Interview

«Sind wir jetzt im Verhör?» – Fifa-Präsident Gianni Infantino im grossen Interview über das Strafverfahren gegen ihn

«Sind wir jetzt in einem Verhör?» Gianni Infantino stellt sich den Fragen von CH Media.

«Sind wir jetzt in einem Verhör?» Gianni Infantino stellt sich den Fragen von CH Media.

Gianni Infantino lanciert den Gegenangriff: Er kritisiert die Schweizer Justiz wegen des Strafverfahrens gegen ihn. Im CH-Media-Interview sagt er, er habe das erste Treffen mit Ex-Bundesanwalt Michael Lauber initiiert. Infantino hält Corona für existenzbedrohend - und er sagt, warum er auf den Frauenfussball setzt.

Ende Oktober 2019 reiste Gianni Infantino nach China, um sich mit Xi Jinping zu treffen. Der chinesische Staatspräsident schlug Wuhan als Treffpunkt vor, weil zu jenem Zeitpunkt dort die Militärweltspiele stattfanden. Infantino war die Stadt kein Begriff. Heute kennt jeder Wuhan. Wenige Wochen später brach in der Millionenmetropole das Coronavirus aus. Damals konnte auch noch keiner ahnen, dass Monate später gegen den Fifa-Präsidenten ein Strafverfahren eröffnet wird. Unterkriegen lässt sich der 50-jährige Walliser deswegen nicht. Ziemlich gut gelaunt erzählt er in seinem Büro eine Anekdote von einem Treffen mit Donald Trump, als er diesem im Oval Office je eine gelbe und rote Karte überreichte. «Als Journalisten kamen, zeigte er ihnen sofort die rote Karte.»

Plötzlich wird im Kanton Bern die 1000-Zuschauer-Limite wieder eingeführt. Ist die Coronapandemie existenzbedrohend für den Fussball?

Ja. Zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg wurde der Fussballbetrieb auf der ganzen Welt eingestellt. Insbesondere für jene Länder, die auf Zuschauereinnahmen angewiesen sind, ist die Situation sehr schwierig. Klar, es geht primär um die Gesundheit der gesamten Bevölkerung. Aber es geht nur schon in der Schweiz auch um Tausende von Arbeitsplätzen, die mit dem Fussball verknüpft sind.

Wie sollen diese Arbeitsplätze gerettet werden?

Ich hoffe, dass man schnell wieder überall in der Schweiz die Stadien zu mindestens zwei Dritteln füllen kann. Soweit ich informiert bin gab es keine nachgewiesenen Ansteckungen an Fussballspielen. Das zeigt, dass wir sehr diszipliniert sind.

In diesen Tagen sind die europäischen Klubwettbewerbe wieder gestartet. Was viele Reisen bedeutet. Wir befürchten das Schlimmste, Sie auch?

Ich hoffe das Beste. Ein Beispiel: Während des letzten Länderspielfensters haben wir sehr viel Druck gemacht, damit man in Südamerika die WM-Qualifikation spielen kann. Die Bedenken waren gross, weil die Spieler von überall auf der Welt nach Südamerika gereist sind. Die Spieler kamen, spielten und kehrten wieder gesund zu ihren Klubs zurück. Wenn wir sagen, wir stoppen alles, wäre das verheerend für die Gesellschaft. Bei dieser Flut von negativen Nachrichten brauchen wir den Fussball, um die Hoffnung aufrechterhalten zu können.

Zur Person:

Gianni Infantino: Der steile Aufstieg eines SecondosDer steile Aufstieg eines Secondos Der Sohn italienischer Gastarbeiter wuchs in Brig auf. Schon als Kind war Gianni Infantino ein Fussballfan. Aber in der Organisation von Schülerturnieren bewies er mehr Talent als auf dem Platz. Später studierte er Rechtswissenschaften und arbeitete als Advokat. 2009 stieg er beim europäischen Fussballverband Uefa zum Generalsekretär auf. Ein enger Weggefährte Infantinos war der langjährige Uefa-Präsident Michel Platini. Als der frühere Spitzenfussballer 2015 von der Fifa-Ethikkommission gesperrt wurde und seine Kandidatur zur Wahl des Fifa-Präsidenten zurückziehen musste, schlug Infantinos Stunde. 2016 wurde er als Nachfolger von Sepp Blatter zum Präsidenten des Weltfussballverbandes gewählt und 2019 im Amt bestätigt. Infantinos Frau stammt aus Libanon, die beiden haben vier Töchter und leben in der Genferseeregion. (fsc)

