Urs Lehmann, mit was für Gefühlen blicken Sie auf die WM zurück?

Urs Lehmann: Mit vielen positiven Emotionen, wenn ich an die guten Schweizer Leistungen denke. Aber auch ein wenig traurig.
Traurig? Die Schweiz hat die WM auf Platz eins des Medaillenspiegels beendet!
Genau. Wir müssten eigentlich super happy sein.

Aber Sie sind es nicht?

Nein, weil der Fokus leider nicht auf den sportlichen Leistungen liegt und ich mich im Moment nur rechtfertigen muss.

Sie denken an Carlo Janka, der mit seinen Aussagen über die Stimmung im Team, die wie tot sei, und seiner Kritik über eine nicht vorhandene Kommunikation, für viel Unruhe sorgte.

Das ist kein schönes Kapitel. Und es ärgert mich. Was er sagt, darüber kann man diskutieren, wir sind immer offen für Verbesserungsvorschläge. Doch der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig. Und vor allem spricht man Probleme zuerst intern an, bevor man sich in den Medien öffentlich so kritisch äussert.

Weil damit die Erfolge von Swiss Ski in den Hintergrund rücken?

Das meine ich. Warum wird jetzt alles schlechtgeredet? Das begreife ich nicht! Wenn wir eine Krise hätten wie im Winter 2013, dann würde ich sagen, okay, die mediale Kritik ist gerechtfertigt. Aber hey, wir führen im Medaillenspiegel der WM. Wir sind die Nummer zwei in der Nationenwertung im Weltcup. Wir haben an der Junioren-WM im vergangenen Jahr mit Abstand am meisten Medaillen gewonnen, und jetzt versucht man, die Verantwortlichen schlechtzureden. Ist das fair? Ist das korrekt? Wir Schweizer haben die Tendenz, uns sehr kritisch bis überkritisch darzustellen. Sagen Sie mir eine andere Sportart, in der die Schweiz die Nummer zwei in der Welt ist? So viele gibt es da nicht.

Aber der Skisport ist keine Weltsportart wie Tennis oder Fussball.

Da bin ich einverstanden. Aber das ist mir eigentlich egal. Wir sind die Nummer zwei der Welt. Da dürfen wir uns nicht selbst zerfleischen.

Carlo Janka lieferte den Steilpass zu kritischen Fragen. Nicht die Medien.

Nochmals: Es läuft vieles sehr gut. Wieso muss man an einer WM, wo das Team gute Resultate erzielt und zufrieden ist, wo viele Athleten explizit ihre Trainer loben – wieso muss man da einen Sturm lostreten? Das bedaure ich sehr. Auch für Carlo. Das war nicht gut für ihn. Das war nicht gut für das Team und es war nicht gut für die Sache.

Sofort stand auch Alpin-Direktor Stéphane Cattin in der Kritik, dass er das Weltcup-Team zu wenig führe.

Ich weiss nicht, ob das die Absicht von Carlo war. Ich hoffe es nicht, aber selbst wenn, dann soll er es intern besprechen. Ich will nicht, dass wir jetzt eine nationale Diskussion haben, wer gut ist und wer nicht. Ich will betonen, dass sich Stéphane Cattin immer für Carlo eingesetzt hat. Ich möchte an die Olympischen Spiele erinnern. Man hat ihn mitgenommen ohne Resultate, ohne erfüllte Selektionskriterien. Man hat ihm alle Türen aufgetan. Da hat sich Stéphane Cattin enorm starkgemacht für ihn, und jetzt steht ausgerechnet er durch die Aussagen von Janka am Pranger. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Ist zu wenig klar, was Cattins Aufgabe ist?

Das Stellenprofil ist glasklar. Es gibt einen Stellenbeschrieb, wie es ihn in jedem Unternehmen gibt. Er ist Alpin-Direktor. Er ist nicht der Weltcup-Direktor. Das heisst, er ist bei uns verantwortlich für den Weltcup, aber auch für den Europacup, und selbst für die Stufe FIS-Rennen. Seine Arbeit führt hinunter bis in den C-Kader, bis in die regionalen Leistungszentren und Regionalverbände. Das sind seine Aufgaben, es ist nicht nur Weltcup.

