Bahn-EM in Grenchen
Grenchen statt Minsk: Politische Unruhen machen EM im Kanton Solothurn möglich

Die Bahn-Europameisterschaft findet erneut in Grenchen statt. Grund dafür ist die kurzfristige Absage im Juni aufgrund politischer Unruhen beim Gastgeber Weissrussland. Die Schweizer haben an der Heim-EM nur Aussenseiterchancen.

Nicolas Blust
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Stefan Küng (l.) und Thery Schir an der Bahn-EM 2015 in Grenchen. Beide Fahrer fehlen dieses Jahr im Aufgebot von Swiss Cycling.

Stefan Küng (l.) und Thery Schir an der Bahn-EM 2015 in Grenchen. Beide Fahrer fehlen dieses Jahr im Aufgebot von Swiss Cycling.

KEYSTONE

Bereits vor sechs Jahren spulten die besten Bahnfahrer Europas ihre Runden im Tissot Vélodrome in Grenchen ab und kämpften um europäisches Edelmetall. Dass nach so kurzer Zeit erneut Grenchen die EM austrägt, kam unverhofft und kurzfristig, da die Titelkämpfe eigentlich in Minsk über die Bühne hätten gehen sollen.

«Angesichts der instabilen Situation und der unhaltbaren Menschenrechtslage in Weissrussland standen wir der Ausrichtung der Europameisterschaften in Minsk von Beginn weg kritisch gegenüber. Nun freuen wir uns, dass wir den Athletinnen und Athleten die Chance bieten können, die Titelkämpfe in einem ruhigen Umfeld zu bestreiten», sagt Thomas Peter, Geschäftsführer von Swiss Cycling.

Politische Unruhen sorgen für Absage der EM im Juni

Die Vergabe der Bahn-EM an das autokratisch geführte Weissrussland schlug hohe Wellen. Viele nationale Verbände sprachen offen ihren Unmut über das Gastgeberland aus – mit Erfolg. Im Juni entzog der Europäische Verband Weissrussland aufgrund der politischen Unruhen die EM. Und die Velodrome Suisse AG kam zum Handkuss.

«Es ist uns eine grosse Ehre, die EM in unserem Stadion durchzuführen. Wir danken der UEC und Swiss Cycling für das Vertrauen, die Unterstützung sowie die hervorragende Zusammenarbeit», sagt Peter Wirz, CEO der Velodrome Suisse AG.

So funktionieren die einzelnen Wettkämpfe auf der Bahn

Vom Dienstag bis am Samstag kämpfen 306 Fahrerinnen und Fahrer aus 26 Nationen um die EM-Medaillen. Dabei stehen bei den Männern sowie bei den Frauen elf verschiedene Disziplinen auf dem Programm. Die einzelnen Kategorien funktionieren wie folgt:

In der Einzelverfolgung treten jeweils zwei Fahrer im K.-o.-System gegeneinander an. Wer die Distanz zuerst absolviert oder seinen Gegner einholt, gewinnt das Rennen. Bei den Männern müssen vier Kilometer zurückgelegt werden, bei den Frauen deren drei.

Die Mannschaftsverfolgung funktioniert vom Prinzip her wie die Einzelverfolgung. Es treten jeweils vier Fahrer pro Team an, beim dritten Fahrer wird im Ziel die Zeit gemessen. Die vier Fahrer wechseln sich in der Führungsarbeit regelmässig ab. Die zurückzulegenden Distanzen sind gleich wie in der Einzelverfolgung.

Scratch ist ein Massenstartrennen, bei dem die Männer 15 und die Frauen 10 Kilometer zurücklegen müssen. Wer als Erstes die Ziellinie überquert, gewinnt das Rennen. Während des Rennens wird versucht, einen Rundengewinn auf die Gruppe herauszufahren. Gelingt einem oder mehreren Athleten ein Rundengewinn, spurten nur die Athleten mit Rundenvorsprung um den Sieg.

Beim Ausscheidungsfahren scheidet in vorbestimmten Intervallen jeweils der hinterste Fahrer aus. Der Start erfolgt fliegend anschliessend an eine neutralisierte Einführungsrunde. Die Rangliste wird in umgekehrter Reihenfolge des Ausscheidens erstellt.

Auch das Punktefahren ist ein Massenstartrennen. In vorbestimmten Intervallen gibt es Wertungssprints, bei denen 5, 3, 2 und ein Punkt geholt werden können. Gelingt einem Fahrer ein Rundengewinn, so erhält er 20 Punkte. Wer am Ende des Rennens die meisten Punkte hat, gewinnt das Rennen. Die Männer fahren 40 Kilometer, die Frauen 25.

