Ski Alpin

Lara Gut kehrt zurück nach St. Moritz, an den Ort, wo ihr Körper die Notbremse zog – zu Recht, wie sie sagt

Da stand sie wieder. Und erstmals wurde Lara Gut richtig bewusst, was alles passiert ist – und vor allem, was sie alles geleistet hat. «Zum Glück hat meine Skibrille gespiegeltes Glas. Sonst hätten die vielen Fotografen auf ihren Bildern festgehalten, was in mir vorging.» So aber hatte sie zumindest im Kopf einen Moment nur für sich.

Lara Gut ist zurück in St. Moritz. Und als sie dann oben auf der Piste stand, an dem Ort, wo sie sich vor exakt 300 Tagen das Kreuzband im linken Knie riss und eine Meniskusverletzung zuzog, sah sie noch einmal zurück auf diese verrückten Tage. «Und ich merkte, dass ich anders bin.»

Die Notbremse

Heute findet in St. Moritz eine Weltcup-Kombination statt. Die Einfahrpiste für den Slalom ist identisch mit jener, die an der WM für die Kombination benutzt wurde. Genau dort hatte sich Gut am 10. Februar 2017 verletzt und später gesagt: «Die Verletzung war, so komisch das klingt, gut für mich. Endlich hatte ich mal wieder Zeit für mich.»

In St. Moritz, am WM-Tag im Februar, hatte sich irgendwie ihr ganzes Leben als Skifahrerin kumuliert. Lange Aufgestautes musste raus. Nach fast neun turbulenten Jahren zog der Körper die Notbremse. «Ich wurde zur Frau und habe es nicht einmal mitbekommen.»

Dass der Stopp ausgerechnet in St. Moritz kam, passt. 2008 stand Lara Gut hier mit 16 erstmals auf dem Weltcup-Podest und mit 17 gewann sie ihr erstes Rennen. 2016 durfte sie die grosse Kristallkugel für den Sieg im Gesamtweltcup entgegennehmen, die Auszeichnung für die Beste unter den Besten. «Für mich ging es immer nur darum, noch besser zu werden, noch mehr zu wollen. Selbst wenn mir mein Instinkt sagte, dass es nicht richtig ist, musste ich es tun.»

Lara Gut freut sich auf die Rückkehr nach St. Moritz: «Ich bin mit einem Lächeln angereist.»keystone

Lara Gut freut sich auf die Rückkehr nach St. Moritz: «Ich bin mit einem Lächeln angereist.»keystone

Lara Gut hatte in den Jahren vergessen, auf ihr Gefühl zu hören. Stattdessen galt nur eines: immer weiter. Schliesslich ist sie, seit sie 16 Jahre alt ist, das Schweizer Ski-Wunderkind.
Gestern, als sie dann wieder an dem Ort stand, wo sie gebremst wurde, merkte sie endgültig, dass sie sich verändert hatte. Hinter spiegelendem Glas versteckt, war sie zufrieden mit sich selbst und der Welt. «Weil ich geniessen darf, was ich tue.» Sie muss nicht mehr Müssen. Zumindest nicht für andere. Nun darf sie Athletin sein und gleichzeitig sich selbst. «Vorher ging der Mensch Lara Gut meist vergessen. Ich war immer nur eine Sportlerin, eine Athletin für alle.»

Dieses Bild von ihr, geschaffen von der Öffentlichkeit, machte ihr zu schaffen. Doch war es nicht viel mehr ein Selbstbild? Das einer jungen Frau, die erst ihren Weg im Leben finden musste, wie das Millionen Teenager, Frauen wie Männer, täglich tun, tun müssen?
Natürlich, das Leben von Lara Gut ist seit St. Moritz 2008 anders als jenes der meisten Heranwachsenden. Zu sehr stand sie stets in der Öffentlichkeit. Und trotzdem sind die Sorgen und Ängste identisch, nur ausgelebt auf unterschiedlichen Kanälen. «Ich musste erst lernen, was mir gut tut und was nicht.» Dass dies in erster Linie die Rücksichtnahme auf das eigene Wohlbefinden ist, wurde ihr erst nach der Verletzung klar.

Keine Angst

Seit gestern ist Lara Gut also zurück in St. Moritz. «Ich bin mit einem Lächeln angereist.» Die 26-jährige Tessinerin verdankt dem Ort viel. Das weiss sie. Hier hat sie viel Schönes erlebt. «Das alles vergesse ich nie.» In St. Moritz hat alles begonnen und in St. Moritz wurde sie gestoppt. Gerade rechtzeitig, ist sie überzeugt. «Nach der Verletzung schätze ich wieder, was ich tue.»

Angst vor dem, was kommt, hat Lara Gut nicht. «Ich spüre wieder, wie gerne ich Rennen fahre. Egal, ob das ein Super-G, eine Abfahrt oder eben eine Kombination ist.» Auch das spürte sie, als sie gestern wieder oben auf der Piste stand, die ihr Leben veränderte. Die Emotionen waren vielschichtig. Umso wichtiger war es für sie, diesen Moment für sich zu haben. In St. Moritz stand sie schon so oft unter Beobachtung.
Was nicht heisst, dass sie hier nicht mehr gewinnen will. Das würde nicht zu ihr und St. Moritz passen.

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