Fabienne Suter, im Januar werden Sie 31. Ihre Alterskolleginnen sind zurückgetreten. Sie machen weiter – was treibt Sie noch an?

Fabienne Suter: Ich habe nach wie vor Freude am Skifahren – und auch am Trainieren. Ich bin motiviert, neue Sachen auszuprobieren, zu schauen, was passt und was nicht. Nach meinem Wechsel auf Dynastar fahre ich erst im zweiten Jahr auf diesem Ski und habe das Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Ich weiss jetzt, welche Modelle zu mir passen. Auch das war ein Grund zum Weiterfahren.

Trotzdem haben Sie gezögert?

Ich wollte zuerst abchecken, welche Möglichkeiten sich mir sonst bieten. Ich fand einen 60-Prozent-Job in einem Seilpark in Küssnacht, wo es mir sehr gut gefiel und ich auch Gelegenheit hatte, nebenbei ausreichend zu trainieren. Ich wollte einfach einmal arbeiten und spüren, wie das ist, wenn man nach einem Stundenplan antraben muss. Ich habe zwar eine KV-Lehre gemacht, aber im Büro kann ich mir mich nicht vorstellen. Nach meiner Karriere werde ich etwas tun, wo ich körperlich und im Freien arbeiten kann und mit Leuten zu tun habe.

Die letzte Saison verlief nicht nach Wunsch. Woran lags?

Das ist auch rückblickend schwierig zu sagen. Der Markenwechsel verlief grundsätzlich positiv. Nach fast 20 Jahren auf der gleichen Skimarke sind Anpassungsschwierigkeiten logisch. In der Abfahrt bin ich als Neunte der Weltrangliste so gut klassiert wie noch nie. Im Super-G ging es dagegen total in die falsche Richtung.

Fabienne Suter geht gut aufgelegt in die neue Saison.

Fabienne Suter geht gut aufgelegt in die neue Saison.

War nach 20 Jahren bei Stöckli der Wechsel nicht fast ein Kulturschock?

Es kam mir entgegen, dass ich schon vorher auf Lange-Skischuhen fuhr. Sonst wäre die Anpassung diffiziler gewesen. Das sieht man jetzt bei Priska Nufer, die heuer auf Dynastar umstieg und das komplette Set wechselte.

Im letzten Winter bildeten Sie mit Lara Gut und Dominique Gisin bei der Rossignol/Dynastar-Gruppe ein Powertrio. Jetzt sind Sie plötzlich allein.

Selbstverständlich geht das nicht so einfach an einem vorbei. Lara wechselte, Dominique hörte überraschend auf. Das ist schade. Aber es ist, wie es ist. Deshalb ist es cool, dass Priska Nufer zu unserem kleinen Grüppchen stiess. So kann unser Servicemann mehrere Varianten ausprobieren.

Sie nehmen Ihre 14. Saison in Angriff, aber genau genommen ist es erst etwa Ihre 10. Vier Jahre fielen Sie verletzt aus, drei qualvolle Jahre fast komplett – relativiert das vieles?

Auf jeden Fall. Vor allem in jenen drei Jahren am Anfang war ich oft nahe dran aufzugeben. Als junger Mensch fragt man sich: Darf ich das meinem Körper überhaupt antun? Man muss es mit sich selber vereinbaren: Will ich das oder will ichs nicht? Ich habe mich für den Rennsport entschieden und das nie bereut. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreichte. Ich erlebte viele schöne, aber auch weniger tolle Momente. Das prägt einen. Zum Menschen, der ich jetzt bin, hat mich auch der Skisport geformt.

Fabienne Suter stand schon 15 mal auf dem Podest.

Fabienne Suter stand schon 15 mal auf dem Podest.

Sie standen schon 15 Mal auf dem Podest, viermal als Siegerin. Nur an Grossanlässen schrammten Sie oft knapp an Medaillen vorbei.

Vancouver, Sotschi, Beaver Creek – das waren unmittelbar nach den Rennen harte Momente. Es wird ja von Mal zu Mal nicht einfacher, und der Fragen werden nicht weniger. Der Druck, den ich mir selber auferlege, ebenfalls nicht. Aber 15 Podestplätze im Weltcup – davon träumen viele junge Athleten. Irgendwann muss man zufrieden sein mit dem, was man hat. Wenn ich jemals wieder an einem Grossanlass am Start stehe, werde ich alles daransetzen, dass es klappt. Aber ich werde mein Leben und meine Karriere nicht darauf versteifen.