Gianni Infantino: Der steile Aufstieg eines Secondos

Der steile Aufstieg eines Secondos Der Sohn italienischer Gastarbeiter wuchs in Brig auf. Schon als Kind war Gianni Infantino ein Fussballfan. Aber in der Organisation von Schülerturnieren bewies er mehr Talent als auf dem Platz. Später studierte er Rechtswissenschaften und arbeitete als Advokat. 2009 stieg er beim europäischen Fussballverband Uefa zum Generalsekretär auf. Ein enger Weggefährte Infantinos war der langjährige Uefa-Präsident Michel Platini. Als der frühere Spitzenfussballer 2015 von der Fifa-Ethikkommission gesperrt wurde und seine Kandidatur zur Wahl des Fifa-Präsidenten zurückziehen musste, schlug Infantinos Stunde. 2016 wurde er als Nachfolger von Sepp Blatter zum Präsidenten des Weltfussballverbandes gewählt und 2019 im Amt bestätigt. Infantinos Frau stammt aus Libanon, die beiden haben vier Töchter und leben in der Genferseeregion. (fsc)

Fussball als Balsam für die Seele?

Ja, das kann man so sagen.

Die Fifa ist insofern betroffen, als die Klub-WM 2021 nicht stattfinden kann, weil dann die EM gespielt wird. Bitter ist das für die Fifa, weil sie Geld verliert und die Champions League weiterhin nicht konkurrenzieren kann.

Die Klub-WM konkurrenziert die Champions League nicht. Es ist ein anderes Produkt. Die Fifa hat den Auftrag, den Fussball auf der ganzen Welt und nicht nur in Europa zu fördern und zu entwickeln. Die Unterschiede zwischen Europa und dem Rest der Welt sind gewachsen und werden weiterwachsen, wenn wir nichts unternehmen. Deshalb wollen wir den Klubs ausserhalb Europas helfen, wieder Anschluss zu finden.

Aber Ihre aufgeblähte Klub-WM bedeutet eine Mehrbelastung.

Nein, denn im Gegenzug streichen wir den Confederation Cup. Damit reduzieren wir sogar die Anzahl Spiele.

Mit den Einnahmen der Klub-WM haben Sie gerechnet.

Das ist kein Problem. Denn die Einnahmen werden irgendwann fliessen. Die verschobene Klub-WM hat keinen Einfluss auf unseren Finanzplan. Die weltweite Nachfrage nach Top-Fussball ist weiterhin sehr gross. Unsere Aufgabe ist es, diesen Hunger zu stillen.

Die Befürchtungen sind gross, dass Sie mit den Top-Klubs zusammenspannen und dereinst eine Superliga für die Superreichen lancieren. Also dem Bayern-Fan die Bundesliga wegnehmen.

Wir werden niemandem die Bundesliga wegnehmen. Als Fifa-Präsident interessiert mich die Klub-WM, nicht die Superliga. Es geht mir nicht um Bayern gegen Liverpool, sondern um Bayern gegen Boca Juniors aus Buenos Aires. Liverpool hat weltweit 180 Millionen Fans. Flamengo etwa 40 Millionen. 39 von diesen 40 Millionen Fans hat Flamengo in Brasilien. Liverpool indes hat vielleicht nur 5 Millionen Fans in England, die andern 175 Millionen rund um die Welt. Ich will, dass künftig auch Klubs von ausserhalb Europas globale Strahlkraft haben. Meine Vision lautet: Es sollte 50 Klubs und 50 Nationalmannschaften geben, die Weltmeister werden können.

Fussball ist ein Milliardenbusiness: Gianni Infantino (rechts) und Cristiano Ronaldo.

Fussball ist ein Milliardenbusiness: Gianni Infantino (rechts) und Cristiano Ronaldo.

Sind solch globale Wachstumsprojekte noch zeitgemäss?

