«Unser Sportchef Daniel Bühlmann rannte direkt nach dem gewonnenen Spiel mit einer Magnum-Champagner-Flasche aufs Feld. Ich weiss nicht mehr wie, aber im Verlauf der Feier habe ich meine Sneaker verloren und musste deshalb am nächsten Tag in den Volleyballschuhen nach Hause.»

Die Erinnerungen an den 13. März 2010 sind bei Leandro Gerber noch sehr präsent. Nicht nur, weil er am folgenden Tag seinen 19. Geburtstag feierte, sondern vor allem, weil er mit «Schöni» den Aufstieg in die Nationalliga A schaffte. Auch an die erste Saison in der höchsten Liga denkt er gerne zurück: «Wir konnten auf Anhieb Fuss fassen in der NLA.»

Insbesondere er selbst: Gerber gehörte von Anfang an zur Startformation der Schönenwerder, punktete regelmässig und wurde am Ende der Saison als bester Youngster der höchsten Spielklasse ausgezeichnet.

Vom eigenen Durchbruch beflügelt und weil er gerade die Matur an der Sportkanti Aarau abgeschlossen hatte, wagte er auf die Saison 2011/12 den Schritt ins Ausland zum belgischen Spitzenklub Noliko Maaseik.

Ein Bandscheibenvorfall beendete das Abenteuer und Gerber kehrte zu Volley Schönenwerd zurück. Diesem hielt er in den vergangenen Jahren trotz diverser Angebote die Treue. «Einerseits war Schönenwerd für mich immer sehr gut gelegen, da ich in Zürich und Olten studierte», sagt der Aarauer.

«Andererseits habe ich hier auch meinen Kollegenkreis und mein Umfeld. Ich habe diesen Verein, die Fans, die Helfer und auch alle Verantwortlichen mittlerweile einfach ins Herz geschlossen. Und ich glaube, sie mich auch.» Er wisse genau, was er bekomme, wenn er für Schönenwerd spiele und stellt klar: «Innerhalb der Schweiz will ich für keinen anderen Klub spielen. Auch wenn sich ein Wechsel finanziell wohl gelohnt und sich die Chancen, einen Titel zu gewinnen, dadurch erhöht hätten. Aber so erfolgsgeil bin ich nicht, dass ich dafür mein Umfeld, meine Freunde verlasse.»

Es ist Zeit für den ersten Titel

Gerber hat mit Schönenwerd schon beide Finals erreicht. 2013/14 mussten die Niederämter in der NLA dem übermächtigen Lugano den Vortritt lassen. 2015 unterlagen sie im Cupfinal dem Lausanne UC nach vergebenen Matchbällen.

Der in den frühen Achtzigerjahren gegründete Klub wartet somit weiterhin auf den ersten Titelgewinn. «Es wird Zeit, dies zu ändern», sagt Gerber. «Und wieso nicht diese Saison? Wir spielten in der Qualifikation sehr gutes Volleyball und setzten uns im Viertelfinal gegen Uni Bern diskussionslos durch.»

In der Halbfinalserie (Best of 3), die heute um 19.30 Uhr mit einem Heimspiel beginnt, treffen die Schönenwerder auf Titelverteidiger Lausanne. «Schöni» beendete die Qualifikation als Tabellenzweiter direkt vor den Waadtländern, unterlag allerdings in zwei von drei Direktduellen. «Unsere Form stimmt. Wir haben ein gutes Feeling und coole Vibes innerhalb der Mannschaft. Dass das Teamgefüge und der Teamspirit stimmen, darauf legt auch der Trainer extrem wert. Diese Faktoren machen uns stark.»

Worin sieht der Aussenangreifer die grössten Stärken beim Gegner? «Lausanne ist eine Stimmungsmannschaft. Wenn sie aggressiv werden und ihr Feuer entfachen können, wachsen sie über sich hinaus.

Deshalb dürfen wir uns nicht provozieren lassen. Wir müssen versuchen, ruhig zu bleiben und unser Spiel durchzuziehen. Wir sind die bessere Mannschaft, wenn wir unsere Leistung abrufen können.» Nicht sicher ist allerdings, ob Gerber im heutigen ersten Duell von Beginn an ran darf. Denn mit Topskorer Luca Ulrich sowie dem Polen Marcin Ernastowicz hat er starke Konkurrenten auf der Aussenposition.

Oft erfahren die Spieler erst wenige Minuten vor dem Match, wer gesetzt ist. «Ich bin bereit, wenn es mich braucht. Wenn ich nicht spiele und wir gewinnen mit 3:0, freue ich mich natürlich trotzdem.» Er sei selber gespannt, wer heute in der Startformation steht: «Ich hoffe, dass ich die besten Karten habe. Am Ende der Qualifikation zeigte ich ein paar sehr gute Spiele. Nachdem ich zuletzt wegen einer Mittelohrentzündung pausieren musste, fühle ich mich im Moment wieder sehr fit.»

Die Problemzone Rücken

Aber auch alt fühle er sich. Nicht nur, weil er hinter den beiden Diagonalangreifern Daniel Rocamora und Milos Culafic der Älteste im Team ist, teilweise die Sprache der Jungen nicht mehr versteht und deren neuste Apps auf dem Handy nicht mehr kennt. Sondern auch, weil sein Körper dem Profisport Tribut zollt, vor allem der Rücken ist die Problemzone. «Ich bin zwar noch keine 30 Jahre alt, fühle mich aber wie 60 und hoffe, dass ich in 15 Jahren noch laufen kann», sagt Gerber.

Sein Rücktritt ist bereits absehbar. Zu Beginn der Saison seien die Schmerzen sehr schlimm gewesen. Um diese in den Griff zu bekommen, waren etliche Besuche bei Physiotherapeuten und beim Chiropraktiker nötig.

Als zusätzliches Wundermittel stellte sich das Eisbad nach dem Training und nach den Spielen heraus: «Dieses hilft gegen Entzündungen im Rückenbereich. Es ist wirklich extrem, wie viel Regeneration ich mittlerweile brauche. Und Vorbereitung: Mit 18 Jahren konnte ich problemlos und ohne mich gross aufzuwärmen, ein paar Bälle schlagen. Heute muss ich vorsichtig sein und genau auf den Körper hören.»

Da würden ein paar freie Tage sicher guttun. Trainer Bujar Dervisaj hat der Mannschaft in Aussicht gestellt, dass sie Freitag, Samstag und Sonntag freibekommt, wenn heute der Startsieg gegen Lausanne gelingt. «Das ist definitiv eine zusätzliche Motivation für mich», sagt Leandro Gerber schelmisch grinsend.