Ski-Alpin
Alexis Pinturault ist auf der Suche nach dem Sieger-Gen – sein Vater sagte einst, der Zweite sei im Sport der erste Verlierer

Alexis Pinturault ist ein begnadeter Skifahrer, aber bislang noch kein grosser Champion. Nun steht der Franzose kurz vor dem Triumph im Gesamtweltcup. Es wäre das Ende einer Geschichte des Scheiterns.

Rainer Sommerhalder
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Alexis Pinturaults Karriere steht kurz vor der Krönung.

Alexis Pinturaults Karriere steht kurz vor der Krönung.

Bild: Keystone (Cortina d’Ampezzo, 21. Februar 2021)

Wer seine überlegenen Siege in den beiden Riesenslaloms von Adelboden gesehen hat, kann sich keinen besseren Skifahrer vorstellen. Um eine Sekunde und mehr deklassierte Alexis Pinturault auf dem schwierigsten Hang des Weltcups die in Ehrfurcht erstarrenden Konkurrenten.

Zu behaupten, ein 33-facher Weltcupgewinner mit mehr als doppelt so vielen Siegen wie sein legendärer Landsmann Jean-Claude Killy, sei noch kein Champion, erscheint auf den ersten Blick vermessen. Und doch bleibt beim französischen Supertechniker vor allem die Erkenntnis: Er hat noch keinen richtig grossen Erfolg gefeiert. Der einzige internationale Titel ist die Goldmedaille in der Kombination an der Weltmeisterschaft 2019.

Bedeutend länger ist die Liste des Scheiterns. Zuletzt schied er in Cortina im WM-Riesenslalom nach klarer Laufbestzeit im ersten Lauf aus. Den Gesamtweltcup beendete er zweimal als Zweiter und dreimal als Dritter, in der Disziplinenwertung im Riesenslalom winkte er Ende Saison dreimal von Platz 2.

Bei Grossanlässen war Alexis Pinturault oft nur zweiter Sieger, oder erster Verlierer.

Bei Grossanlässen war Alexis Pinturault oft nur zweiter Sieger, oder erster Verlierer.

Guillaume Horcajuelo / EPA

Die hemmende Pflicht, erfolgreich zu sein

Man darf einwenden, es sei Pinturaults Los gewesen, einen beträchtlichen Teil seiner Karriere im Schatten des grossen Marcel Hirscher absolviert zu haben. Doch selbst dessen Rücktritt vor zwei Jahren befreite den Franzosen nicht von der Last des Erfolgsdrucks. Die französische Zeitung «Le Parisien» bezeichnete ihn als «ewige Hoffnung».

Dabei wäre ein erfolgreicher Filius doch so etwas wie ein Pflichterbe der Pinturaults. Der Wunsch nach Höchstleistung gehöre zur DNA der Familie, war in einem Porträt über die Hotelier-Dynastie aus den französischen Alpen zu lesen. Vater Claude trichterte seinem Sprössling schon in jungen Jahren ein, der Zweite sei im Sport der erste Verlierer.

«Was uns als Eltern glücklich macht, ist wenn unsere Kinder Erfolg haben», sagt er über seinen Anspruch an den Nachwuchs. Mutter Hege, eine gebürtige Norwegerin, sagt über Alexis: «Sein Wunsch ist es, der Beste zu sein.» Er selbst versucht derweil bewusst, den Druck von den eigenen Schultern zu nehmen: «Für mich ist wichtig, dass es Spass macht, was ich tue.»

Vater Claude, Besitzer eines Luxushotels in der Skistation Courchevel, war es ein Anliegen, dass seine Kinder eine Lebensschule weg vom Aufwachsen im Luxus geniessen. Alexis fuhr zwar bereits mit zwei Jahren Ski und wurde früh auf Erfolg getrimmt, aber bei der Ausrüstung erhielt er nie das neuste Material. Und die Sommerferien verbrachte man in einer Hütte auf einer norwegischen Insel. Das Lernen von mentaler Stärke stand im Zentrum.

Das Privatteam als Reaktion auf den Misserfolg

Doch ausgerechnet das Nervenkostüm wird Pinturault neben einem Hang zur Unkonstanz nun als Schwäche ausgelegt. Im Duell um den Gesamtweltcup schied er zuletzt beim Slalom von Kranjska Gora aus, anstatt das Polster auf Marco Odermatt vorentscheidend auszubauen.

Seit einem Jahrzehnt fährt Alexis Pinturault in der Weltspitze mit. Erstmals auf einem Weltcupodest steht der zweifache Juniorenweltmeister im März 2011. Mehrmals kommt die verheissungsvolle Karriere ins Stocken. Nach einem Tiefpunkt an der WM 2017 in St. Moritz stellt Pinturault sein Sportlerleben resolut um. Fortan setzt er auf ein Privatteam. Sieben Personen kümmern sich um ihn, darunter Vater Claude seit zwei Jahren als Manager und Ehefrau Romane als Logistikerin.

Im September 2017 heiratet Alexis die gleichaltrige Ex-Skirennfahrerin. Kennengelernt hatten sie sich bereits im Alter von 14 Jahren in der Sportschule von Albertville. Das Paar zieht mit seinem Schäferhund Joia im Winter nach Altenmarkt im Salzburgerland, damit er weniger Reisezeit und dadurch mehr Erholungszeit hat.

Seine Frau nimmt ihm vieles ab. Sie sagt: «Ich kenne Alexis Zeitplan über zwei Wochen hinaus auf die Minute genau.» Ein Teil der Privatteams finanziert er selbst, der Fitnesscoach ist bei Pinturaults Sponsor Red Bull angestellt.

Und nun also soll der mit äusserster Vehemenz angestrebte Grosserfolg endlich Tatsache werden. Wenn Pinturaults Nerven mitspielen, reichen die 31 Punkte Vorsprung vor seinen zwei stärksten Disziplinen Riesenslalom und Slalom.

Zuhause drücken ihm die ältere Schwester Sandra, die nun die Leitung des Hotels übernommen hat, sowie der neun Jahre jüngere Bruder Cédric, der sich ebenfalls als Skifahrer versucht, die Daumen. Gratulieren werden sie Alexis Pinturault am Wochenende so oder so. Am Samstag feiert der Franzose seinen 30. Geburtstag.