit drei Siegen und zwei Unentschieden?
Wir haben in der vergangenen Saison nicht schlechtere Spiele abgeliefert als jetzt. Der entscheidende Punkt ist, dass wir alle ein Jahr weiter sind. Für die jungen Spieler, die bei uns Stammkräfte sind, war die vergangene Saison wichtig, um Erfahrungen zu sammeln im Aktivbereich. Davon profitieren sie nun. Sie wissen jetzt besser, wie sie die Spiele bestreiten müssen und wie sie sich in den jeweiligen Situationen zu verhalten haben. Zudem brachten uns die Spieler, die in den vergangenen Monaten neu zur Mannschaft gestossen sind, die nötige Stabilität.

Sie amten nicht nur als Trainer, sondern auch als Sportchef. Und haben in dieser Position mächtig gewirbelt in den vergangenen zwei Transferperioden. Was waren die Überlegungen?
Im Winter haben wir die Vorrunde analysiert und dabei festgestellt, dass wir fussballerisch zwar mithalten konnten und wir in der richtigen Liga sind, dass uns aber zu oft die Erfahrung fehlte, das Spiel richtig zu interpretieren und zu lesen. Deshalb suchten wir im Winter für einmal nicht junge Spieler, die wir noch heranführen müssten, sondern solche, die uns sofort helfen. Mit den Grosjean-Brüdern, Stéphane Essomba und Leo Schrittwieser kamen Spieler mit Erfahrungen aus der 1. Liga. Visar Aliu kehrte zurück, der bei uns in der 2. Liga eine starke Saison gezeigt hatte.

Nachdem die Rückrunde dem Coronavirus zum Opfer gefallen war, haben Sie im Sommer nochmals nachgelegt.
Wir konnten unser Team auf die neue Saison hin zusammenhalten. Sämtliche Spieler, mit denen wir weiter arbeiten wollten, sind geblieben. Deshalb kehrten wir zu unserer ursprünglichen Philosophie zurück: Junge Spieler holen, die vorher in einer U-Mannschaft waren, dort aber aus irgendwelchen Gründen rausgefallen sind oder den Schritt in die 1. Liga noch nicht geschafft haben. Denen wollen wir die Möglichkeit geben, weiterhin viermal pro Woche und professionell zu trainieren.

Nur eine Hand voll Spieler Ihres aktuellen Kaders war nie beim FC Solothurn. Ist der FC Grenchen zum Auffangbecken für ehemalige Solothurner geworden?
Böse Zungen sagen, dass wir den ganzen FC Solothurn hierhergebracht haben. Ich muss das relativieren, denn es sind ja nicht alles Solothurner. Jeder Spieler im Kanton, der eine gewisse Qualität und Talent hat, landet früher oder später in der Nachwuchsabteilung des FC Solothurn. Je höher man spielt, desto schwieriger wird es, auf regional ausgebildete Fussballer zu setzen. Die Kader unserer Gegner in der 2. Liga inter bestehen zu 80 Prozent aus Spielern, die irgendwann mal in einer U-Mannschaft gespielt haben. Diese Grundausbildung braucht es auf diesem Niveau.

Wie ist die Beziehung zwischen den zwei aktuell erfolgreichsten Klubs im Kanton?
Sehr gut, der Austausch verläuft transparent und ehrlich. Ich wollte von Anfang an eine Zusammenarbeit mit dem FC Solothurn, denn beide Klubs profitieren davon.

Inwiefern?
Beim FCS kommen jedes Jahr Spieler aus der U18 raus. Längst nicht jeder hat Platz in der ersten Mannschaft. Für die Spieler, die vom Leistungssport kommen und einen grossen Aufwand betreiben, wollen wir eine Alternative sein. Sie erhalten bei uns die Chance, professionell auf hohem Niveau zu trainieren und Erfahrungen in der 2. Liga inter zu sammeln. Das ist unsere Philosophie: Jungen Spielern, die aus den U-Mannschaften gefallen sind oder den Schritt in die 1. Liga nicht geschafft haben, die Möglichkeit zu bieten, dranzubleiben. Wir legen andererseits keinem Spieler Steine in den Weg, wenn er gut genug ist für die 1. Liga. Ich würde auch jedem talentierten Junioren empfehlen, zu Solothurn zu wechseln.

