Aksel Lund Svindal, Sie sind mehrfacher Weltmeister, Olympiasieger, Gesamtweltcupgewinner. Aber der Sieg in den Abfahrtsklassikern von Kitzbühel und Wengen fehlt Ihnen noch.

Aksel Lund Svindal: Ich war bisher einfach nicht gut genug und habe zu viele Fehler gemacht. Gegen Beat Feuz hätte ich letztes Jahr in Wengen sowieso keine Chance gehabt. Er war zu schnell. Jetzt bin ich besser vorbereitet für die Dinge, die in Wengen wichtig sind.

Was meinen Sie?

Ich bin ja ursprünglich ein Riesenslalom-Fahrer. In Norwegen hatten wir in meinen jungen Jahren keine Pisten, um Abfahrt zu trainieren. Ich bin also am schnellsten, wenn ich Kurven fahren kann, rhythmisch und dynamisch. Doch am Lauberhorn gibt es viele Passagen, die einfach geradeaus gehen. Es hatte mir in der Vergangenheit immer zu wenig Kurven. Doch nun bin ich besser im geradeaus Fahren. Man kann sagen, ich habe das typische Abfahrer-Gen entdeckt. Früher konnten die Abfahrer nur geradeaus fahren, dafür waren sie blitzschnell. Heute fordern die Abfahrten verschiedene Fähigkeiten von den Athleten.

Die Abfahrt am Lauberhorn ist die längste Strecke im Weltcup. Und ausgerechnet am Schluss, wenn die Beine schmerzen, kommt mit dem Ziel-S die Schlüsselpassage.

Es ist eigentlich die einzige Passage der Strecke, wo man ein Tor verpassen kann. Und das ausgerechnet dann, wenn die Beine richtig schmerzen. Es gibt zwar weiter oben auch noch das Kernen-S, aber dort kann man nicht ausfallen. Wenn man die Kurve verpasst, fährt man einfach gegen die Wand, aber durch kommt man immer (lacht). Anders ist es im Ziel-S. Man will eigentlich nur im Ziel sein, weil man müde ist, die Beine schmerzen. Aber diese Gedanken darf man nicht zulassen. Man muss da noch durch. Deswegen ist der Kopf fast wichtiger als die Kraftreserven.

Erklären Sie das.

Man kommt da unten an und ist am Ende der Kräfte. Das Tempo ist nicht besonders hoch. Dann hat man als Fahrer sehr viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Man sagt sich innerlich: «Jetzt musst du da durch, nur noch das Ziel-S, dann ist es geschafft.» Das passiert alles im Kopf.

Die Strecke in Wengen ist nicht nur deswegen einzigartig.


Wenn heute neue Pisten entstehen, werden da Sessellifte gebaut, die Tausende Skifahrer pro Stunde den Berg hochfahren. Und diese Leute, müssen ja auch wieder nach unten (lacht). Und auf einer engen Strecke, wie der am Lauberhorn, geht das nicht. Dann gibt es Stau. Das alles kann man ziemlich gut auf der Olympia-Piste von Sotschi sehen. Das ist eine neue Piste, die richtig breit ist, fast eine Autobahn. Dabei ist es für die Zuschauer hier in Wengen viel spannender. Du hast Waldpassagen, enge Passagen und das fehlt mir in Sotschi. Pisten, wie jene hier am Lauberhorn, wird es vermutlich bald nicht mehr geben. Weil sie dem Massentourismus nicht standhalten können. Diese Entwicklung bedaure ich ein wenig.

Die Schweiz, eine der letzten Bastionen des traditionellen Skisports? Dabei erleben wir eine regelrechte Krise.

Es ist unglaublich, die Schweiz hat eine grosse Mannschaft und es geht im Moment wenig. Aber man muss auch bedenken: Wenn ich und Kjetil Jansrud weg wären, wie es Didier Cuche und Beat Feuz bei den Schweizern sind, gäbe es Norwegen im Speedbereich gar nicht mehr. Es ist für keine Mannschaft einfach, die Besten zu verlieren. Ich muss aber den Schweizer Skifans ein sehr grosses Kompliment machen. In Adelboden war so eine sensationelle Stimmung. Das ist in einer solchen Situation nicht selbstverständlich. Auch wir Athleten aus dem Ausland erhalten Anerkennung und grossen Applaus.

In der Schweiz stehen im Moment die kleinen Trainingsgruppen in der Kritik, weil die Vergleiche mit Topleuten fehlen würden. Sie trainieren seit Jahren in einem kleinen Team.

Wir trainieren zwischenzeitlich mit den Kanadiern. Aber der Grund ist vor allem ein finanzieller. Wir haben nicht die Mittel, um genügend Trainer einzustellen. Darum spannen wir auf der Rennpiste mit den Kanadiern zusammen. In Wengen brauchst du auf so einer langen Strecke sieben Trainer, das könnten wir nie alleine schaffen. Aber im Training sind wir oft alleine. Und ich würde nicht sagen, dass mir die Vergleiche fehlen. Man kennt sich ja selbst gut, und zudem weiss ich, wenn mir Kjetil um die Ohren fährt, was es geschlagen hat. Kleine Gruppen sind für mich also nicht zwingend ein Nachteil. Bei mir funktioniert es so ganz gut. Ich kann meine Leistung selbst sehr gut einschätzen.

Haben Sie eigentlich den Fall Lance Armstrong verfolgt?

Nicht intensiv. Aber seien wir ehrlich: Wenn viele seiner Konkurrenten als Dopingsünder aufgeflogen sind, und er fuhr denen regelrecht um die Ohren, da kann doch etwas nicht stimmen. Und vergleicht man seine Zeiten beim Aufstieg auf die Alpe d'Huez mit den Zeiten von heute. Das sind Welten. Ich hatte immer meine Zweifel an den Leistungen von Armstrong.

Im Skisport gibt es solche Probleme nicht?

Ich glaube, Ausdauersportarten sind viel gefährdeter. Aber wer weiss, ich würde nicht meine Hand ins Feuer legen, dass der Skisport sauber ist. Aber das Wichtigste ist, im Skisport kann man auch ohne Hilfsmittel gewinnen. Es gibt nichts, das einen auf der Piste wirklich schneller macht. Die Technik und das Gefühl für den Schnee kann man nicht dopen. Natürlich sind im Kraftbereich Dinge möglich. Doch das Verhältnis zwischen Risiko und Nutzen ist im Skisport einfach unausgeglichen. Das ist das beste Argument, dass der Skisport sauber ist.

Der Skisport konzentriert sich auf wenige Länder. Sie haben sich auch schon dazu geäussert, dass die Vermarktung besser werden müsste.


Sagen wir es so. Als Lindsey Vonn bei den Männern starten wollte, wussten plötzlich Menschen aus Texas, die noch nie Schnee gesehen hatten, was Skisport ist. Das ist beste Werbung. Ich verstehe nicht, warum der Weltverband die Chance nicht nutzte. Als Hauptsponsor hätte ich Druck gemacht. Das hätte weltweit Schlagzeilen gemacht.

Sie tragen den Namen Ihrer früh verstorben Mutter mit Stolz. Trotzdem wird der Zusatz Lund in Ihrem Namen Aksel Lund Svindal immer wieder weggelassen. Stört Sie das?

Nein, es ist okay, wenn mich jemand nur mit Aksel Svindal anspricht. Es ist ja nicht ganz falsch. Aber ich selbst nenne mich Aksel Lund Svindal und schreibe meinen Namen auch so. Der Name meiner Mutter gehört zu mir.