Natürlich, heute erst recht. Denn wir sehen es jetzt bei diesem Virus, dass wir weltweit zusammenspannen müssen. Genau das tut die Fifa.

Fussball als Retter der Globalisierung?

Nein, aber wir leisten unseren Beitrag.

Niemand weiss, wie lange Corona unser Leben beeinträchtigen wird. Haben Sie einen Plan B für die WM 2022 in Katar?

Nein, Katar wird stattfinden. Wir haben genug Zeit, um diese Pandemie in den Griff zu bekommen.

Eine WM ohne Zuschauer? «Unvorstellbar», sagt Gianni Infantino.

Eine WM ohne Zuschauer? «Unvorstellbar», sagt Gianni Infantino.

Ist eine Geisterspiel-WM vorstellbar?

Nein. Die WM wird mit Zuschauern gespielt. Falls dieses Vorhaben wider Erwarten nicht realisierbar sein sollte, wird die Frage, ob man trotzdem eine WM spielen soll, wohl überflüssig sein. In diesem Fall hätten wir alle grössere Probleme.

Aber was, wenn die US-Justiz Beweise liefert, wonach bei der Vergabe Stimmen für die WM in Katar gekauft worden sind?

Ein italienisches Sprichwort besagt: Man soll sich den Kopf nicht verbinden, bevor man ihn sich angeschlagen hat. Seit ich hier bin, gab es zwei Vergaben. Die Männer-WM 2026 und die Frauen-WM 2023. Und es gab keine Probleme, weil seit der Reform der Fifa das Wahlverfahren offen, transparent und im Detail kontrollierbar abläuft.

Sie wollten die Fifa faktisch verkaufen, indem Sie die wichtigsten Fifa-Rechte für 25 Milliarden Franken an arabische Investoren veräussern möchten.

Gut, dass ich zu diesem Unsinn etwas sagen kann. Die Fifa gehört ihren 211 Verbandsmitgliedern rund um die Welt. Sie stand nie zum Verkauf und wird auch nie zum Verkauf stehen. Wir hatten zwar tatsächlich eine Offerte von 25 Milliarden, aber dabei ging es um die Rechtevermarktung an neuen Wettbewerben, die es noch gar nicht gab – also nicht um die Fussball-WM. Konkret um eine Klub-WM und eine weltweite Nations League. All das über eine Laufzeit von zwölf Jahren. Und die Interessenten kamen nicht aus Arabien, sondern aus Japan.

25 Milliarden - das ist enorm viel Geld.

Ja, das wäre es gewesen. Es ging um die Gründung einer gemeinsamen Vermarktungsagentur, an der die Fifa 51 Prozent gehabt hätte. Die Rechte wären bei der Fifa beziehungsweise den Verbänden verblieben. Es wäre dasselbe Modell gewesen wie dasjenige, mit dem ich bei der Uefa mit Team-Marketing in Luzern schon gearbeitet habe. Aber die Diskussionen verliefen im Sand, der politische Wille bei einigen Fifa-Mitgliedern war nicht vorhanden. Das zeigt auch, wie absurd der Gedanke eines Verkaufs der Fifa ist. Das einzige, was wir tun, sind Rechte zu vermarkten, genau gleich wie jeder andere Sportverband.

Abendessen am WEF in Davos: Donald Trump und Gianni Infantino am selben Tisch.

Abendessen am WEF in Davos: Donald Trump und Gianni Infantino am selben Tisch.

Ihr Wahlversprechen lautete, viermal mehr Entwicklungsgelder an die Verbände. Nun rechnet die Fifa für dieses Jahr mit einem Verlust von 794 Millionen Franken. Ausserdem will man noch 1,5 Milliarden Dollar Corona-Hilfe an die Verbände ausschütten. Wie geht diese Rechnung auf?

Die Fifa rechnet aufgrund des WM-Zyklus in Vierjahreszyklen. Das Ziel, am Ende des laufenden Vierjahreszyklus 100 Millionen Gewinn zu erwirtschaften, werden wir erreichen. Wir sind trotz Corona voll im Budget und schreiben schwarze Zahlen.

Sie können die Löhne noch bezahlen?