Sie waren selber schon beim FC Solothurn als Trainer tätig. Zwischen 2015 und 2018 waren Sie für die U18 des Klubs verantwortlich. Wie kam es damals dazu?
Mit 28 übernahm ich den FC Gerlafingen und erlebte mit diesem vier hervorragende Jahre in der 2. Liga. Nach zwei weiteren Saisons in der 2. Liga mit Italgrenchen hatte ich das Gefühl, dass ich mich nicht mehr weiterentwickeln kann. Deshalb entschied ich mich dafür, zum FC Solothurn zu wechseln. Ich konnte extrem viel lernen von Leuten wie Ronny Vetter oder «Bidu» Zaugg, aber auch von vielen anderen sehr gut ausgebildeten Nachwuchstrainern. Ich würde diesen Weg jedem Trainer empfehlen, der Ambitionen hat, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht wie ein Rückschritt aussieht.

Während dieser Zeit kam es beim FCS zu zwei Trainerwechseln in der 1. Mannschaft. Machten Sie sich Hoffnungen auf den Posten?
Für mich war von Anfang an klar, dass ich irgendwann wieder in den Aktivfussball wechseln werde. Das wusste auch die Klubleitung. Ich war im engeren Kreis der Kandidaten, es gab auch Gespräche mit den Verantwortlichen, aber es hat nie ganz geklappt. Das ist in Ordnung für mich.

Waren Sie persönlich mit Ihrer Arbeit beim Solothurner Nachwuchs zufrieden?
Nach sieben Jahren in der 2. Liga hatte ich das Gefühl, ich passe nicht mehr rein. Bei Solothurn konnte ich im Spitzensport arbeiten, viermal pro Woche trainieren, mit Zyklen arbeiten und Videoanalysen machen, das gefällt mir. Das Ziel lautete, junge Spieler in die erste Mannschaft einzubauen und ich denke, das ist mir nicht so schlecht gelungen. Wir konnten jedes Jahr Spieler in die erste Mannschaft integrieren.

Im Sommer 2018 führte Sie Ihr Weg dann doch noch einmal in die Solothurner 2. Liga.
Für mich stellt sich immer die Frage, was ist das Ziel eines Vereins, welche Philosophie verfolgt er. Der FC Grenchen und ich befanden uns damals in einer sehr ähnlichen Situation, beide brauchten eine Art Neustart und hatten das Ziel, im Amateurbereich professionell zu arbeiten. Bis jetzt hat es sehr gut funktioniert. Ich bin glücklich hier und ich denke, man ist zufrieden mit mir.

Wie gross ist Ihr Aufwand?
Es sind sehr viele Stunden pro Woche, die ich investiere und es bleibt nicht viel Zeit für andere Sachen. Doch der Fussball hatte in meinem Leben schon immer einen sehr hohen Stellenwert. Für mich ist es auch kein Hobby, sondern ein Job. Wer mich kennt, weiss, dass ich eher zu viel arbeite. Minimalisten kommen bei mir nicht weit. Wer das Gefühl hat, er könne mal ein Training verpassen, spielt nicht. Dieses Problem gibt es bei uns aber nicht. Jeder Spieler will den nächsten Schritt machen. Wenn ich sehe, wie viel Zeit und Kraft die Spieler investieren, dann lohnt sich mein Aufwand auf jeden Fall.

Wird man den FC Grenchen bald wieder in der 1. Liga sehen und hat es dort überhaupt Platz für zwei Solothurner Klubs?
Platz hat es sicher. Es war ja auch jahrelang so, dass beide in der 1. Liga gespielt haben. Die Solothurner würden wohl auch lieber gegen uns als gegen Bassecourt spielen. Im Moment sind wir aber nicht in der gleichen Liga. Träumen ist zwar erlaubt, aber der Aufstieg ist momentan nicht unser Ziel.

Was braucht es noch, damit der FC Grenchen 1.-Liga-Niveau hat?
In erster Linie Kontinuität, wir müssen uns weiter festigen – in allen Bereichen. Wir haben in den vergangenen drei ­Jahren vieles richtig gemacht, im Vorstand ist Ruhe eingekehrt. Dieses Fundament müssen wir nun ausbauen, dann können wir mittelfristig vielleicht mal die 1. Liga anpeilen. Der Klub hat eine grosse Geschichte, die manchmal eine Last ist. Es ist für uns alle eine Ehre, ein Teil dieser Geschichte zu sein, aber nur aufgrund der grossen Vergangenheit sollten wir jetzt nichts forcieren, sondern unsere Arbeit konsequent fortsetzen.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren, was den Fussball angeht?
In fünf Jahren werde ich hoffentlich immer noch als Trainer tätig sein. Mit einer ambitionierten Mannschaft, mit der ich professionell arbeiten kann und mit der ich zusammen die Ziele des Vereins zu erreichen versuche.

Autor

Raphael Wermelinger

Raphael Wermelinger

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