Ski alpin
Patrick Küng: Der Spätzünder mit Jugend-Bonus

Als Abfahrer gehört Patrick Küng noch fast zum Nachwuchs: Mit 30 beginnt im Speedbereich das beste Alter. Fahrer wie Cuche und Eberharter feierten ihre grössten Erfolge in ihren Dreissigern. In Val Gardena hat Küng noch eine offene Rechnung.

Richard Hegglin, Val Gardena
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Erfolgreich in Beaver Creek: Patrick Küng

Erfolgreich in Beaver Creek: Patrick Küng

Keystone

Fast 30-jährig musste er werden, bis er in Beaver Creek seinen ersten Weltcupsieg feiern konnte. «Ich bin halt ein Spätzünder», sagt Patrick Küng entschuldigend. «Aber ich habe hoffentlich noch viele gute Jahre vor mir.»

In der Tat hat der Glarner seine Karriere noch vor sich, wie die Beispiele zahlreicher Superstars zeigen. Auch Stephan Eberharter siegte kurz vor seinem 30. Geburtstag zum ersten Mal und gewann danach 28 weitere Rennen. Und Didier Cuche errang drei Viertel seiner Erfolge im Alter von über 32 Jahren – Küng befindet sich in erlesener Gesellschaft.

Dabei erlebte er schon als Zwölfjähriger seinen ersten grossen Ski-Auftritt. An der Seite von Erika Hess stellte ihn sein heutiger Kopfsponsor «Ovomaltine» in einem Zürcher Nobelhotel als Star von morgen vor. Periodisch waren sportliche Wasserstandsmeldungen angekündigt. Mit mehreren Schweizer-Meister-Titeln in der Jugend-Klasse (JO) und einer Goldmedaille im Slalom (!) beim «European Youth Olympic Festival» deutete vieles auf einen kommenden Star hin.

Training: Ein Wellblech – Gift für Feuz

Im ersten Training zur Weltcup-Abfahrt in Val Gardena fuhr standesgemäss Aksel Lund Svindal die schnellste Zeit. Erfreulicherweise hielten die Schweizer auf der anspruchsvollen und mit zahllosen Wellen durchsetzten Saslong gut mit: Mit Silvan Zurbriggen (3.), Patrick Küng (6.) und Didier Défago (7.) klassierten sich drei in den Top Ten. Vor allem das Ergebnis von Zurbriggen überrascht, zumal er in den Übersee-Rennen stets weit hinten landete. «Nach einem Materialwechsel braucht es Zeit, bis alles passt», gab der Walliser eine Erklärung für seine Steigerung. Weniger Freude an der Piste hat Beat Feuz, der über 5 Sekunden verlor: «So viele Schnapper sind Neuland für mich. So ist ein Start noch ungewiss.(rhe)

Karriere war auf der Kippe

Doch um Küng wurde es immer ruhiger. Die Wasserstandsmeldungen versiegten, und nach einer schweren Beinverletzung 2006 hing die Fortsetzung seiner Karriere an einem seidenen Faden. «Ich hatte», blendet er zurück, «nicht das erreicht, was ich mir vornahm. Aufhören war eine Option. Während der langen Verletzungspause entschloss ich mich, es nochmals zu probieren.» So machte er weiter und erhielt nach genau 100 Europacuprennen 2009 in Wengen seinen ersten Weltcup-Einsatz im Alter von schon über 25 Jahren. In diesem Alter war ein Pirmin Zurbriggen schon kurz vor dem Rücktritt.

Küng packte die Chance und holte bereits in seinem ersten Rennen (19. in der Kombination) Weltcuppunkte. Ein Jahr später stand er schon auf dem Podest, als Dritter in der Abfahrt von Garmisch, und wieder ein Jahr nachher erneut, als Zweiter in Bormio. «Aber», so Küng, «kaum jemand nahm Notiz. In jenen Rennen siegten Carlo Janka und Didier Défago.» Das war noch die Zeit, als im Schweizer Skisport nur die Sieger zählten.

Und als er im letzten Winter, nach überstandenem Kreuzbandriss, als einziger Schweizer ansprechende Resultate zeigte, ging er im Strudel der Skikrise wieder unter. «Man warf alle in denselben Topf.» Endlich gelang ihm nun in Beaver Creek die überfällige Emanzipation, die für viele Experten erst der Anfang der Karriere bedeutet – frei nach dem Motto: Die erste Million beziehungsweise der erste Sieg ist immer der schwerste.

«Es wäre vermessen, zu glauben, es gehe nun im selben Stil weiter», dämpft Küng übertriebene Hoffnungen. Was hat sich nun geändert nach dem ersten Triumph? «In erster Linie das Bankkonto», antwortet Küng ironisch. In der letzten Saison verdiente er 4238.50 Preisgeld – im Jahr. Heuer hat er immerhin schon 53 000 Franken eingefahren, so viel wie in der ganzen bisherigen Karriere zusammen.

«Früher», sagte Küng einst, «verdienten die Gruppe-1-Fahrer sehr gut und die Gruppe-2-Fahrer gut. Aber die wirtschaftliche Situation hat sich geändert.» Deshalb, findet er, müssten sich die Verantwortlichen für die Zukunft Gedanken machen. «Wir bieten Spektakel und riskieren unser Leben, damit die Zuschauer ihren Spass haben. Das sollte entsprechend entlöhnt werden. Ich finde es nicht gut, wenn man nicht einmal davon leben kann.»

Offene Rechnung im Val Gardena

Aber in erster Linie steht der Sport und nicht das Geld im Vordergrund. Und in dieser Hinsicht hat er mit Val Gardena noch zwei Rechnungen offen. Nach der Pirouette im Starthang im letzten Jahr wurde er zum Clown der Nation: «Ich getraute mich kaum mehr auf die Strasse.» Und vor zwei Jahren wurde das Rennen abgebrochen, als er Dritter war. Im Training vom Mittwoch (6. Rang) bewies er: Er ist bereit, die alten Rechnungen zu begleichen.