Ja. Sehen Sie, wir hatten mit der Korruption bei der Fifa unsere Pandemie schon vor fünf Jahren und konnten in der Zwischenzeit ein Immunsystem aufbauen. Als ich 2016 bei der Fifa begann, hatten wir 1 Milliarde Dollar Reserven. Jetzt sind es 2,7 Milliarden. Was wir brauchen, um während vier Jahren, also von einer bis zur nächsten WM zu überleben, sind 1,5 Milliarden.

Aber die Kosten sind gestiegen. Im Vergleich zu ihrem Vorgänger Sepp Blatter beschäftigt die Fifa fast doppelt so viele Mitarbeiter.

Das stimmt, trotzdem konnten wir die Kosten senken.

Wie das? Haben Sie die Löhne gesenkt?

Nein, die Lohnsumme ist höher. Aber fast alles, was die Fifa früher ausgelagert hat, machen wir nun selbst. Allein durch die Reinigungs- und Logistikarbeiten sparen wir 30 Millionen. Die WM 2014 hat die Fifa 2,2 Milliarden gekostet. Die WM 2018 noch 1,8 Milliarden. Anders gesagt: Je mehr man in Eigenregie macht, desto weniger Geld versickert.

Sparpotenzial hätte die Fifa, wenn man aus dem teuren Zürich wegziehen würde.

Das wird aber nicht passieren. Wir haben weltweit 11 Regionalbüros und es werden noch mehr dazu kommen, weil wir näher bei den Verbänden sein wollen. Auch, weil wir die Entwicklungsgelder um den Faktor 5 erhöht haben.

Und Sie sichern damit Ihre Wiederwahl.

Einige Verbandspräsidenten hätten es vielleicht besser gefunden, wenn Sie wie unter meinem Vorgänger 300'000 Franken pro Jahr kassiert hätten, ohne Kontrollen nach dem Verwendungszweck. Jetzt kriegen die Verbände 1,5 Millionen, aber wir kontrollieren sehr genau, wie dieses Geld ausgegeben wird.

Wegziehen aus Zürich? Nicht mit Gianni Infantino als Präsident.

Wegziehen aus Zürich? Nicht mit Gianni Infantino als Präsident.

Kommen wir zum Strafverfahren gegen Sie. Es hängt wie ein Damoklesschwert über Ihnen. Es geht um Ihre Treffen mit dem inzwischen zurückgetretenen Bundesanwalt Michael Lauber geht. Schlafen Sie noch gut?

Ja. Ich weiss nicht einmal, was mir genau vorgeworfen wird. Auch fast drei Monate nachdem das Strafverfahren eröffnet worden ist, habe ich dazu trotz wiederholtem Nachfragen keine Informationen erhalten. Deswegen ist es mir auch unmöglich, mich zu verteidigen.

Wieso nicht? Laut dem ausserordentlichen Staatsanwalt des Bundes, Stefan Keller, gibt es wegen der Lauber-Treffen Anzeichen für strafbares Verhalten: Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses, Begünstigung und Anstiftung zu diesen Tatbeständen.

In den Medien wurde kolportiert, dass ich irgendwelche Absprachen getroffen haben soll. Das stimmt absolut nicht.

Das weisen sie zurück?

Zu 100 Prozent. Nie gab es Absprachen irgendwelcher Art.

Etwas muss dran sein, sonst hätten diese Treffen im «Schweizerhof» Bern dem Bundesanwalt kaum den Job gekostet.

Ich kann nur für mich sprechen. Als ich den Bundesanwalt vor vier Jahren traf, nahm ich meine Pflicht wahr. Ich kam zu einer Zeit zur Fifa, als sie ein Scherbenhaufen war, als mehr als 20 Korruptionsverfahren gegen Fifa-Funktionäre in der Schweiz und noch einmal so viele in den USA liefen, in denen die Fifa die geschädigte Partei war. Ich wurde Präsident dieses Verbands und wusste nicht, ob er schon bald dichtgemacht werden muss. Denn die amerikanische Justiz war nahe dran, die Fifa als kriminelle Organisation einzustufen.

Und diesem heiklen Moment haben Sie den Bundesanwalt getroffen!

Ja. Um ihm zwei Dinge zu sagen: Erstens, die Fifa will und wird sich ändern, ich strebe Reformen an und verbessere die Compliance. Zweitens: Bei allen Verfahren kooperiert die Fifa weiterhin mit den Behörden, die Türen sind jederzeit offen.

