Ski-WM
Fast alle fühlten sich im falschen Film: Wie das Parallelrennen zur Farce wurde

Loïc Meillard gewinnt Bronze, obwohl er der stärkste Athlet war. Katharina Liensberger gewinnt Gold – und weiss es lange nicht. Die WM-Premiere der Parallelrennen wurde zum Desaster.

Martin Probst
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Loïc Meillard ist auf dem schnelleren roten Kurs unterwegs.

Loïc Meillard ist auf dem schnelleren roten Kurs unterwegs.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Wäre es ein Film, der Regisseur würde sich nach dieser Premiere durch den Hinterausgang davonschleichen. Das kann der Internationale Skiverband FIS nicht, nachdem die WM-Premiere der Parallelrennen kaum Applaus bekam, dafür sehr viel negative Kritik.

Aber fragen wir den ersten Weltmeister, was er vom Format hält. Mathieu Faivre sagt, angesprochen auf den Stellenwert seiner Goldmedaille: «Das ist schwierig zu sagen. Wissen Sie, man ändert ständig die Regeln. Ich bin einfach glücklich, wie ich gefahren bin.»

Normalerweise sprechen die Athleten von einem Traum, der in Erfüllung geht. Faivre spricht von den Regeln. Das sagt vieles. Die Ernüchterung ist gross nach zwei Rennen, die wenige glücklich, dafür viele wütend gemacht haben.

Plötzlich ist Liensberger Weltmeisterin

Wie kompliziert die Regeln sind. Oder vielmehr: Wie wenig sogar Involvierte davon wissen, zeigt die Geschichte von Katharina Liensberger. Als die Österreicherin nach dem zweiten Finallauf sieht, dass sie die Ziellinie exakt gleichzeitig mit Marta Bassino überquert hat, fühlt sie sich als Weltmeisterin. Doch auf der Anzeigetafel wird nur Bassino als solche erwähnt. Niemand kann Liensberger erklären, wieso.

Katharina Liensberger.

Katharina Liensberger.

Marco Tacca / AP

So macht sich Liensberger auf, um über Silber zu sprechen. «Die Goldmedaille muss wohl einfach noch etwas warten», sagte die 23-Jährige. «Wie die Regeln genau sind, weiss ich selbst nicht. Vielleicht war Marta (Bassino; die Red.) einfach etwas schneller als ich. Ich freue mich aber auch über Silber.»

Da wird sie plötzlich unterbrochen. Ihr Trainer funkt, sie sei nun doch Weltmeisterin. Gemeinsam mit Bassino, wie die offizielle Schlussrangliste zeigt. Liensberger juchzt. Andere sind verwirrt.

Eine Idee, kein Konzept

Die Parallelrennen wurden von der FIS eingeführt, um den Skisport moderner zu machen. Nur ein passendes Format hat der Weltverband noch nicht gefunden. Mal waren es im Weltcup City-Events, mal Parallel-Slaloms. Im WM-Winter sind es nun Parallel-Riesenslaloms. Weltmeister Faivre sagt: «Wir sind eine Qualifikation in einem Format gefahren, das es zuvor noch nie gab.»

Seit Jahren ist bekannt, dass die Parallelrennen an der WM in Cortina Premiere feiern. Aber die FIS bringt ein Flickwerk nach Italien. Federica Brignone, im vergangenen Jahr Gewinnerin des Gesamtweltcups, sagt:

«Ich bin wütend, so fahre ich nie mehr ein Parallelrennen.»

Aber was hat die Italienerin und viele andere so aufgebracht? Es geht erneut um die Regeln. In den Parallelrennen duellieren sich Athletinnen und Athleten auf zwei Kursen. Dass diese nie absolut identisch sein können, ist logisch. Dass sie sich verschieden verändern können, ist nicht zu verhindern. Darum gibt es zwei Läufe, damit Chancengleichheit besteht.

Holdener ist sauer und Odermatt findet es unfair

Doch jetzt kommt das Problem. Um die Spannung zu erhalten, hat die FIS entschieden, dass der Maximalrückstand nach Durchgang eins eine halbe Sekunde betragen darf. So soll verhindert werden, dass nach Stürzen schon alles entschieden ist.

Allerdings war die blaue Piste in Cortina im Verlauf des Rennens so deutlich langsamer, dass all jene, die im ersten Lauf eine halbe Sekunde auf ihr kassierten, diesen Malus oft locker wettmachen konnten.

Wendy Holdener.

Wendy Holdener.

Gabriele Facciotti / AP

Wendy Holdener, Siegerin der Qualifikation, war im Viertelfinal eines der Opfer. Sie sagt: «Ich war im ersten Lauf mehr als eine Sekunde schneller und verlor im zweiten 86 Hundertstel. Wenn man die Zeit nimmt, bin ich nicht ausgeschieden. Das ist ein Fehler der FIS.»

Loïc Meillard scheiterte im zweiten Lauf des Halbfinals ebenfalls auf der blauen Piste. Und auch im kleinen Final hatte er das Handicap. Da sein Gegner Alexander Schmid stürzte, gewann er trotzdem Bronze. Der 24-Jährige sagt: «Ich habe das Beste herausgeholt, was für mich mit diesem Modus möglich war.»

Weiter geht Marco Odermatt, der im Achtelfinal scheiterte. Er sagt, es sei unfair, dass Meillard, welcher der stärkste Athlet gewesen sei, aufgrund der Regeln nicht Weltmeister wurde. «So macht das keinen Spass. Wir sollten uns auf die vier Hauptdisziplinen konzentrieren. Ich hoffe, dass wir an der nächsten WM keine Parallelrennen mehr fahren.»

Wäre es ein Film, gäbe es wohl keine Fortsetzung. Die Parallelrennen gehen weiter.