Ski-WM
Wie ein Sonnyboy mit glasigen Augen: Marco Odermatts bitteres WM-Ende

Im Riesenslalom war er einer der Favoriten. Doch Marco Odermatt scheidet aus. Statt mit einer Medaille reist er enttäuscht nach Hause. Es ist der erste Rückschlag in einer Karriere, die bisher nur einen Weg kannte: noch oben.

Martin Probst
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Der Medaillentraum von Marco Odermatt endet im Schnee.

Der Medaillentraum von Marco Odermatt endet im Schnee.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Als er so da sass, die Ellenbogen auf seine Knie gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben, war die Enttäuschung zu spüren. «Das ist der schwärzeste Tag in meiner Karriere», sagt Marco Odermatt später.

Er trägt eine Sonnenbrille, um die Emotionen zu verbergen. Unter Kappe und Maske verschwindet er fast. Gut eine halbe Stunde zuvor wäre er wohl gerne vom Erdboden verschluckt worden.

Marco Odermatt.

Marco Odermatt.

Gabriele Facciotti / AP

Mit der Nummer eins startet Odermatt in den WM-Riesenslalom. Im Weltcup war er in dieser Saison nie schlechter als Vierter. Viermal stand er auf dem Podest. Für ihn soll es eine Versöhnung mit einer WM werden, die nicht nach seinen Vorstellungen verlief.

Er stösst sich ab, die ersten Kurven passen. Das Tempo auch. Die erste Zwischenzeit passiert er mit der zweitbesten Zeit aller Athleten. Dann rutscht er weg. Ende. Vorbei. Odermatt flucht. Später zieht er Helm und Handschuhe ab, fährt mit wehenden Haaren ins Ziel. Er sieht aus wie ein Sonnyboy. Nur die glasigen Augen passen nicht.

Schwierige Bedingungen und zwei Podestpremieren

Auch Justin Murisier und Gino Caviezel scheiden im ersten Lauf aus. Loïc Meillard wird Fünfter und bleibt es auch nach Durchgang zwei. Zum ersten Mal in diesem Winter steht in einem Riesenslalom kein Schweizer auf dem Podest. Ausgerechnet an der WM. Die Ernüchterung ist gross.

Swiss-Ski-Direktor Walter Reusser sagt: «Natürlich ist das schade.» Aber ein Drama sei es nicht. «Ich kann mir vorstellen, dass die Athleten vielleicht etwas zu viel wollten.» Aber das liessen die Verhältnisse nicht zu. Loïc Meillard sagt:

«Es war sehr schwierig zu fahren, der Schnee war sehr unterschiedlich.»

Halbzeitleader Alexis Pinturault, der im ersten Lauf bestechend fuhr, erwischt es in Durchgang zwei. Auch er scheidet aus. Und so siegt sein französischer Landsmann Mathieu Faivre. Der 29-Jährige lässt Luca De Aliprandini hinter sich.

Luca De Aliprandini gewinnt Silber und bekommt einen Kuss von Freundin Michelle Gisin.

Luca De Aliprandini gewinnt Silber und bekommt einen Kuss von Freundin Michelle Gisin.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Für den Italiener, der mit Michelle Gisin liiert ist und Schweizerdeutsch spricht, ist es der erste Podestplatz überhaupt. Für den drittplatzierten Marco Schwarz aus Österreich der erste im Riesenslalom. Die Favoriten scheitern. Als Bester wird Filip Zubcic Vierter.

Wie erholt sich Odermatt von diesen Rückschlägen?

Meillard, Murisier und Caviezel standen in dieser Saison ebenfalls auf dem Podest. Doch am meisten wurde von Odermatt erwartet. Jetzt verlässt er die WM mit «einer guten Abfahrt und sonst nichts», wie er sagt.

In der Abfahrt belegte er Rang vier. Im Super-G wurde er Elfter. In den zwei Rennen vor der WM stand er zweimal auf dem Podest. Entsprechend gross waren seine Erwartungen. Aber auch der Frust danach.

Für Odermatt war die WM in Cortina der erste Rückschlag in einer Karriere, die fast nur einen Weg kannte: nach oben. Er war zwar schon verletzt, kehrte aber jeweils schnell und stark zurück. Marcel Hirscher sah in Odermatt schon früh einen potenziellen Nach­folger. Der Österreicher hat achtmal in Serie den Gesamtweltcup gewonnen.

Ins Loblied stimmten schnell auch andere ein. Odermatt erfüllte die hohen Erwartungen und etablierte sich schnell und vor allem erfolgreich im Weltcup.

Was aber macht dieser Rückschlag nun mit ihm, den bisher scheinbar Nichts aus der Ruhe bringen konnte. Odermatt selbst sagt:

«Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob ich daraus etwas lernen kann.

Walter Reusser sagt: «Ich bin überzeugt, dass Marco und das ganze Team dieses Resultat schnell akzeptieren werden.» Es wäre falsch, nun alles zu hinterfragen. Odermatt – das vergisst man oft – ist erst 23 Jahre alt.

Die WM in Cortina war erst seine zweite. Aber bereits gehörte er in zwei Rennen zu den Favoriten. Es ist eine Rolle, die Odermatt an Titelkämpfen noch nicht kannte.

Er sagt zwar, das habe keinen Druck erzeugt. Im Weltcup hat er schon bewiesen, dass er als Favorit bestehen kann. Doch die nächste WM findet erst in zwei Jahren statt, während im Weltcup das nächste Rennen schnell folgt. Das ist, auch wenn die Athletinnen und Athleten gerne betonen, die WM-Rennen seien Wettkämpfe wie andere auch, keine einfache Ausgangslage. Odermatt verlässt Cortina enttäuscht. Sein Aufstieg wird weiter gehen.