Die Voraussetzungen für das Frauen-Team waren zwiespältig. Nun verlief die Saison über Erwarten gut – hätten Sie für eine solche Bilanz mit zehn Podestplätzen im Herbst unterschrieben?

Hans Flatscher: Es wäre überheblich, Nein zu sagen. Die Ausgangslage war relativ schwierig. Ich brauchte Zeit, um einen vernünftigen Plan zu erstellen, damit wir nicht ins Trudeln gerieten.

Wie sah der aus?

Wir mussten das Team bis Mitte Januar so weit hinkriegen, dass sich gute Resultate einstellen. Das heisst: Die Athletinnen in die ersten 30 Startpositionen bringen, damit sie von da aus für die eine oder andere Überraschung sorgen konnten.

Wie geht das – man kann ja nicht einfach mit den Fingern schnipsen?

Ich wusste, dass im Januar die Schonfrist abläuft. Dann interessiert kein Mensch mehr, dass wir nach mehreren Rücktritten mit einer bescheidenen Mannschaft in die Saison starteten. Das entspricht der Logik des Spitzensports. Wir sind zu Leistungen verpflichtet und nicht zu Ausreden. All jene, die nicht eng in den Skisport involviert sind, fragen dann: Was tun denn die? Die fahren in der Gegend herum und verbraten viel Geld.

Obwohl der Neuaufbau eines Teams in der Regel zwei, drei Jahre dauert?

Das wollten wir uns nicht einreden. Wir mussten einfach mit allen Mitteln Resultate bringen. Das wussten auch die Athletinnen. Ich bin jetzt in meiner vierten Saison Cheftrainer. Da wird einem nicht mehr so viel Zeit eingeräumt. Ich bin mit den Trainern, von denen die meisten mit mir angefangen haben, zusammengesessen und habe einen Plan entwickelt. Wir durchforsteten jegliche Details, damit wir aus jeder Athletin das Maximum herausholen konnten. Uns war klar: Wir sind dazu verdonnert, es auf die Reihe zu bringen – sonst wären wir alle verloren gewesen.

War der Druck spürbar?

Es war nicht so, dass alle von uns überzeugt gewesen wären. Das spürt man, von oben herab und von allen Seiten – und gibt einem zu denken. Im Frühling stand nicht mehr alles auf sicheren Beinen. Doch wieder einmal erhielt ich die Bestätigung: Man muss seiner Linie treu bleiben und darf nicht Einflüssen von aussen nachgeben.

In Ihrer Trainer-Crew arbeiten drei Italiener, Sie selber sind Österreicher. Trotzdem war – im Gegensatz zu den Männern – die Ausländerfrage nie ein Thema. Es herrscht auffallende Harmonie.

Bei uns lief es anders als bei den Männern. Ich kam ja nicht einfach und holte irgendwelche Österreicher oder Südtiroler an meine Seite. Ich und die meisten anderen Trainer waren schon lange da. Den einzigen, den ich holte, war der Italiener Alois Prenn, den ich schon lange kannte und der über einen entsprechenden Leistungsausweis verfügte. Und Speed-Chef Roland Platzer hat man ja bei den Männern nicht mehr gebraucht. Ich kannte ihn gut; er ist für mich ein Glücksgriff.

Plötzlich blühen Fahrerinnen wie Fabienne Suter wieder auf.

Dass sie gut Ski fahren kann, hat man gewusst, bevor ich zu den Frauen wechselte. Aber es gibt andere Dinge, die auch passen müssen. Dass sie im Sommer eine Auszeit nahm, hat ihr gutgetan. Sie hat ihre Freude wieder gefunden, fühlt sich wohl im Team. Es war ihre Idee, die wir genehmigt haben. Ab einem gewissen Alter sollen pflichtbewusste Athletinnen wie sie ihre Freiheiten haben.

Trotzdem bekamen Sie für diese Grosszügigkeit von oben Vorwürfe.

Alles, was nicht «normal» ist, wird hinterfragt. Das ist auch richtig. Man muss es erklären können. Der Cheftrainer muss aber die Kompetenz haben, gewisse Entscheide zu treffen.

Wie ist Ihre Trainer-Philosophie? Sie gelten nicht als knallharter Typ.

Der, der mit dem Vorschlaghammer dreinschlägt, bin ich definitiv nicht. Bei gewissen Dingen, von denen ich überzeugt bin, lasse ich aber nicht los. Aber ich versuche es nicht mit Brachialgewalt, sondern anders.

Wie?

Ich fühle mich rhetorisch nicht so gewandt, dass ich das als meine Stärke bezeichnen würde. Aber wenn ich etwas will, probiere ich es auf allen Wegen – notfalls auch auf Umwegen.

Wie beispielsweise bei Corinne Suter, die als doppelte Europacupsiegerin eine schwierige letzte Saison hatte und jetzt regelmässig in die Top Ten fährt?

Sie macht mir enorme Freude. Bei den Junioren und im Europacup lief alles leicht, aber der nächste Schritt war brutal schwierig. Sie bringt alles mit, was eine Rennfahrerin braucht. Vor drei Jahren sagte ich zu meinen Trainern, wenn wir aus Corinne nichts machen, sind wir alle Versager. Einen Moment hats fast danach ausgeschaut. Das sind die schönen Erlebnisse als Trainer, wenn nicht alles am Schnürchen läuft und es am Ende trotzdem aufgeht.

Aber über allem steht Lara Gut, die viel zum Erfolg beigetragen hat.

Das ist klar, ohne sie sähe die Bilanz anders aus. Sie ist für uns ein Glücksfall. Doch das Schöne ist, dass wir auch ein paar andere haben, die aufs Podest fahren oder nahe daran sind.

Wie ist Laras Rolle im Team?

Gewisse Bilder, die man von ihr aus der Vergangenheit hatte, sind nicht zutreffend. Sie ist voll in die Mannschaft integriert und fühlt sich wohl darin, und die Mannschaft mit ihr.

Wie viele Freiheiten geben Sie ihr?

Alle, die leistungsfördernd sind. Dass sie so funktionieren kann, um das Maximum herauszuholen. Wenn eine um den Gesamtweltcup fährt, ist eine gewisse Individualität Voraussetzung. Auch da gibt es verschiedene Wege, die zum Ziel führen. Und viel hat Lara Gut mit ihrem Umfeld nicht verkehrt gemacht.