Omnium ist eine Kombination aus vier Disziplinen. Die Fahrer messen sich im Scratch, im Punktefahren, im Ausscheidungsfahren sowie im Tempofahren, was eine abgekürzte Form des Punktefahrens ist. Wer in den vier Disziplinen die meisten Punkte holt, ist der Sieger.

Im Madison treten jeweils Zweierteams gegeneinander an, wobei jeweils nur einer der beiden Fahrer im Rennen ist. Die Ablösungen finden fahrend statt durch gegenseitiges Abstossen oder Abziehen. Alle fünf Kilometer findet ein Zwischensprint statt und es gewinnt am Ende, wer die meisten Punkte hat. Die Männer absolvieren 50 Kilometer und die Frauen 30.

Der Sprint ist die älteste noch ausgetragene Disziplin im Radsport. Zuerst findet ein Zeitfahren über 200 Meter statt, um die acht Finalisten zu ermitteln, die danach in K.-o.-Runden gegeneinander antreten. In den Finalrunden wird die Startaufstellung ausgelost. Der als Führender ausgeloste Fahrer muss nach dem Start die Führung übernehmen und die erste halbe Runde mindestens im Schritttempo absolvieren. Beim zweiten Lauf wird die Aufstellung umgekehrt. Normalerweise fahren die Kontrahenten die ersten zwei von drei Runden extrem langsam und es kommt immer wieder zu Stillstandversuchen. Der Fahrer, der zuerst zwei Läufe gewinnt, kommt eine Runde weiter.

Der Teamsprint ist ein Jagdrennen, bei dem zwei Equipen gegeneinander antreten. Jedes Teammitglied fährt eine Runde in Führung und scheidet danach aus, womit nur der letzte Athlet des Teams die volle Distanz zurücklegt. Bei den Männern besteht ein Team aus drei Fahrern, bei den Frauen aus zwei Fahrerinnen. Es ist die knappste und schnellste Disziplin auf der Bahn.

Keirin ist eine japanische Variante des Sprints, bei dem sich sechs Fahrer gegeneinander messen. Die erste Hälfte des drei Kilometer langen Rennens fährt ein Motorrad als Pacemaker vor den Fahrern. Danach wird die Bahn den sechs Athleten überlassen und es gewinnt, wer als Erster die Ziellinie überquert.

Beim Zeitfahren treten zwei Athleten auf den gegenüberliegenden Geraden gegeneinander an. Es gewinnt, wer bei den Männern 1000 Meter schneller absolviert und bei den Frauen 500 Meter.

Junges Schweizer Team hat nur Aussenseiterchancen

Vor sechs Jahren durfte sich das Publikum in Grenchen vier Mal über Edelmetall für die Schweiz freuen. Dieses Jahr gibt es wohl weniger Momente für Schweizer Jubel. Denn die grossen Namen fehlen im 12-köpfigen Aufgebot von Swiss Cycling. Mit Claudio Imhof und Tristan Marguet sind lediglich zwei Fahrer älter als 25. Sie waren beide auch schon vor sechs Jahren am Start. Ansonsten sind es vor allem Nachwuchshoffnungen, die für die Schweiz an den Start gehen.

Bahn-Nationaltrainer Daniel Gisiger traut seinen Fahrern lediglich Aussenseiter-Chancen zu.

Bahn-Nationaltrainer Daniel Gisiger traut seinen Fahrern lediglich Aussenseiter-Chancen zu.

Hansruedi Aeschbache / OLT

Daniel Gisiger, Nationaltrainer Bahn von Swiss Cycling, bremst deshalb die Erwartungen an seine Equipe: «Wir sind momentan nicht auf dem Niveau, um realistisch um die Medaillen zu fahren. Wir versuchen aber, mit dieser Besetzung das Beste herauszuholen.»

Auch wenn die Schweizer keine Hauptrolle spielen werden, so ist das Fahrerfeld mit elf Olympiasiegern trotzdem hochkarätig besetzt. Die Entscheidungen finden täglich jeweils ab 18 Uhr statt, die Qualifikationen bereits ab 12 Uhr. Der Eintritt ist nur mit gültigem Covid-Zertifikat erlaubt.

Der offizielle Trailer zur Bahnrad-EM 2021 in Grenchen.

Youtube/Tissot Velodrome

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