Ein Ort ragt in Ihrer Karriere heraus – Bansko, mit drei Podestplätzen in drei Rennen. Was war dort so speziell?

Die Rennen fanden nach der WM in Val d’Isère statt, die ebenfalls in die Hose gegangen ist, obwohl ich die ganze Saison im Super-G gut war und bis zuletzt um die Kugel fahren durfte. An einem ruhigen Ort bin ich auf andere Gedanken gekommen und dann nach Bansko weitergereist. Es passte einfach, obwohl ich auf der Piste kein Traumgefühl hatte. Auf dieser schwierigen Piste konnte man Fehler machen und trotzdem vorne dabei sein. Das machte mich locker.

Der mentale Aspekt ist im Rennsport eminent wichtig. Viele arbeiten mit Mentaltrainern – Sie auch?

Ich arbeitete mal mit einem zusammen, aber es hat mir persönlich nicht viel gebracht. Mir bringt ein gutes Resultat mehr. Dadurch finde ich meine Ruhe. Wenn mir einer nur immer einredet «Du bist gut», nützt mir das nichts. Ich brauche eine Bestätigung durch Resultate.

Wie ehrgeizig sind Sie?

Alle Spitzensportler sind ehrgeizig. Wer denkt, 1. oder 5. Platz, das ist doch egal, der wird nicht Spitzensportler. Ehrgeiz ist eine positive Eigenschaft. Wichtig ist, aus Fehlern lernen und mit Niederlagen umgehen zu können.

Sie lassen die Öffentlichkeit nicht nahe an sich heran. Machen Sie das bewusst? Oder ist es einfach Ihre Art?

Beides. Nicht nur gegenüber Medienleuten bin ich zurückhaltend. Auch sonst erzähle ich Menschen, die ich nicht sehr gut kenne, wenig aus meinem Leben. Wir Skifahrer sind öffentliche Personen, von denen man auch Privates wissen möchte. Ich versuche, dem einigermassen gerecht zu werden. Aber alles möchte ich nicht preisgeben. So würde ich mich nicht mehr wohl fühlen.

Fabienne Suter ist abseits der Piste ein introvertierter, zurückhaltender Geist.

Fabienne Suter ist abseits der Piste ein introvertierter, zurückhaltender Geist.

Haben Sie deshalb Ihre Website gelöscht?

Das hat keinen Zusammenhang. Ich habe jahrelang nichts mehr daran gemacht. So sieht das doof aus. Ich bin ohnehin nicht der Facebook- oder Instagram-Typ. Das ist nicht meine Welt.

Vor vier Jahren ging es Ihnen persönlich nicht so gut. Sie stellten vieles infrage. Wir blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Es kam schlussendlich gut heraus. Und es war richtig so, wie ich das damals gemacht habe.

Die Turnerin Ariella Kaeslin hatte zur gleichen Zeit eine persönliche Krise und schrieb nun ein Buch. Haben Sie es gelesen?

Noch nicht, aber es interessiert mich und ich werde es noch lesen.

Welche Ziele haben Sie noch im Skisport?

Ich wäre schon zufrieden, wenn ich im Super-G und in der Abfahrt noch einmal an der Spitze mitmischen könnte. Im Super-G (zurzeit Nr. 19, die Red.) müsste ich mich wieder in bessere Startgruppen vorarbeiten und in der Abfahrt im Gleiten den Schaden in Grenzen halten. Im Moment arbeiten wir daran. Riesensalom-Einsätze sind zurzeit mit einer 60er-Nummer nicht sinnvoll, bevor ich in den Speed-Disziplinen den Anschluss gefunden habe, also regelmässig in die Top Ten komme. Mit dieser Stabilität sollte auch wieder mal ein Podestplatz möglich sein. Das wäre der Traum.

2017 findet die WM St. Moritz statt, wo Sie 2003 Ihr Debüt gaben. So würde sich der Kreis schliessen.

Man findet zu jedem Grossanlass einen Bezug. Ich glaubte auch, Beaver Creek sei der ideale Ort, um mal eine Medaille zu gewinnen. Ich werde im Frühling Bilanz ziehen und schauen, wie ich mich fühle und wie fit der Körper noch ist.