«Berner jammern nicht», sagt Harry John, der Tourismusdirektor des Kantons. Dabei hätte es gestern viele Gründe für Unmut gegeben. Zum Beispiel für die Ski-Fans, rund 20'000, die zwischen 30 und 88 Franken für ein Ticket bezahlt haben und kein Rennen sahen. Doch das Geld für die Tickets gibt es nicht zurück. «Das steht so in den allgemeinen Geschäftsbedingungen», sagt Peter Willen, OK-Präsident der Skirennen in Adelboden.

Diese Einnahmen kann der Veranstalter gut gebrauchen. Der Schaden ist sowieso gross genug. 5,2 Millionen Franken beträgt das Budget für zwei Tage Skisport. Viel Geld, das vor allem von Sponsoren kommt. «Unsere Hauptsponsoren zahlen trotz der Absage. Doch die Beteiligung am Ertrag, den der internationale Skiverband mit der Vermarktung des Skisports erzielt, geht zu 100 Prozent verloren», sagt Willen.

Der Malus wird zuschlagen

Es ist ein Risiko, das sich versichern lässt. «Das ganze Budget zu versichern, wäre zu teuer», sagt Willen. Die Prämie beträgt aktuell rund acht Prozent der versicherten Summe. Adelboden profitiert davon, dass die letzte Absage 2010 erfolgte. «Dadurch sind wir in einer tiefen Prämienklasse», sagt Willen. «Für das nächste Jahr wird die Prämie deutlich steigen.»

Wie hoch der finanzielle Schaden ausfallen wird, will Willen nicht beziffern. «Die genauen Zahlen kennen wir erst im Februar. Findet der Slalom statt, sieht es schon wieder ganz anders aus.» Doch die Prognosen für heute sind ebenfalls nicht gut.

Essenziell für Tourismus-Gemeinden

Finanziell würden die Veranstalter auch das überstehen.«Ein Jahr mit Absagen verkraften wir gut, im zweiten Jahr wird es schwieriger und ein drittes Jahr in Folge würde vermutlich das Aus bedeuten», sagt Willen. Für Harry John wäre das eine Katastrophe. «Die beiden Skirennen in Adelboden und Wengen sind Leuchttürme für den Tourismus im Kanton Bern», sagt er. Gut 12 Millionen Franken betrage die Wertschöpfung für die Region alleine durch das Rennen in Adelboden. «Für Gemeinden, die vom Tourismus leben, ist das essenziell», sagt John und vergleicht die Skirennen sogar mit den Schweizer Banken: Too big to fail.

Der Staat als Retter in der Not? Die BE! Tourismus AG unterstützt die Weltcupveranstalter schon jetzt mit einem tiefen fünfstelligen Betrag. «Ich bin der Überzeugung, dass der Kanton Bern bereit wäre, diesen Betrag zu erhöhen, wenn es wirklich nötig würde», sagt John.

Doch sind die Rennen in Adelboden tatsächlich gefährdet? Drohen künftig vermehrt Absagen? Das warme Wetter in diesem Jahr liesse den Schluss zu. Doch Willen winkt ab. «Im Schnitt alle zehn Jahre erwischt es einen», sagt er. Zudem habe nicht Schneemangel zur Absage geführt, sondern Nebel und Regen und die daraus entstandene Luftfeuchtigkeit.

Schneekanonen sollen modernisiert werden

In Adelboden wurde der Schnee für die Piste rund zwei Kilometer entfernt in einem «kalten Loch» produziert und von dort mit Lastwagen auf den Hang gebracht. Das führte dazu, dass der Schnee erst seit kurzem auf der Piste liegt. «Dadurch fehlte das Fundament», erklärt FIS-Renndirektor Markus Waldner. «Läge er länger, hätte die Piste die Feuchtigkeit vielleicht überlebt.»

Er plädiert darum dafür, die Pisten früher zu beschneien. Nur braucht es dafür die entsprechende Infrastruktur. Moderne Schneekanonen, die mit Wasser aus gekühlten Reservoirs laufen. Im Südtirol sind solche Anlagen bereits im Einsatz. «Das ist die Zukunft, nicht nur für die Skirennen, sondern auch für den Tourismus», sagt Waldner. «Nur mit diesen Mitteln ist der Skibetrieb garantiert.»

«Am Ende gewinnt immer die Natur»

Harry John sieht diese Entwicklung skeptisch. «Unser grösstes Kapital ist die Natur. Wollen wir wirklich alles verbauen?» Hinzu kommen ökologische und finanzielle Aspekte. «Und in der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie ist der Widerstand gegen solche Projekt grösser als in Italien», sagt John. Hans Pieren, in Adelboden als Rennchef zuständig für die Piste, sagt: «Natürlich würde eine bessere Infrastruktur helfen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist.»

Waldner versteht die Bedenken. «Man kann sich natürlich schon die Sinnfrage stellen», sagt er. Als mögliche Alternative sieht er Verschiebungen im Kalender. «Wir müssen uns nach der Saison Gedanken machen, wo wir hingehen und wann wir wo hingehen. Das würde den Weltcupkalender natürlich verändern», sagt er. Sollte sich beispielsweise ein Trend einstellen, dass die Bedingungen in Adelboden jeweils im Februar besser sind, wäre eine spätere Durchführung im Jahr eine Möglichkeit, Absagen zu vermeiden.

Staatliche Rettung oder ein anderes Datum: «Am Ende gewinnt immer die Natur», sagt Peter Willen. Egal, in welche Richtung es gehe. Zu viele Gedanken will er sich darum nicht machen. Er bedauere die gestrige Absage vor allem für die vielen Helfer, «die in den vergangenen zehn Tagen Tag und Nacht gearbeitet haben».