Es gab mehrere Treffen, die Rede ist von drei. Und da wollen Sie Michael Lauber bloss die Situation der Fifa erklärt haben?

Ja, wie ich das bei meinem Amtsantritt überall gemacht habe. Und ich wollte ihm unsere Bereitschaft zur Kooperation unter meiner Führung bestätigen. Das ist doch angesichts der früheren Führung der Fifa normal, oder? Michael Lauber nahm das interessiert zur Kenntnis.

Dafür brauchte es drei Treffen?

Ich kann mich nicht mehr an jedes Detail erinnern, immerhin ist das jetzt vier Jahre her! Aber aber eines ist sicher, nämlich, dass alles korrekt war. Wissen Sie noch, was Sie vor einem Monat gegessen haben? Ich nicht. Aber ich weiss noch, dass ich damals keine Bank überfallen und niemanden umgebracht habe. Weil ich solche Dinge nicht mache. Es liegt doch ausserhalb jeder Vorstellungskraft, dass ich in einem bekannten Hotel in Bern, wo man durchaus gesehen wird, den Bundesanwalt treffe, um mit ihm irgendwelche krummen Dinge auszuhecken.

Haben die Treffen mit Gianni Infantino dem Bundesanwalt Michael Lauber den Job gekostet?

Haben die Treffen mit Gianni Infantino dem Bundesanwalt Michael Lauber den Job gekostet?

Sonst hätten Sie es anderswo gemacht?

Weder ich noch der Bundesanwalt könnten es uns doch leisten, über irgendwelche Absprachen nur schon nachzudenken. Ich gehöre wohl weltweit zu den vielleicht fünf Menschen, die am meisten beobachtet und durchleuchtet werden, da ist sowas schlicht und einfach unmöglich.

Kam die Initiative zu den Treffen von Ihnen?

Am Anfang von mir, ja. Darauf organisierte die Bundesanwaltschaft die Details. Nie hätte ich gedacht, dass mir diese Initiative je negativ ausgelegt werden könnte, ganz im Gegenteil. Ich dachte, wenn man davon erfährt, denken die Leute: Der neue Fifa-Präsident macht das anders als die alte Fifa-Führung. Ein Fifa-Präsident, der zum Bundesanwalt geht: Sowas gab es früher doch nicht.

Wittern Sie eine Verschwörung?

Ich glaube nicht an Verschwörungen, aber es passieren komische Sachen. Vielleicht geht es ja gar nicht um mich, sondern um den Bundesanwalt.

Sie waren Mittel zum Zweck, ihn abzuschiessen? Wäre es so, bräuchte es kein Strafverfahren gegen Sie.

Vielleicht schon, um das Hauptziel zu erreichen.

Ist es Ihnen unangenehm, dass Lauber über die unprotokollierten Treffen mit Ihnen gestolpert ist?

Angenehm ist es nicht. Aber letztlich ist es nicht meine Sache, ob und was der Bundesanwalt protokolliert.

«Nicht meine Sache, was der Bundesanwalt protokolliert und was nicht», sagt Gianni Infantino.

«Nicht meine Sache, was der Bundesanwalt protokolliert und was nicht», sagt Gianni Infantino.

Haben Sie nichts protokolliert?

Nein, mir ging es ja nicht um Formalien. Sondern um die Message: Ich wechselte von der Uefa zur Fifa, weil ich diesen Verband wieder auf Kurs bringen wollte, oder vereinfacht gesagt: Um diesen Laden aufzuräumen und die Altlasten abzutragen.

Stecken Ihre Feinde dahinter? Ihr Vorgänger Sepp Blatter, oder Ihr Ex-Uefa-Kollege Michel Platini?

Darüber denke ich nicht nach. Natürlich wollte Platini Fifa-Präsident werden, und ein Vorgänger kann es nicht gut finden, wenn ich vieles ändere. Ich habe zu ihnen keine Kontakte mehr.

Und zu Michael Lauber?

Auch nicht.

Warum haben Sie den Walliser Staatsanwalt Rinaldo Arnold zu den Treffen mit Lauber mitgenommen?

