Streethockey
Auf einmal im Weltraum des grossen Sports

Die nationalen Lorbeeren bekommen immer andere – aber fürs «grosse Ding», braucht es einen Solothurner. Ohne Lars Henzi hätten wir jetzt im Streethockey den grossen WM-Katzenjammer.

Klaus Zaugg
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Der Siegtorschütze in Aktion: Lars Henzi (M.) beschäftigt im WM-Startspiel gegen die Bermuda-Inseln die gegnerische Defensive.

Der Siegtorschütze in Aktion: Lars Henzi (M.) beschäftigt im WM-Startspiel gegen die Bermuda-Inseln die gegnerische Defensive.

KEYSTONE

Um zu verstehen, wie Streethockey funktioniert, ziehen wir das etwas bekanntere Eishockey zur Erklärung heran: Wie wäre es, wenn der HCD immer Meister würde, Arno Del Curto neben dem HCD auch noch die Nationalmannschaft trainieren würde und sein Präsident Gaudenz Domenig zugleich WM-OK-Chef wäre? Wir hätten grosses Geschrei im Land ob der Bündner.

So ist Streethockey strukturiert. Maurus Schöneneberger ist Präsident der Rebells aus dem Zuger Vorort Oberwil, sein Trainer Tibor Kapanek zugleich Nationaltrainer und die Rebells stellen mit acht Mann etwas mehr als einen Drittel des Nationalteams. Sie haben schliesslich acht der letzten neun Meisterschaften gewonnen. Das Gegengewicht bilden die Solothurner: Die beiden Klubs Grenchen-Limpachtal und Bettlach entsenden ebenfalls acht Mann an die WM nach Zug.

Nun hat ein Solothurner dafür gesorgt, dass der WM-Auftakt nicht im Katzenjammer endete. Sondern in einer grossen Party mündete. Bis heute sind die Schweizer bei einer WM noch nie über Platz 7 hinausgekommen. Um das Minimalziel Viertelfinals zu erreichen, ist ein Sieg im Startspiel vom Freitag gegen die Bermuda-Inseln Pflicht. Der vermeintliche Exote und Aufsteiger in die oberste WM-Kategorie entpuppt sich indes schnell als taktisch schlauer und fast unüberwindlicher Aussenseiter

Goldener Torschütze Henzi

Die Mannschaft besteht ja sowieso aus Kanadiern, die auf den Bermudas arbeiten. Um für ein Nationalteam zu spielen, braucht es keine Pässe des entsprechenden Landes. Wohnsitz und Arbeitsbewilligung reichen. Die Bewegungsabläufe von Torhüter Yan Leclerc lassen erahnen, was er später auch bestätigen wird: Als Junior stand er im Eishockeytor. Er lässt die Schweizer verzweifeln.

Auch die grossen Offensiv-Tenöre der meisterlichen Rebells finden keinen Weg. Aus mehr als 4000 Kehlen braust ein «Hopp Schwiiz» nach dem anderen durch die Arena und hinterher sagen es alle: Vor so einer Kulisse hat noch keiner gespielt. Die Hobby-Helden werden stimmungsmässig in den Weltraum des grossen Sports geschossen.

Schliesslich bringt der Grenchner Lars Henzi (25) die Erlösung. Er trifft sieben Minuten vor Schluss zum goldenen Treffer ins Netz. Die Schweiz gewinnt 1:0. Bermudas-Goalie Yan Leclerc ärgert sich: «Ich war mit der Fanghand noch dran.» Und so treffen wir Lars Henzi nach dem Spiel in den Katakomben der Bossard-Arena und er unterscheidet sich im Wesen und Wirken nicht von den Zuger Hockeystars, die sonst an diesem Ort von ihren Heldentaten erzählen.

Vergangenheit im Eishockey

Es ist ihm anzumerken, dass das Adrenalin noch in seinen Adern pulsiert. Der Reporter des Lokalradios streckt ihm ein Mikrofon entgegen und der Polymechaniker gibt cool Auskunft, als ob er das jede Woche mehrmals tun müsste. «Es war sicher das wichtigste Tor meiner Karriere.» Anfänglich habe sicher die Nervosität Spiel und Kreativität etwas gehemmt.

«Aber es war auch ein defensiv starker Gegner.» Wie alle Teamkollegen hat auch er für die WM einen Teil der Ferien geopfert. Lars Henzi stürmt am rechten Flügel und wie die meisten Spieler hat er keine Eishockey-Vergangenheit. Die haben auf Stufe Elite-Junioren nur zwei im Team. Im Eishockey würden wir ihn als abschlussstarken Powerflügel mit grandioser Spielübersicht bezeichnen.

Und so gilt nach diesem WM-Auftakt in Zug: Die nationalen Lorbeeren mögen immer die Zuger – namentlich die Rebells aus Oberwil – ernten. Aber für die grossen internationalen Heldentaten braucht es einen Solothurner.