Ski-WM
Michelle Gisin und die Konfrontation mit dem Schicksal des Bruders

Seit Marc Gisin schwer verunfallte, hatte Michelle Gisin Mühe, in den schnellen Disziplinen das Vertrauen zu finden. Jetzt holt sie wie Loïc Meillard Bronze in der Kombination. Diese WM ist eine Befreiung für sie.

Martin Probst
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Michelle Gisin und Loïc Meillard werden gefeiert.

Michelle Gisin und Loïc Meillard werden gefeiert.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Als Loïc Meillard einen Fehler macht, leidet Michelle Gisin im Ziel mit. Gut eineinhalb Stunden später posieren sie gemeinsam für die Fotografen. Der Fehler hat Meillard vielleicht Gold gekostet: Für Bronze, wie es schon Gisin in der Kombination der Frauen gewann, hat es trotzdem gereicht.

«Ich weiss, dass noch mehr möglich gewesen wäre», sagt der 24-Jährige. «Darum ist meine Gefühlslage derzeit noch bei 50/50. Später werde ich mich über die Medaille aber vor allem freuen.»

Zwei WM-Rennen an einem Tag sind eine Seltenheit. Dass sowohl bei den Frauen wie auch bei den Männern jemand aus der Schweiz auf das Podest fährt, ist noch seltener. Letztmals war das an der WM 1987 in Crans-Montana der Fall. Maria Walliser wurde Weltmeisterin in der Abfahrt und Pirmin Zurbriggen gewann Silber in der Kombination.

Die Konfrontation mit dem Schicksal des Bruders

Trotz immer wiederkehrender Kritik gibt es die Kombination 34 Jahre später noch immer. In einem anderem Format zwar – in Cortina wurde ein Super-G mit einem Slalom kombiniert – aber weiterhin mit Schweizer Er­folgen.

Gisin gewann hinter der US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin und der Slowakin Petra Vlhova Bronze. Meillard wurde Dritter hinter dem Österreicher Marco Schwarz und dem Franzosen Alexis Pinturault. Für Gisin war die Medaille eine Versöhnung zweier Welten.

Seit einem fürchterlichen Sturz ihres Bruders Marc im Dezember 2018 hatte sie das Vertrauen in den schnellen Disziplinen ver­loren. Sie sagt:

«Als Athletin will man Stürze schnell verdrängen. Wenn es aber dein Bruder ist, der sich schwer verletzt, ist das schwer.»

Marc Gisin hat seine Karriere vor dieser Saison beendet. Vom Sturz in Val Gardena, wo er sich ein Schädel-Hirn-Trauma zuzog, sich mehrere Rippen brach und eine Lungenquetschung erlitt, hat er sich mental nie mehr ganz erholt. Ein Weltcuprennen fuhr er nicht mehr. Sein Kopf liess es nicht zu, noch einmal die gefährlichsten Abfahrtspisten der Welt in maximalem Tempo zu bewältigen.

Bei den TV-Sendern von CH Media sprach Marc Gisin am Montag über den Erfolg seiner Schwester.

CH Media

Eine Versöhnung mit den schnellen Disziplinen

All dies bekam Michelle Gisin hautnah mit. Es belastete sie sehr. In der Abfahrt und im Super-G, wo sie zuvor fast stärker war als in den technischen Disziplinen, tat sie sich schwer. Rang acht im WM-Super-G und besonders Rang fünf in der Abfahrt waren für sie eine Art Erlösung.

«Es waren eineinhalb schwierige Jahre», sagt sie. «Vor allem mental. Ich musste mich da durchkämpfen. Wenn man jemanden, den man liebt, sieht, wie er das durchmachen muss, ist das etwas anderes, als wenn man davon in den Medien liest.» Entsprechend emotional war sie nach den Auftritten in Cortina. Es flossen sogar Tränen. Sie sagt:

«Ich fühle mich wieder, wie ich mich einst fühlte.»

In den eineinhalb Jahren seit des Unfalls stiess Michelle Gisin in den technischen Disziplinen an die Weltspitze vor, gewann als erste Schweizerin seit 18 Jahren einen Slalom. Nun, da sie wieder zur Allrounderin wurde, ist WM-Bronze nur logisch. Zuvor war sie schon 2018 Olympiasiegerin in der Kombination geworden und holte 2017 WM-Silber in dieser Disziplin. Jetzt ist sie wieder zurück.

Meillard ist der derzeit beste Schweizer Allrounder

Für Loïc Meillard war es die erste WM-Medaille bei der Elite. Und der endgültige Beweis, dass er längst mehr ist als ein Techniker. Der 24-Jährige kann als derzeit einziger Schweizer sowohl im Slalom, Riesenslalom wie auch im Super-G überzeugen. Bronze in der WM-Kombination ist da nur eine Bestätigung dafür.

Die Grundlage für den Erfolg legte er mit einem starken Auftritt im Super-G. Heute stehen in Cortina die beiden Parallelrennen auf dem Programm. Wiederholt sich die Geschichte mit Medaillen bei beiden Geschlechtern?