Langlauf

Aufruhr in der Welt der Wachse: Ein EU-Fluorverbot verunsichert Dario Cologna und Co.

Hochbetrieb in einem Wachsraum vor einem Weltcuprennen - die Filtermaske schützt unter anderem vor Fluorpartikeln.

Hochbetrieb in einem Wachsraum vor einem Weltcuprennen - die Filtermaske schützt unter anderem vor Fluorpartikeln.

Gibt es im Langlauf nach Doping- schon bald Wachssünder? Ein EU-Verbot von Fluorwachs bringt Unruhe in den Langlauf-Weltcup.

Fluor bringt Langläufer schneller ins Ziel. Der Stoff, genau ­genommen sind es ganz bestimmte Fluor-Kohlenstoffverbindungen, macht den Skiwachs wasserabweisend, was bei hohen Schneetemperaturen die Gleitfähigkeit von Ski erhöht. «Wir reden im Langlauf von einem Zeitgewinn von einer Minute auf zehn Kilometer», sagt FIS-Langlauf-Rennchef Pierre Mignerey.

Gefährliche Partikel

Die betreffenden Fluor-Verbindungen haben aber den Nachteil, dass sie nicht abbaubar und schädlich für Mensch und Umwelt sind. Kleine Partikel können ins Grundwasser – oder über Schleimhäute und Atemwege in den Körper gelangen. Deshalb verbietet die EU ab Juli 2020 den Verkauf und die Produktion gewisser Fluor-Verbindungen. Das Verbot wirft seine Schatten voraus. Einige sagen: Das Langlaufen, gerade auf höchster Stufe, wird in seinen Grundfesten erschüttert, wenn diese Fluorwachse, die seit den 1980er-Jahren auf dem Markt sind, nicht mehr verwendet werden dürfen. Der Skiweltverband FIS bestätigt:

Denn wo Verbote sind, gibt es stets Versuche, sie zu umgehen – oder sie grosszügig zu interpretieren.

«Viele sind schon jetzt umgestiegen»

Die Thematik ist komplex, was zuletzt viele Gerüchte, Vermutungen, Zuspitzungen und Halbwahrheiten hervorgebracht hat, wie Eingeweihte sagen. Norwegische Medien schrieben kürzlich von einer künftigen russischen Dominanz, weil das Verbot in der EU (und wohl künftig auch in der Schweiz), aber nicht in Russland gelten wird. Andere rechnen damit, dass sich ein Fluorwachs-Schwarzmarkt entwickeln wird. Viele Fragen sind offen: Werden die Teams alte Wachse bunkern und weiter verwenden dürfen? Werden künftig verbotene Fluorprodukte auf dem Schwarzmarkt verkauft? Darf man mit verbotenen Fluorwachsen nach EU-Recht überhaupt zu Weltcup-Rennen anreisen? Würden die EU-Behörden Kontrollen durchführen?

Zu Zurückhaltung in der ganzen Sache rät Udo Raunjak, Chemiker und Forschungsleiter des Wachsherstellers Toko/Swix in Altstätten im Rheintal. Dem EU-Verbot werden nur sogenannte C8-Fluorverbindungen unterstehen – jener Stoff also, der besonders schlecht abbaubar ist. Auf ihm beruhten zuletzt zwar die stärksten Wachse. Toko aber produziere längst Fluorwachse ohne C8-Anteil, die genauso leistungsfähig seien wie die bald verbotenen, sagt Raunjak. Viele Serviceleute seien bereits jetzt freiwillig auf diese erlaubten Wachse umgestiegen. Es habe also vorläufig niemand einen Nachteil, der sich an das EU-Gesetz halte. Nur: Die Frage sei, wie lange das so bleibt.

Udo Raunjak, Chefchemiker von Toko in Altstätten.

Udo Raunjak, Chefchemiker von Toko in Altstätten.

Einerseits sei absehbar, dass das EU-Gesetz in den kommenden Jahren noch rigider werde und weitere Fluorverbindungen verbiete. Und was den Spitzenlanglauf vor allem umtreibt: Die FIS überlegt sich, bei Rennen jegliche Arten von Fluorwachsen zu verbieten, wie Rennchef Mignerey sagt. Die FIS geht – anders als Raunjak – davon aus, dass C8-Wachse sehr wohl überlegen sind. Und damit viele Verbände auf diese verbotenen Wachse angewiesen seien. Die FIS würde mit einem eigenen Verbot die unübersichtliche Gesetzeslage umgehen und selber die Kontrolle über das Fluorverbot erhalten. Kürzlich stellte die FIS ein mögliches Verbot an einem Kongress in Zürich vor.

Droht ein Problem analog dem Dopingsystem?

Es ist vor allem dieses angedachte Verbot der FIS, das Wachshersteller und Nationalverbände umtreibt. «Gänzlich ohne Fluor, das müssen wir deutlich sagen, könnten wir aktuell keine qualitativ gleichwertigen Wachse für warme Temperaturen herstellen», so Raunjak. Erst mit diesem rigideren Verbot würde man seiner Meinung nach ein System heraufbeschwören, das dem Dopingsystem gleichen würde. Verbotene Substanzen würden auf den Ski landen – und Tests wären zu aufwendig, wie Raunjak sagt.

Bei Tests würden mittels Klebstreifen Wachsproben der Ski genommen und in Prüflabors gesendet. Viele stehen diesen Tests kritisch gegenüber. «Ein Vergehen wäre schwierig nachzuweisen», sagt zum Beispiel Hippolyt Kempf, Disziplinenchef der Schweizer Langläufer. Ihm zufolge könnten stets auch Fluor-Rückstände im Schnee oder auf Bürsten zu positiven Ergebnissen führen. Tatsächlich wäre man dann mit ähnlichen Problemen wie beim Dopingnachweis konfrontiert. Mit einem Augenzwinkern sagt Kempf:

«Und zu den Holzski zurück wollen wir nicht.»

Hippolyt Kempf, Disziplinenchef Langlauf von Swiss Ski.

Hippolyt Kempf, Disziplinenchef Langlauf von Swiss Ski.

Wie gehen die Schweizer mit dem Thema um? An der Medienkonferenz vor der Saison halten sich die Athleten zurück. «Wir wissen, dass es ein Verbot gibt», sagt Dario Cologna. Als Experte für das Thema bezeichnet er sich aber nicht. Kempf hält sich an das Wissen von Raunjak. Er schliesst aber nicht aus, dass das Schweizer Team in einem Jahr bei gewissen Bedingungen auf alte C8-Bestände zurückgreifen würde, sofern dies nicht explizit verboten sei. Noch sei das Problem nicht akut. Man vertraue auf die Industrie, dass sie weitere Fortschritte mache.

Starten am Ende alle mit demselben Wachs?

Die FIS bringt eine weitere Idee auf den Tisch. Wie wäre es, wenn alle Athleten mit einheitlich gewachsten Ski antreten würden? Dem Fortschritt in der Wachsforschung wäre dies nicht förderlich. «Was auch nicht unsere Aufgabe ist», sagt Mignerey von der FIS. Und weiter:

Übrigens: Es gibt Stimmen aus Norwegen, die schon in dieser Saison mit Problemen rechnen. In den USA besteht schon jetzt ein rigideres Fluor-Verbot. Wenn der Weltcup im März in Minneapolis Halt macht, könne es zu Problemen kommen. Egal, ab wann es richtig ernst wird: Umtreiben wird das Fluor den Langlaufsport in den kommenden Jahren zweifellos.

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