Bräuchte es also einen Weltcup-Direktor?

Es funktioniert doch. Das haben wir uns alles überlegt. Wir waren schon lange nicht mehr so klar die Nummer zwei. Ich weiss genau, was wir tun müssen, um noch näher zu kommen an Österreich. Und sollen wir nur, weil jetzt von gewissen Medien Kritik an Cattin geübt wird, neue Leute einstellen? Wir müssen das Geld dort einsetzen, wo es am effizientesten ist. Und das gelingt unseren Verantwortlichen gut. Wir haben in den vergangenen Jahren einen grossen Schritt nach vorne gemacht: Sieben Medaillen an der WM in St. Moritz, sieben Medaillen an den Olympischen Winterspielen. Und jetzt fuhr unser Team erneut eine gute WM.

Die Ausbeute an Grossanlässen ist sehr gut. Doch im Weltcup liegt die Schweiz punktemässig weit hinter Leader Österreich zurück. Sie sagten, Sie wissen, was man tun muss, um die Lücke zu schliessen.

Wir müssen mehr in die Breite gehen. Wir müssen die Verweildauer in den Kadern erhöhen. Wir haben eine sehr gute Qualität geschaffen in den vergangenen Jahren. Jetzt brauchen wir von unten her wieder mehr Quantität. Damit wir verletzungsbedingte Ausfälle besser kompensieren können. Uns fehlen die Athleten im Bereich zwischen den Rängen 15 und 20, zwischen 20 und 25. Die Österreicher haben in diesem Bereich wahnsinnig viele Athleten. Deren Resultate geben auch Punkte in der Nationenwertung.

In Österreich hat man mehr Geduld mit den Athleten?

Ja. Und wenn sie aus den Kadern genommen werden, bietet ihnen der Verband sehr gute Optionen, dass sie zurückkommen können. Aber auch wir haben uns in diesem Bereich enorm verbessert. Nehmen wir das Beispiel Andrea Ellenberger: Sie war nicht mehr in einem Kader und wurde trotzdem weiter gefördert. Nun fährt sie an der WM – ein tolles und vorbildliches Beispiel. Wir müssen mehr Geduld haben.

Swiss Ski hat es ja selbst in der Hand, wie man fördert, wie man aussortiert. Warum hat man noch Defizite gegenüber Österreich?

Ich möchte betonen, dass wir nicht schlecht sind. Wir sind die Nummer zwei, aber wir orientieren uns an der Nummer eins. Es gibt immer Verbesserungspotenzial, Dinge, die man ändern kann.

Wieso tut man es nicht?

Das machen wir ja.

Wie?

Wir verbessern unsere Strukturen ständig. Einen Fall wie den von Andrea Ellenberger hätte es vor paar Jahren nicht gegeben. Aber bis wir das neue Fördersystem in den Strukturen etabliert haben, dauert es einfach eine gewisse Zeit. Aber wir sind auf bestem Weg. Nehmen wir die Slalomgruppe. Die haben wird 2011 installiert. Jetzt feiern wir grosse Erfolge und es wird wahrgenommen. Das heisst aber nicht, dass vorher nichts passierte.

Ist es nicht positiv, wenn von Swiss Ski wieder viel erwartet wird?

Das kann man auch so sehen. Meine momentane Gefühlslage ist aber auf der anderen Seite. Unser Team leistet super Arbeit. Wir sind dort, wo wir es uns im Krisenwinter 2013 nur erträumt hätten. Jetzt sind wir da und doch gibt es in diesen Tagen gefühlt nur Kritik. Das macht mich traurig. Auch für die Trainer. Für alle, die ihren Teil zu den Erfolgen beitragen.