Er war zweimal dabei. Weil ich ihn seit langem kenne – etwa als Präsidenten des FC Brig – und weil er ein Staatsanwalt mit hoher Ethik ist. Ich wollte jemanden dabei haben, dem ich vertrauen konnte.

Entschuldigen Sie, aber das wirkt doch seltsam: Sie wollen Lauber die Fifa erklären – und nehmen einen alten Kollegen mit, der nichts mit der Fifa zu tun hat?

Ich wollte Herrn Lauber nicht die Fifa, sondern die neue Haltung der Fifa aufzeigen. Die Fifa war Geschädigte in mehreren Strafverfahren, da bin ich frei, mitzunehmen, wen ich möchte. Die Integrität und Expertise eines Staatsanwalts zur Seite zu haben war da sicher nicht falsch.

Sehen Sie nicht, dass es falsch verstanden werden kann?

Doch, und das tut mir auch leid. Entscheidend aber ist: Juristisch war alles korrekt und ich muss mir sicher auch aus ethischer Perspektive nichts vorwerfen lassen. Ich handelte aus dem Gefühl heraus: Ich habe nichts zu verstecken, ich bin offen und transparent.

Bundesanwalts-Sprecher André Marty war auch noch bei den Treffen dabei. Sonst noch jemand?

Nein. Sind wir jetzt in einem Verhör? (lacht)

Die ersten beiden Treffen fanden im Frühling 2016 statt. Das dritte im Juni 2017. Es erscheint nicht plausibel, dass es beim dritten Treffen darum ging, dem Bundesanwalt die Fifa zu erklären. Worum ging es bei diesem dritten Treffen? Um das Verfahren gegen Blatter und Platini?

Wieso ist das nicht plausibel? Ich muss ja jetzt, vier Jahre später, immer noch allen die neue Fifa erklären!

Sie haben nun erstmals die Details dieser Treffen erklärt. Wenn Sie nichts zu verbergen haben: Warum schiesst sich dann die Fifa derart auf den ausserordentlichen Staatsanwalt ein?

Das tun wir doch gar nicht. Aber wir wehren uns gegen rufschädigende Spekulationen auf der Basis eines Vorwurfs, den niemand kennt, auch ich als Beschuldigter nicht. Es gilt, die Reputation der Fifa zu schützen. Der Schaden ist durch dieses unbegründete Strafverfahren leider längst angerichtet.

Haben Sie je bereut, Fifa-Präsident geworden zu sein?

Ich bereue es zehnmal im Tag! Aber hundertmal sage ich mir, wie toll dieser Job ist. Dass ich hier etwas bewirken kann, das auf der ganzen Welt positive Folgen hat. Ich konnte einen Beitrag dazu leisten, dass jetzt Frauen im Iran Fussballspiele besuchen dürfen. Erstmals wieder seit 40 Jahren. Ich ging dreimal in den Iran, ich traf Staatspräsident Rohani. Das sind vielleicht kleine Dinge, aber es macht vielen Menschen Freude.

Infantino - hier mit Russlands Präsident Putin - hat Zugang zu den Mächtigen der Welt.

Infantino - hier mit Russlands Präsident Putin - hat Zugang zu den Mächtigen der Welt.

Was sagen Ihre Frau und Ihre vier Töchter, wenn sie von den Vorwürfen gegen Sie lesen - oder wenn Sie umstrittene Politiker wie Putin oder Trump treffen?

Drei meiner vier Töchter sind im Teenageralter, und manchmal gibt es hitzige Diskussion. Das ist normal. Meine Familie weiss: Mir geht es immer nur um eins. Um den Fussball.

Dass Sie sich für den Frauenfussball stark machen: Hängt das mit Ihren Töchtern zusammen?

Vielleicht sensibilisiert mich das zusätzlich, aber es ist ganz einfach eine Herzensangelegenheit. Der Frauenfussball hat riesiges Potenzial. Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Wir brauchen bei der Fifa auch mehr Frauen in Führungspositionen. Meine Töchter spielen übrigens Handball, nicht Fussball…

Handball? Was ist in der Erziehung schief gegangen?

Ich konnte da nicht viel machen. Im Dorf gab es nur einen Handballclub. Aber Handball, das ist ganz okay.

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